Über Stock und Stein ins Paradies

Eigentlich sollte ich gerade so langsam in einem Zugabteil aufwachen, irgendwo zwischen Mwanza und Morogoro. Stattdessen sitze ich leider im Freiwilligenhaus von Fonelisco, während mein Arm von einer seltsamen Salbe glänzt. Nicht, dass ich nicht gerne in Mwanza wäre. Aber ich ziehe es vor, die Dauer meines Aufenthaltes selbst zu bestimmen. Schon in Deutschland ist mein Immunsystem nicht gerade der beste Krieger, aber hier in Tansania würde ich ihm in beständiger Regelmäßigkeit nur eine Teilnehmerurkunde ausstellen. Von Schlangenbissen bis zur Malaria habe ich mir hier schon alles eingefangen und nun macht mein Arm Querelen. Also konnten Silke und ich noch nicht aufbrechen. Immerhin habe ich so viel Zeit, um diesen Blogbeitrag zu verfassen

Leonard & Sylvanus

Der Freitag war mein letzter Arbeitstag – und er war verkürzt. Zu Beginn holte mich Denis ab und anstatt direkt zur Arbeit zu fahren, bat er mich, für ein kleines Fotoshooting noch einen Abstecher bei seiner Familie zu machen. Gesagt, getan. Begleitet von den nervigen Kommentaren eines Alkoholikers, der gerne auf das ein oder andere Foto gekommen wäre, knipsten wir Foto um Foto. So kam es, dass ich ausgerechnet an meinem letzten Arbeitstag das erste Mal zu spät war. Aber halb so wild, denn ich war immer noch der Erste vor Ort. Todmüde und leicht angeschlagen schleppte ich mich durch den Vormittag. Beim Frühstück kam Leonard in die Kanzlei, gemeinsam mit seinen beiden Söhnen. Diese sind nach ihm benannt: Leonard & Sylvanus. Wie die drei dort im Partneroutfit am Frühstückstich saßen, war schon ein Anblick. Mit den Kindern spricht er überwiegend auf Englisch und auch sie sprachen es die Zeit über.

Ich sehnte mich weiter nach einem Bett und bat schließlich darum, nach Hause fahren zu dürfen. Dort haute ich mich sofort hin und legte einen wohltuenden Mittagsschlaf ein. Der half ersichtlich und so konnte ich am Nachmittag mit zum Tunza Beach. Denis fuhr mich und eines der Mädchen hin, die noch Helen in der Küche geholfen hatte. Debo war sichtlich stolz, mit auf dem Pikipiki sitzen zu dürfen und machte auf sich aufmerksam, als wir bei Tunza ankamen, damit auch ja jedes der Kinder sehen könne, auf welchem Wege sie zu Tunza kam. Dort angekommen spielten wir Beachvolleyball und auch Denis wat mit von der Partie.

Nachdem wir die Kinder zurückgebracht hatten und dort prüften, ob die neuen Matratzen gut bei Fone angekommen waren, machten wir uns mit dem Taxi ins Tilapia Hotel auf. Dort aßen wir vorzüglich und trafen auf die zwei Amerikaner, die wir vom Bootstrip her kannten. Gemeinsam verbrachten wir einen schönen Abend, sodass wir uns mit dem Gefühl eines angenehm vollen Magens in die Waagerechte befördern durften.

Von Sackhüpfen, einem Festmahl und tanzenden Babies

Der Samstag war ein äußerst ereignisreicher Tag. Den Vormittag verbrachten wir bei Fone, gaben Moskitonetze aus und prüften nochmals die Matratzen. Nach dem Mittagessen gingen wir zurück zu Fone, wo wir endlich die lang geplante Olympiade mit den Kids veranstalten konnten. Wir hatten zudem drei Gäste von der Sports-Charity, die sich mit ins Getümmel stürzten. Wir hatten großen Spaß, wie wir dort menschliche Pyramiden bildeten, um die Wette rannten oder sackhüpften, Eierlauf mit Mangos durchführten oder Flaschen umkegelten. Zur Belohnung gab es einige Süßigkeiten.

Nach einer kurzen Dusche zuhause brachte ich mit Joseph und Pius sechs Kästen Soda zu Fone, wo es ein wahres Festmahl geben würde. 15 Hühner hatten sich bereit erklärt, uns die sechzig Kilo Kartoffeln ein wenig schmackhafter zu machen. Dazu gab es große Mengen an Früchten und eben Soda. Anlass des Ganzen war die Abschiedsfeier von Sibylle, Silke und mir. Jeder Freiwilliger möchte den Kindern zum Ende seiner Zeit noch einmal etwas Besonderes zuteil werden lassen. Und was gäbe es da Besseres, als dass sie sich so richtig den Magen vollzuschlagen. Denn Fleisch bekommen die Kids leider viel zu selten, von Soda brauchen wir gar nicht erst anzufangen. Umso mehr macht es Spaß, ihnen mit einem reichlichen Abendessen eine Freude zu machen. Mit eifrigem Geschmatze wurde also alles verspeist, was auf den Teller kam. Und wer Joseph noch nicht vollgestopft genug aussah, dem packte er noch ein wenig von seinem eigenen Teller obendrauf.

