Von Nutten, Moslems und einer Behindertenwerkstatt

IMG_20160712_111249822Samstag. Wochenende. Und was macht man da so? Weggehen zum Beispiel. Durch einen glücklichen Zufall hatte ich am Vortag einen Kumpel von IMG-20160713-WA0006meinem letzten Aufenthalt her getroffen. Enok fährt Pikipiki und brachte mich an diesem Abend zu dem Haus der Freiwilligen der Sports Charity, mit denen es dann später in zwei Clubs in Mwanza City ging. Hatte ich bislang sehr positive Erinnerungen an das tansanische Nachtleben, konnte sich dies dieses Mal nur begrenzt bestätigen. Sicher, die Musik war gut, aber es gab eine Sache, die mich ganz erheblich störte: Prostituierte. Wir waren eine Gruppe von 13 Jungs, und somit rasch als leichte Beute ausgemacht. Bislang war ich stets mit Mädels in den Clubs gewesen, sodass mir nie aufgefallen war, wie viele der Frauen dort wegen des Geldes sind. Nun ist es so, dass ich mit meiner privaten Situation mehr als zufrieden bin und mich nicht zu diesen Damen hingezogen fühlte, was man umgekehrt leider nicht behaupten konnte. So entschied ich mich irgendwann in der Nacht, den Heimweg anzutreten und Enok holte mich ab, was mir eine tolle Motorradfahrt durch die Nacht bescherte.

Nachdem ich den Sonntag notgedrungen ein wenig ruhiger angehen ließ und wir am Abend gemeinsam das EM-Finale anschauten, wartete am Montag wieder die Arbeit. Nach einem Skype am Morgen mit den anderen Mitgliedern des Kernteams unseres Vereins, ging es runter zu den Kindern, wo ich beim Unterricht zusah. Anschließend ging ich gemeinsam mit Annika zur benachbarten Organisation „Uzima Center“, die sich vorwiegend um HIV-positive Menschen kümmert. Nachdem ich eine Mitarbeiterin in Deutschland kennengelernt hatte, wollte ich mir die Organisation genauer anschauen und mit der Verantwortlichen zusammen überlegen, ob sich nicht Möglichkeiten der Zusammenarbeit bieten. Auch wenn wir beide sehr daran interessiert sind, müssen wir noch weiter in uns gehen, wie wir dies angehen könnten. Jedenfalls aber bot sie an, dass unsere infizierten Kinder sich bei Uzima registrieren könnten und somit kostenloses Essen sowie Fahrtkosten zum Krankenhaus bekommen könnten. Auf dieses Angebot wollen wir unbedingt zurückgreifen. Insgesamt hinterließ der Besuch einen sehr positiven Eindruck und ich werde mir weiter den Kopf zerbrechen, wie eine Zusammenarbeit (insbesondere durch einen Freiwilligenaustausch) aussehen könnte.

Am Nachmittag erlebten wir einen der seltenen Stromausfälle, ich glaube während meines jetztigen Besuches überhaupt erst der zweite. Wenn ich an meine letzten Aufenthalte in Tansania denke, wo dies mehrmals wöchentlich geschah, hat sich in dieser Hinsicht einiges getan. Wie es im Tansania von heute so ist, wird jeder Fortschritt im Land auf den neuen Präsidenten Magufuli zurückgeführt, der nicht umsonst den Spitznamen „tingatinga“ (Bulldozer) trägt, da er vehement seine Pläne durchsetzt. Dabei erfreut er sich großer Popularität und es ist tatsächlich so, dass sich in Tansania vieles zum Besseren gewandelt hat, seit er an der Macht ist. Kritisch sollte man allerdings betrachten, dass er dabei zuweilen demokratische Strukturen übergeht. Ohne die damit verbundenen Gefahren negieren zu wollen, kann man ihm zugute halten, dass diese allerdings durch und durch von Korruption durchzogen sind und somit einen schnellen Fortschritt ausbremsen würden. Ein sehr aufschlussreicher Artikel zu Magufuli fand sich im April in der Süddeutschen Zeitung.

