Von bockigen Böcken, meiner angehenden Vaterschaft und einem kolonialen Feuerlöscher

Die letzten Tage waren sehr voll, sodass ich leider erst heute Zeit finde für meinen zweiten Blogeintrag. Viel hat sich seitdem bei mir getan. Mittlerweile habe ich weniger Zeit für Fonelisco, weil ich den Großteil des Tages im Praktikum verbringe. Ich freue mich aber schon aufs Wochenende, wenn ich hoffentlich mehr Zeit bei Fone verbringen kann.

Ein mähender Kofferraum

Doch auch dieses Mal der Reihe nach. Am Freitag fuhren wir am Morgen gemeinsam mit Joseph in Richtung Igoma. Zielort: Ziegenmarkt. Zweck: Ziegen kaufen. Dort angekommen wurde bereits unser Auto umringt von Menschen und Ziegen, sodass man sich erst einmal trauen musste, sich aus dem sicheren Auto in das Getümmel zu stürzen. Dort standen wir nun und von allen Seiten wurden mehr oder weniger sanft Ziegen(böcke) herbeigezerrt. Letztlich bin ich überrascht, dass die von uns gekauften Ziegen tatsächlich noch über funktionsfähige Beine verfügen, wenn man bedenkt, wie oft es ihnen wohl so ergeht. Die Verhandlungen begannen und zu einem Paketpreis von ca. 30€ pro Ziege erwarben wir ein Männchen und ein Weibchen. Juliane brachte zum Glück den guten Einwand vor, dass sich diese doch sehr ähneln und zum Zwecke der Fortpflanzung weniger geeignet sein könnten, wenn sie Geschwister sind. Tatsächlich war dem so, also wurde das Weibchen rasch noch ersetzt und die beiden Ziegen in den Kofferraum gepackt. Dann fuhren wir begleitet von einem ständigen dumpfen Blöken etwa eine halbe Stunde in Richtung New Land. Zwischendurch prüften wir sicherheitshalber, ob unsere Mitfahrer noch fleißig am Atmen waren. Auf dem New Land angekommen, erreichten die Ziegen ihr neues Zuhause. Denn dort steht nun der Hühnerstall leer, nachdem wir die letzten Hühner verspeist hatten. Nachdem aufgrund der veränderten Marktlage die Hühner vorerst wohl kein lukratives Geschäft mehr darstellen, möchten wir auf Ziegen umsteigen. Eine Ziege mit Baby hatten wir bereits, sodass wir mit einer sehr geringen Investition von 60€ ein weiteres Projekt begründen konnten. Die Ziegen sollen eine überglückliche Familie begründen, deren „Früchte“ dann verkauft oder selbst genutzt werden können. Silke hatte vor ihrer Ankunft in Mwanza Geld gesammelt, wovon sie netterweise unter anderem die Ziegen bezahlte. Wir hoben die Ziegen, von Silke liebevoll Lotti und Maxi getauft, aus dem Kofferraum und banden sie los und wollten sie zu den anderen Ziegen (Kuku und Tamtam) bringen. Dabei machte unser Bock seinem Namen allerdings alle Ehre: Er ließ sich kaum dazu herab, einen Huf vor den anderen zu setzen und schmiss sich regelmäßig auf den Boden. Irgendwann hatten wir es dann aber doch mit vereinten Kräften geschafft und die hoffentlich bald glückliche Familie ward zusammengeführt.
Wann immer man auf dem New Land ist, ist doch auch das Wildleben immer eine Attraktion. Würden uns in Deutschland bei dem Anblick die Augen aus dem Kopf fallen, so ist nichts Besonderes daran, dass wir an diesem Tag neben Termitenhügeln und Adlern auch eine Schlangenhaut und maisklauende Affen sehen konnten. Zum Schluss unseres Trips inspizierte ich noch unsere Kühe, die sehr gesund aussehen. Nur der gewaltige Bulle scheint auf einem Auge blind zu sein, was ihn aber offenbar nicht davon abgehalten hat, seinen Job pflichtbewusst zu erledigen: Alle unsere Kühe sind schwanger.