Nach dem Essen folgten die Reden. Einige der Kinder sagten ein paar Worte und fast immer bedankten sie sich dafür, richtig vollgefressen zu sein. Danach kamen die Reden der Mitarbeiter, die im Großen und Ganzen auch sehr nett waren. Nur Paul konnte es nicht lassen, den Anlass zu nutzen, um nochmals auf die Gehälter des Staffs zu sprechen zu kommen. Eindeutig der perfekte Zeitpunkt dafür. War man vorher schon ein wenig gerührt von den Worten der Kinder und der Mitarbeiter, war dieses Gefühl erst einmal verflogen. Ich meinte auch, alles zu diesem Thema gesagt zu haben, was es zu sagen gibt. Jedenfalls hat Paul meine Motivation, mich diesem Thema im Speziellen zu widmen, alles andere als gefördert. Als ich nach viel zu langer Zeit den Durchzug meiner Ohren wieder schließen durfte, hielt Joseph noch eine Rede, bevor es dann an Silke, Sibylle und mir war, das Ganze zu beenden. Man könnte meinen, ich habe mittlerweile schon eine gewisse Routine in diesen Abschlussfeiern, aber trotzdem ist es jedes Mal schwer, auf Wiedersehen zu sagen. Wenigstens kann ich mir sicher sein, dass es ein solches Wiedersehen gibt.

Als es dann endlich vorbei war mit dem Gequatsche, packte Willi, unser ältester Junge, seine bescheidenen DJ-Skills aus und die Tanzfläche war eröffnet. Wo ansonsten schüchterne Kinder sich kaum trauen, auf die Fragen der englischlehrenden Silke zu antworten, wurde nun die Sau rausgelassen. Godfrey, der noch nicht einmal ein Jahr ist, war ein besonderer Anblick. Ich hatte ihn noch nie auf seinen zwei kurzen Beinchen stehen sehen. Aber da stand er nun und bewegte sich – freilich äußerst fachkundig – zur Musik. Auch eine Polonäse und Limbo wurden kurzerhand gestartet. Die schüchterne Fatu, etwa 4 oder 5, wurde nicht zu Unrecht von Silke „Dancing Queen“ getauft. Es war ein großer Spaß und ein wirklich schöner Abschluss!

Knast statt Hilfe

Am Morgen des Sonntags brachten wir Sibylle zum Flughafen, die nach sechs Monaten Tansania zurück nach Deutschland fliegen würde. Für Silke und mich ergab sich so die Situation, dass wir trotz erfolgter Abschiedsfeier noch einmal zwei Tage bei den Kids haben sollten, die sich nun noch einmal unfreiwillig verlängerten. Bei Fone hatten wir eine Besucherin, die sich als die Mutter zweier der Kinder herausstellte. Sie war schlichtweg zu arm gewesen, um sich um ihre Kinder zu kümmern. Unter Tränen erzählte sie uns ihre Geschichte. Derzeit befinden wir uns in dem Prozess der Reintegration. Natürlich ist es das Ziel, dass sie ihre Kinder zurückbekommt. Dies muss aber über die staatlichen Behörden laufen. Mittlerweile ist die Mutter sogar im Gefängnis gelandet, weil sie ihre Kinder im Stich gelassen hatte. Für mich ein äußerst sinnloser Schritt. Sie war vollkommen verzweifelt und depressiv und versucht gerade, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Wir hoffen, sie kommt schnell raus und dass wir ihr ihre Kinder sehr bald zurückgeben können. Es wäre wirklich interessant zu wissen, wie viele der Kinder wirkliche Waisen im Sinne von elternlos sind. Ich denke, in vielen Fällen waren die Eltern einfach nur nicht mehr dazu bereit oder in der Lage, sich um ihre Kinder zu kümmern und haben sie verstoßen. Ein klassischer Fall ist auch, dass eines der Elternteile stirbt und der neue Partner die Kinder nicht akzeptiert.