IMG-20160714-WA0003Die Tansanier reden gerne über ihren Präsidenten. Es war also nicht überraschend, dass auch an diesem Abend das Gespräch auf Magufuli kam. Annika und ich waren der Einladung einer Tante von Obadia gefolgt, der die Behindertenwerkstätte Tunaweza gründete und während des Aufenthaltes der Delegation bei uns zuhause gewohnt hatte. Nach leckerem Tilapia mit Reis und Gemüse diskutierten wir über Stunden abwechselnd auf Englisch oder Swahili über Gott und die Welt, was ruhig wörtlich zu verstehen ist. Nachdem ich in meinem letzten Blogbeitrag schon ein wenig Gedanken über das Zusammenleben von Moslems und Christen in Tansania entwickelt hatte, unterstrich dieser Abend meinen positiven Eindruck. In diesem Raum fanden sich tiefgläubige Christen, ein Zeuge Jehowas, mit meiner Wenigkeit jemand, der wohl noch zu bekehren sein muss (Versuche gab es genug!), und Moslems, deren IMG_20160713_160210549ausgesprochene Gastfreundschaft wir genießen durften. Alle um uns herum einte seit vielen Jahren eine lange Freundschaft oder familiäre Bindung und es entwickelte sich ein ausgesprochen spannendes Gespräch. Politik, Hitler, Kolonialismus, Unterschiede zwischen Deutschland und Tansania, den Islam, der IS (wobei es weh tut, diese beiden Dinge in einem Satz zu schreiben) und eben Religion waren nur einige Themen. Ich denke immer noch gerne über diesen Abend nach und als wir uns verabschiedeten, wurde mir bescheinigt, ein „Mzungu mit spannden Stories“ zu sein, was wohl unter anderem daran lag, dass ich die Begeisterung für Hitler eines der Anwesenden nicht ganz zu teilen schien. Nachdem Obadias Auto schlapp machte, fiel die Wahl mal wieder auf ein Pikipiki und als wir auf Ilemela zurasten, lag einer der schönsten Abende meines diesmaligen Aufenthaltes hinter uns.

 
 

IMG_20160712_111101245Der Dienstagvormittag gehörte ganz Fonelisco, wo ich mich als Aushilfslehrer versuchen musste, nachdem Edward seine Familie besuchte. Das versetzte mich wieder zurück in die Zeiten, als ich hier als Volontär tätig war. Am Nachmittag fuhren wir zu Tunaweza, wo ich mich mal wieder mit Mitbringseln ausstattete. Ich liebe diese Behindertenwerkstätte einfach. Nicht nur, dass sie tolle Produkte zu geringem Preis anbieten, all diese Sachen sind von Menschen mit Behinderung gefertigt, die von dem Umsatz direkt profitieren. Besonders aber freut mich die Herzlichkeit, mit der man dort empfangen wird. Insbesondere Stefano, einer der leitenden Angestellten, ist eine faszinierende Persönlichkeit. Mit einem vollem Rucksack und dem Gefühl, eine gute Sache unterstützt zu haben, fuhren wir wieder nach Ilemela, wo es im Waisenhaus am Abend zum mehrstündigen Fußballspiel kam, nach dessen Ende ich erst einmal Wunden versorgen musste und auch selbst über einen leicht geprellten Fuß zu klagen hatte. Den Abend beschloss ich mit einem Skype-Meeting gemeinsam mit Joseph und den anderen Mitgliedern des Kernteams, in dem wir besprachen, wie ein für das Wochenende angesetztes Gespräch mit allen internationalen Unterstützern aussehen könnte, in dem wir den Grundstein für eine bessere Zusammenarbeit legen wollen.

IMG_20160713_113904603Am gestrigen Mittwoch folgte Teil Zwei unseres AIDS-Tests. Dieses Mal kamen die Mitarbeiter von Shaloom zu uns ins Waisenhaus, wo im Laufe des Tages alle Kinder getestet wurden und sich nur ein volljähriges Kind und ein Staffmitglied gegen den Test entschieden. Die wunderbare Nachricht: An diesem Tag gab es kein einziges positives Ergebnis! Somit wurde durch den Test insgesamt nur ein einziges Kind als infiziert festgestellt. Daneben haben wir noch ein Mädchen, von der wir bereits bei ihrer Ankunft wussten, dass sie HIV positiv ist. Für das zweite Kind werden wir heute oder morgen mit der Behandlung starten, zusätzlich werden die beiden bei Uzima registriert. Noch während der Test im vollen Gange war, wurde ein von einem spanischen Besucher mitgebrachtes Volleyballnetz aufgebaut und mehrere Stunden lang bespielt. Es hatte etwas, mal nicht nur Fußball zu spielen und mit den Kids eine andere Sportart auszuprobieren.IMG_20160713_221406813

Der Abend war ein wunderbarer Abschluss dieses ereignisreichen Tages. Gemeinsam mit Joseph fuhr ich in ein Restaurant, wo wir einen großen Teil der Mitglieder der Delegation in Würzburg trafen und einen wunderbaren Abend mit hochprozentigem, aber ausgesprochen guten Wein und leckerem Essen genossen. Daneben war auch noch Steven, der bei dem Essen bei Obadias Tante dabei war, sowie Stefano von Tunaweza mit in der Bar.

Die Zeit hier vergeht wirklich schnell, nur noch wenige Tage und ich steige wieder in den Flieger in Richtung Deutschland. Ich freue mich auf die Tage, die jetzt noch anstehen und hoffe, dass ich die Zeit finde, noch einmal darüber zu berichten.

Bis dahin: Ahsante sana kwa kusoma blogi hii. Ninatumaini kwamba iliwafurahisha. Karibu Tanzania!

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Von links nach rechts: Jacob, Msafiri, Steven, Anunsiata, Edwin Joseph, Stefano, Ich, Obadia