Von kulinarischen Ergüssen und der Juristerei

Ich komme nicht hinterher mit meinem Blog und bin ganz schön im Verzug. Das liegt unter anderem daran, dass ich ein paar Tage nicht im Office war und wenn ich dort bin, mittlerweile erfreulich viel zu tun habe. Aber dazu später.

Politische Aufwärmübungen, der Geist Merkels und ominöse Geldübergaben

Am Montag, den 28.08., ging es mal wieder mit Enok zur Arbeit. Dieser war nach Mwanza zurückgekehrt, sodass ich in Zukunft abwechselnd mit Enok und Denis fahren würde. Bei TAWLA im Büro angekommen, war Fatma schon weg und so nahm ich ein weiteres Pikipiki, um zu einem Hotel in der Stadt zu kommen. Hier fand ein politischer Workshop statt. Ziel des Seminars war es, junge Menschen und Freuen auf die Wahlen in Tansania 2019/20 vorzubereiten, um dort eine möglichst große Repräsentation dieser Gruppen zu erreichen. Das Ganze lief im Rahmen des unter anderem von der EU geförderten WYPRE, Women & Youth Political Representation Enhanced.

Bevor es losging, warteten einige Teilnehmer und ich noch bei Naturdokus mit Tigern und Krokodilen und nahmen ein leckeres Frühstück am Buffet ein. Gesättigt lauschte ich der kurzen Einführung Fatmas, die TAWLA und die Ziele des Workshops vorstellte. Das Ganze lief auf Swahili, aber nachdem ich auf die Folien am Computer spicken konnte, verstand ich viel. Die nächsten Stunden verbrachten wir damit, dass die Teilnehmer des Seminars von den Erfahrungen ihrer letzten Kampagnen und Amtszeiten berichteten. Dies wurde dann von Fatma kommentiert. Nach jedem Redebeitrag wurde die Gesellschaft aufgelockert: Eine der Personen meldete sich freiwillig, alle standen auf und mussten eine kleine Übung nachahmen, die diese Person vormachte. Dies sorgte immer wieder für viel Heiterkeit und tat wirklich gut. Bevor es zu einem weiteren grandiosen Mahl (Hähnchen, Fisch und Fleisch!) ging, wurden die Seminarteilnehmer noch für ihre Anreisekosten entschädigt. Ich war überrascht, als mir Fatma ebenfalls 50,000 TZS in die Hand drückte. Meine Versuche, dies abzulehnen, scheiterten. Also versprach ich es, für Fone zu verwenden, was ich mittlerweile getan habe.

Nach dem Mittagessen hatte ich frei und ging in die Stadt, wo ich in einem Laden in ein Gespräch über Angela Merkel verwickelt wurde. Also musste ich genau erklären, was ich an ihr gut und schlecht finde und wie unser Parteiensystem funktioniert. Wenn möglich bitte mit dem tansanischen abgleichen! Auf Swahili ein Klacks! Aber meine Gesprächspartner schienen trotzdem recht zufrieden mit den vermittelten Informationen zu sein, sodass ich weiter meinen Tätigkeiten nachgehen können. Diese führten mich zu einem Matratzengeschäft, bei dem ich die Bestellung der Matratzen abschließen konnte. Die der Kinder waren wirklich in einem grauenhaften bis nicht mehr existenten Zustand gewesen. Silke und Maike, die kurze Zeit in Mwanza zu Besuch war, hatten sich bereit erklärt, von ihnen gesammeltes Geld hierfür einzusetzen. Zuhause angekommen besprachen Maike, Silke, Joseph und ich Budget, während wir auf die Ankunft der Matratzen warteten. Als letztlich der Lastwagen kam und 25 Matratzen auf unserem Hof landeten, kam, was kommen musste: Die Geldübergabe. Ich zauberte mir also ein Hawaiihemd herbei, knöpfte die obersten drei Knöpfe auf, um meine Brusthaare zur Geltung zu bringen, setzte die Sonnenbrille auf und übergab mit einem stillen Kopfnicken den Umschlag mit knapp 2,000,000 TZS, die ich natürlich nur als Strohmann mittelte.