Am Abend brachten wir noch unseren „Probesack“ Reis zur maschinellen Verarbeitung. Dort ergab die Waage die ernüchternde Zahl von 40 kg Reis, die der Sack am Ende gerade einmal wog. Damit schätze ich, dass wir nicht mehr als 700kg insgesamt geerntet haben, also meilenweit unter den angepeilten 1,5 Tonnen liegen. Nach dem Abendessen gingen wir noch mit Eddie und John, der ein paar Tage aus Dar Es Salaam zu Besuch war, etwas trinken. Eddie lernt gerade Deutsch in einem Deutschkurs; mal sehen ob er unser Getratsche am Ende seines Kurses aufdecken kann.

Ein wahres Fone-Wochenende

Der Samstag war ein Fone-Tag durch und durch. Am Morgen stand ein dreistündiges Staff-Meeting an. Mittlerweile sind fast alle Stühle im Waisenhaus kaputt, sodass ich auf einem (ebenfalls kaputten) Eimer Platz nehmen musste (mein Hintern tut immer noch weh). Eines der großen Themen war die geringe Bezahlung des Staffs. Das ist ein leidiges Thema, das uns schon lange begleitet. Die Bezahlung unserer Mitarbeiter vor Ort geschieht nicht durch Gehälter, sondern durch eine Art Aufwandsentschädigung. Die ist mit gut 50€ pro Monat und Nase sehr gering, wenngleich man dies stets in Relation zur hiesigen Kaufkraft sehen muss. Gleichzeitig kann Fonelisco aber einfach nicht mehr zahlen, schon so kann ich mich nicht an den letzten sorgenfreien Monat erinnern, an dem ich gegen Mitte des Monats Lust verspürt habe, allen Kids Champagner zu spendieren. Stattdessen kämpfen wir uns von Monat zu Monat, sodass es verantwortungslos wäre, ein Versprechen zu geben, was wir nicht halten können oder was darin resultieren würde, dass wir noch mehr Probleme als sowieso schon haben, wichtige Dinge wie das Essen für die Kids zu sichern. Besonders störte es mich aber, dass Paul – der Fürsprecher des Staffs – sich immer direkt an mich wandte, als Vertreter des Fonelisco e.V. Ich habe den Rahmen des Meetings genutzt, um klarzustellen, dass Fonelisco immer noch Josephs Organisation ist und es auch in seiner Verantwortung liegt, den Staff zu bezahlen. Wir können nicht mehr leisten, als Joseph zu unterstützen, indem wir unter anderem für ihn in Deutschland Geld sammeln und ihm dieses zukommen lassen. Trotzdem ist es nicht zu leugnen, dass uns gegenüber eine unheimliche Erwartungshaltung besteht und wir uns so in einer Verantwortungsrolle wiederfinden, die wir nicht wollen und der wir eigentlich nicht gewachsen sind. Insbesondere psychisch ist es nicht immer leicht, wenn man sich dafür verantwortlich fühlt, wenn morgen kein Essen auf den Tellern der Kinder ist oder ein Kind wegen Krebs nicht behandelt werden kann.

Mit Pius verbrachte ich die nächsten zwei Stunden, die Steckdose in unserem Zimmer zu reparieren. Das dauerte insbesondere deshalb so lange, weil wir andauernd etwas vergaßen und so immer wieder zu den Shops laufen mussten, bis letztlich die Steckdose wieder ihren Dienst tat. Danach spielte ich eine Weile mit den Kids Fußball. Wenn ich daran denke, dass ich das früher jeden Tag gemacht habe, kommt das doch ein bisschen zu kurz… Aber jedes einzelne Mal genieße ich! Am Abend brachten Sibylle, Silke und Juliane den Kindern einen Film zum Anschauen: Ice-Age war auf dem Programm. Dazu gab es Obst für die Kids, während ich mich um ein Stromproblem im Mädchenhaus kümmern musste und dann zuhause Computerarbeit erledigte.

Auch den Sonntag verbrachte ich zu erfreulich großen Teilen mit Fußballspielen. Dabei ließ ich das Mädchen aus mir heraus und spielte gemeinsam mit Silke im Mädelsteam. Auch wenn unsere Siegesquote nicht die allerbeste war, macht es umso mehr Spaß, wenn man dann doch die ehrgeizigen Jungs mal schlagen konnte. Zum Mittagessen gab es leckere Sambusa, eine Art Teigtaschen mit Gemüsefüllung und im Anschluss führten wir ein längeres Gespräch mit Joseph über mögliche Anschaffungen für das Waisenhaus. Den Nachmittag verbrachten wir am Strand von Tunza und Silke und ich planten unsere Reise weiter, während wir im Hintergrund den Sonnenuntergang bewundern konnten.