„Boss is in da House“

Am Dienstag stand wieder ein Bürotag an. Die Kanzlei war rappelvoll: Nicht nur, dass mit Ashley unser kleines Büro fortan vier Leute beherbergen würde, auch der Chef, Leonard, war wieder da. Er stattete er uns einen Besuch in unserm Kämmerchen ab, um nachzufragen, an was wir gerade arbeiteten. Tatsächlich waren wir gut beschäftigt: Wir nahmen gerade die finanzielle Zuständigkeit des High Courts of Tanzania nach allen Regeln der juristischen Kunst auseinander, sprich wir versuchten sie uns so hinzubiegen, dass unser Fall unter ebendiese fallen würde. Mit der Rückkehr Leonards ist deutlich mehr Struktur und Zug in mein Praktikum gekommen. Langweilig ist mir nicht mehr und statt Zeit für Fonelisco oder Blogbeiträge zu nutzen, kann ich wirklich juristisch arbeiten. Das freut mich sehr, bietet es mir doch wirklich die Möglichkeit, einen richtig guten Einblick in das System Tansanias und die Arbeitsweise zu bekommen. Zu Beginn eines jeden Research-Auftrages fühlt man sich noch komplett überfordert, weil man logischerweise die entsprechenden Gesetze nicht kennt. Aber ich versuche einfach mit der gleichen Weise die Probleme anzugehen wie in Deutschland und kann auch immer auf die Hilfe meiner drei Mitinsassen bauen. Selbst, wenn ich nicht glaube, auf dem gleichen juristischen Gebiet wie die Kanzlei – fast ausschließlich zivilrechtlich und insbesondere Landstreitigkeiten betreffend – zu arbeiten, lerne ich wirklich eine Menge.

Pizza. Echte Pizza. Also mit Käse. Aber nicht für mich.

Zuhause angekommen ging ich nach einer kurzen Dusche runter zu Fone, wo die Volontäre gerade einen Workshop mit den Kindern zu dem Thema veranstalteten, wie man denn nun richtig Zähne putzt. Danach sputeten wir zum nächsten Daladala, mit dessen Conductor ich mich anlegen musste. Erst tat er auf guten Kumpel, dann aber wollte er uns zu wenig Geld rausgeben. Nun gut, es ging um umgerechnet 4 Cent, aber für mich ist es eine Prinzipsache, dass ich genauso viel für eine Busfahrt zahle wie jeder andere und keinen Weißenbonus blechen muss. Wenn ich das Bedürfnis verspüre, Menschen an meinem grenzenlosen Reichtum, den jeder Weiße freilich verkörpert, teilhaben zu lassen, lasse ich sie das schon wissen. Letztlich mit den 100 TZS Rückgeld in der Hand gingen wir zu Mirjam und Kathie, zwei Freiwilligen der Sports Charity. Dort gab es leckere Pizza, weil sie über eine neue Erfindung aus Europa namens „Ofen“ verfügen. Ob sich das durchsetzt? Die Qualität der Pizza spricht dafür. Mir wurde die Pizza jedoch ohne Käse serviert, nachdem mein Magen und ich zuweilen anderer Meinung darüber sind, was gut für mich ist. Den Käse hätte wohl selbst mein Magen nochmal durchgehen lassen, aber es war wirklich fürsorglich gewesen, nachdem ich gegenüber einer Lasagne leise Bedenken angemerkt hatte.

Schlange stehen bis das Network klemmt

Auf dem Weg zur Arbeit am Mittwoch erfreute ich mich an dem Schülerlotsen, der Enok ein Schild mit der Aufschrift „Simama“ – „Bleib stehen“ vor die Nase hielt. Der Lotse war selbst noch ein Schüler, wohl noch keine zehn Jahre alt. Enok hielt brav an und bedankte sich artig bei dem Jungen, der das Schild auf „Nenda“ – „Fahre weiter“ drehte, nachdem ein paar Kinder hastig die Straße überquert hatten. Im Büro erwartete mich ein sehr geschäftiger Tag, nachdem uns Leonard beim üblichen Morgenkaffee einen Fall erklärte und uns eine damit verbundene Research-Aufgabe zuteilwerden ließ. Ich denke, er ist wirklich ein Chef, bei dem seine Angestellten viel lernen können. Er nimmt sich die Zeit für sie, hört sich in Ruhe an, was sie über juristische Fragen denken und erklärt erst dann, wie er handeln oder nachforschen würde. Am Nachmittag wurden Yasir und ich zur Bank geschickt, um dort für einige Akten zu bezahlen. Die Schlange war erschreckend lang und angesichts der Tatsache, dass nur ein Schalter geöffnet war, stellten wir uns auf eine lange Wartezeit ein. Normalerweise müsste stilistisch hier ein überraschendes „Aber es kam ganz anders“ kommen. Leider war dem nicht so. Wir verbrachten fast zwei Stunden in der Schlange, bis ein Mitarbeiter verkündete, dass sich das Network verabschiedet hatte. Dementsprechend schloss die Mitarbeiterin den einzigen Schalter, obwohl man kaum glauben konnte, dass sie tatsächlich über irgendwelche elektronischen Hilfsmittel verfügte, die die Arbeit beschleunigen könnten.
Wir hatten Glück und uns wurde eine Sonderbehandlung zuteil, sodass wir an einem separaten Tisch letztlich doch unsere Akten bezahlen konnten, um sie gerade noch rechtzeitig im Gericht einzureichen.
Nach einem kurzen Mittagessen ging ich mit Silke und Mirjam unser Zugticket buchen: Am 12.09. geht es los nach Morogoro. Der Zug, der dorthin etwa 30 Stunden braucht ist ein lang ersehnter Traum von mir. Bislang hatte sich eine Fahrt mit dem aus Kolonialzeiten stammenden „Gari Moshi“ nicht mit meinen Planungen vereinbaren lassen, nachdem mich Schreckgeschichten von Verspätungen bis zu einer Woche in der Regenzeit abgeschreckt hatten. Aber dieses Mal soll es endlich soweit sein!