Ich werde Papa!

So, jetzt habe ich zumindest einmal die Aufmerksamkeit meiner Eltern. Am Montag ging mein Praktikum in einer Kanzlei in Mwanza los. Nachdem ich schlecht geschlafen hatte (leider bleibt es dabei seit diesem Tag), musste ich viel zu früh aufstehen und mit Enok, meinem Pikipiki-Fahrer, die etwa 20-minütige Fahrt zu meinem Arbeitsplatz für die nächsten vier Wochen antreten. Dort kam ich noch vor allen anderen an und bevor sich die Tür zur Kanzlei öffnete, hatte ich nette Gespräche mit Koch, Fahrer und der Putzfrau. Zu großen Teilen verbrachte ich den Tag mit Nichtstun und Warten, immerhin aber nicht alleine. Denn mit mir hat auch noch ein tansanischer Praktikant , Yasir, angefangen, der sehr gutes Englisch spricht und mit dem ich mir die Zeit vertrieb. Der einzige Programmpunkt war eine Fahrt zum Mediation & Arbitrary Center, bei dem versucht wurde, zwei arbeitsrechtliche Fälle zu schlichten. Es war schon eine interessante Metapher für das manchmal vorherrschende Ungleichgewicht zwischen zwei Parteien vor Gericht, als unser kaugummikauender Anwalt im Anzug die Knöchel knacken ließ, während ihm Gegenüber ein Mann ohne Rechtsbeistand im Fußballtrikot saß. Immerhin ließ aber auch er die Knöchel knacken. Wer in der Sache meiner Meinung nach Recht hatte, kann ich allerdings nicht bewerten. Insgesamt habe ich in meinem Praktikum stark mit der Sprache zu kämpfen. Dies habe ich ein wenig unterschätzt, dachte ich doch, dass ich mit meinen Swahili-Kenntnissen einiges mitnehmen könnte.
Bevor ich allerdings die Schlichtung der beiden Fälle mit anschaute, bat mich eine „Mediator“ in ein Büro, um sich mit mir zu  unterhalten. Nach kurzem Smalltalk fragte sie mich, ob ich ihr Freund sein möchte, was ich höflich bejahte und wir tauschten Nummern aus. Die Konsequenzen dessen waren mir in dem Moment nicht bewusst. Doch nur wenige Stunden später bekam ich die Aufforderung, doch ein Baby mit ihr zu haben. Sie hätte noch keine und würde mich mögen. Ganz ehrlich: Was antwortet man da? Halb belustigt, halb überfordert versuchte ich dem Ganzen auszuweichen. Die werte Dame könnte schließlich meine junge Mutter sein. Wir sind dabei verblieben, dass ich darüber nachdenke. Das tue ich natürlich fleißig. Gitterbett und Windeln sind gekauft!
Nachdem ich den restlichen Arbeitsnachmittag mit Fußballschauen, Facebook auswendig lernen und Serie schauen verbrachte, ging es gequetscht im Daladala nach Hause. Spätestens dann war mir der Anzug zu heiß und außerdem fühle ich mich immer ein wenig seltsam, als Weißer im Anzug durch die Straßen Mwanzas zu laufen.