Am Abend schrieb ich noch ein wenig am Blog weiter und führte dann lange und interessante Gespräche mit Silke, bis wir um 12 Uhr nachts auf meinen Geburtstag anstoßen konnten, dessen Beginn sie mir mit einer mit Kerzen bestückten Tafel Schokolade versüßte. Auch Joseph kam um 12 dazu, als er gerade aus dem Krankenhaus wiederkam, von dem er eine weniger erfreuliche Malariadiagnose präsentierte.

Ein ganz normaler Fone-Tag. Aber mit Kuchen.

An meinem Geburtstag hatte ich netterweise frei bekommen. Leider schlief ich schlecht, sodass ich den Tag über recht müde war. Nach einem Telefonat mit den beiden Personen, die entscheidenden Anteil daran haben, dass ich diesen Tag überhaupt feiern darf, ging ich zu Fone. Denn eigentlich hatte ich mir für den Tag nur diese eine Sache vorgenommen: Möglichst viel Zeit bei Fone zu verbringen. In Tansania werden Geburtstage nicht gefeiert und wenn doch, dann geschieht es, um westliche Traditionen nachzuahmen (dies ist jedenfalls mein Eindruck). Das bot mir aber die Möglichkeit, einen ganz normalen Tag verbringen zu können. Trotzdem war es schon ein seltsames Gefühl, das ich nicht ganz beschreiben kann.

Bei Fone durfte ich mich wieder als richtiger Volontär fühlen, als ich Kambarage erklärte, dass 5+0 nicht 6 ist. Solche Dinge vermisse ich schon sehr, haben sie doch während meiner ersten Zeit in Tansania meinen Alltag geprägt. Als Volontär hat man so viele Möglichkeiten, eigene Initiative zu ergreifen und Tag für Tag kleine Erfolgserlebnisse zu verzeichnen. Auch wenn es nur eine kleine fünf in einem Heft ist. Solche Erfolgserlebnisse sind schon schwieriger zu bekommen, wenn man von Deutschland aus arbeitet und es sind gerade diese kleinen Begegnungen mit den Kids, die diese Zeit so wertvoll machen. Aber anstatt darüber nachzudenken, dass ich solche Erfahrungen wohl kaum nochmals in gleicher Form machen kann, sollte ich mich lieber darüber freuen, sie bereits gemacht zu haben und mit meiner Arbeit einen Teil dazu beitragen zu können, dass andere dies erfahren dürfen.

Nach einer kleinen Fußballrunde ging es nach Hause, wo Silke uns ein herrliches Hühnchencurry gezaubert hatte. Mit vollem Magen musste ich mich dann aber erst einmal in die Waagerechte bewegen, um den fehlenden Schlaf aufzuholen. Von dem kurzen Nickerchen gestärkt kaufte ich auf dem Markt Kekse für die Kinder, die ich bei Fone verteilte, wo ich noch eine weitere Runde Fußball einlegte.

Für den Abend hatte mein Anwalt Leonard angekündigt, eine Party zu organisieren. Und dem wurde er mehr als gerecht. Mit den Volontären, Joseph und Pius fuhren wir zu einer Bar, wo der Großteil der Angestellten der Kanzlei bereits auf uns wartete. In einer super netten Atmosphäre und unglaublichen Mengen an bestem Essen neigte sich mein Geburtstag zu Ende. Zum Abschluss gab es einen knallblauen Kuchen, den wir zur Hälfte verspeisten und zur anderen Hälfte die Kinder am nächsten Tag bekommen würden. Es war unheimlich nett von Leonard gewesen, das Essen zu organisieren, obwohl ich nur ein Praktikant seiner Kanzlei bin, den er gerade einmal ein paar Tage lang kannte. Ich bin ihm wirklich sehr dankbar dafür, was für einen schönen Abschluss er mir für meinen Geburtstag bereitete.

Meine Zeit in Mwanza neigt sich bereits dem Ende zu. Nächsten Dienstag bin ich weg, obwohl ich Tansania noch ein wenig erhalten bleibe. Den Urlaub kann ich auch gut gebrauchen, aber trotzdem fließt mir die Zeit unter den Händen weg. Aber ich bin sehr froh, wieder in Mwanza gewesen zu sein, meinem „second home“ – und es fühlt sich wirklich so an. Bevor ich also ein Resümee meiner Zeit hier verfasse, genieße ich lieber noch die letzten Tage und verschiebe dies auf den nächsten Eintrag.