Ein Relikt aus vergangenen Zeiten

Auch mein nächster Tag im Praktikum begann nicht sehr vielversprechend. Wir gingen früh zum High Court, einem der höchsten Gerichte des Landes. Ich war zuvor schon dort gewesen, damals in einem größeren Raum, in dem ein strafrechtlicher Fall behandelt wurde. Dieses Mal aber wurde der Fall in einem kleinen Raum verhandelt, in den wir nicht mal mit reindurften. Stattdessen standen wir zwei Stunden vor dem Raum und versuchten durch die geöffneten Fenster irgendetwas aufzuschnappen, was in meinem Fall jedoch erfolglos war. Viel spannender fand ich jedoch das Leben außerhalb des Gerichts, wie den danebengelegenen Markt, die ankommenden Fähren auf dem Lake Victoria oder die großen Marabus. Aber auch im Court zog ein Feuerlöscher, der neben mir an der Wand hing, meine Aufmerksamkeit auf sich. Neben dem porösen Schlauch und der verblichenen Beschriftung konnte er vor allem durch seine offenbar unglaublich lange Haltbarkeit punkten: Er war laut Aufschrift aus dem Jahre 1960. Nun denn, auf dass es dort auch in den nächsten 60 Jahren nicht brenne!
Nachdem ich die nächsten Stunden mit dem in der Tat vorzüglichen Essen in der Kanzlei verbrachte und mich bei Game Of Thrones auf den neuesten Stand brachte, suchte ich das Gespräch mit einem der leitenden Anwälte. Dieser war sehr umgänglich und freundlich und entschuldigte sich fast dafür, so beschäftigt gewesen zu sein. Danach bekam ich eine kleine Einführung von Viktor, einem weiteren Anwalt, und sogar gemeinsam mit meinem Mitstreiter Yabir eine Aufgabe zur Recherche, sodass wir sogar ein paar Überminuten einschoben. Dieser Nachmittag ließ darauf hoffen, dass das Praktikum für mich deutlich mehr Sinn haben könnte als noch am Vortag befürchtet. Dieses Mal ging es mit dem Pikipiki nach Hause, sodass ich noch Zeit hatte, zu Fone zu gehen und dort eine Runde Fußball zu spielen. Nach dem Abendessen musste ich noch mit Joseph Budget-Planung betreiben, denn der Monat sieht mal wieder alles andere als rosig aus.

Auch am heutigen Mittwoch gab es einiges für uns Praktikanten zu tun. Dorthin kam ich wie bereits am Vortag mit einem neuen Pikipiki-Fahrer, Denis, nachdem Enok wegen eines Todesfalls in der Familie für eine Woche nach Hause fahren musste. Denis macht seinen Job aber auch sehr gut und führt eine innige Beziehung zu seiner Hupe. Wenig vertrauenserweckend war allerdings, als ihm bei nicht allzu hoher Geschwindigkeit plötzlich der Helm vom Kopf flog…
Im Praktikum ging es wieder zum High Court, dieses Mal konnten wir aber mit in den Saal. Etwas zu verstehen fiel mir allerdings wieder schwer. Mitbekommen habe ich allerdings, als mich der Richter plötzlich als praktisches Beispiel für seine Erläuterungen heranzog. Danach schauten wir uns noch zwei Anhörungen vor dem Court of Appeal an, der in Tansania als reisendes Gericht fungiert und derzeit in Mwanza weilt. Hier war zwar auch das meiste in Swahili, aber der Anwalt Bruno schob mir einen Zettel mit einer groben Zusammenfassung zu, während die zweite Anhörung zu Teilen in Englisch war, sodass ich mehr verstand. Zurück in der Kanzlei beschäftigen Yasir und ich uns mit einem Pro-Bono-Case in einer Landangelegenheit. Auch wenn das sicher weder mein Fach- noch Lieblingsgebiet ist, war es doch nicht uninteressant und ich denke, einiges dort lernen zu können.

Insgesamt hat sich das Praktikum deutlich gesteigert, sodass ich recht hoffnungsvoll bin, etwas mitnehmen zu können. Die Arbeitszeiten von 07h30 bis 17h00 Uhr werden allerdings strikt eingehalten, sodass ich leider kaum noch Zeit für etwas anderes habe. Wenn ich heimkomme, erledige ich meist noch Fonelisco-Aufgaben und falle dann hundemüde ins Bett. Ich freue mich also schon aufs Wochenende, um ein paar Altlasten abzuarbeiten und hoffentlich auch ein wenig durchzuatmen, um wieder fit in die nächste Woche starten zu können. Und jaja, alle, die schon mitten im Arbeitsleben stehen – ihr habt ja Recht, so ist das Leben. Auf jeden Fall werde ich weiter versuchen, wann immer möglich Zeit mit den Kind
ern zu verbringen. Denn dies ist ja schließlich einer der Hauptgründe, warum ich gerade in Tansania bin.

Ninatumaini kwamba mmefurahisha kusoma blogi yangu! Kwa herini!
(Ich hoffe, es hat Spaß gemacht, meinen Blog zu lesen! Bis bald!)