Mittlerweile haben wir ein neues Staffmitglied. Auch tagsüber bewacht nun ein Massai das Tor der Kinder, das abgeschlossen bleibt. Dies ist Folge einiger schrecklicher Vorfälle von Kindesentführung in Arusha. Ziel war es, dass die Eltern gewisse Summen zahlen. Nachdem diese nicht aufgebracht werden konnten, wurden zwei der Kinder ermordet. Wir bekamen daraufhin einen Anruf von Social Welfare, dass wir unsere Sicherheitsvorkehrungen verstärken sollen. Denn sicherlich wäre es ein erfolgreiches „Geschäfts“modell, Kinder von Waisenheimen mit europäischer Unterstützung zu entführen und damit ein Lösegeld zu erpressen. Trotzdem gehen wir natürlich davon aus, dass es nicht soweit kommt. Aber ein wenig mehr Sicherheit schadet gewiss nicht, das ist es schließlich wert!

Ein Ausflug in eine Parallelwelt

Am Nachmittag besuchten uns Michael & Yasir, denen ich das Waisenhaus zeigte. Aber dann ging es los mit einem Ausflug in die Parallelwelt. Jackson, der Fahrer meiner Kanzlei, holte Silke, Juliane und mich ab und wir fuhren los. Nach einiger Zeit auf Asphaltstraßen wurde es holprig. Im wahrsten Sinne über Stock und Stein (Fels) bahnten wir uns unseren Weg und mussten dabei auch kurzerhand eine Beerdigung auflösen, die den Weg versperrte. Ziel der Reise war das Beachhouse von Leonard, der uns dort herzlich empfing. Das Haus war surreal, war es doch so ganz anders als alles, was ich sonst so in Mwanza kennengelernt hatte. Auch in Deutschland wäre es ein höherklassiges Haus gewesen, mit wunderbarem Blick auf den Lake Victoria allerdings. Es gab sogar Leitungswasser, das dem See entsprang und dass man aufgrund der Filteranlage trinken konnte. Getraut haben wir uns das aber trotzdem nicht. Die Wazungus kümmerten sich um die Chipsi, während der Herr im Hause das Grillen übernahm. Nach wirklich hervorragendem Fleischverzehr bewegten wir uns in Richtung Balkon, um dort den Sonnenuntergang zu genießen. Dazu gab es echten französischen Kaffee – ein wahrer Traum. Wir führten viele interessante Gespräche unter anderem darüber, wie er versucht, einen gesunden Mittelweg zwischen autoritärem und zugänglichen Chef zu finden. Und wir sprachen über Fone. Er war wirklich sehr interessiert und stellte viele, teils berechtigt kritische Fragen. Das Hauptproblem sieht er bei uns im fehlenden Netzwerk. Und das ist auch richtig, schließlich haben wir weder in Deutschland noch in Tansania Zugang zu Großspendern wie Firmen. Leonard rief sogar in unserem Beisein bei Coca-Cola an, um dort nach Tischen & Stühlen zu fragen. Der Gesprächspartner war allerdings nicht in Mwanza zurzeit, sodass noch aussteht, ob da was bei herumkommt. Auch insgesamt kündigte Leonard seine Hilfe an, was einem riesigen Schritt gleichkommen würde. Ich hoffe wirklich, da wird etwas draus. Denn er hat vollkommen recht, dass es gerade an dem Netzwerk hapert. Seine Unterstützung diesbezüglich wäre mehr als Gold wert!

Insgesamt verbrachten wir einen Abend im Luxus. Es fühlte sich schon komisch an, wenn man den Vormittag mit einer Frau geredet hatte, die aus Armut ihre Kinder im Stich lässt und dann am Abend selbst Unmengen an Fleisch vertilgt. Aber man würde depressiv, wenn man jeder Art von Genuss entsagen würde und so ließen wir es uns einfach mal gut gehen.

Besser Arm ab, als arm dran

Die nächsten zwei Tage sind schnell zusammengefasst. Montag ging ich zum einen ins Büro, um dort mein Certificate meines Praktikums abzuholen und Auf Wiedersehen zu sagen. Aber insbesondere führte mich der Weg ins Krankenhaus. Ich hatte seit längerer Zeit einen Ausschlag am Arm, der immer schlimmer geworden war und gegen den verschiedene Medikamente nicht geholfen hatten. In Tansania geht man, wenn man Beschwerden hat, meist direkt ins Krankenhaus, da es wenige Arztpraxen außerhalb gibt. Ich ließ mich auf Schistosomaisis prüfen, die Krankheit, die im Lake Victoria verbreitet ist. Denn es war genau dieser Unterarm gewesen, der beim Fischen Kontakt zum Seewasser hatte. Zum Glück fiel dieser Test negativ aus, obwohl ich auch gerne gewusst hätte, was ich denn nun habe. So setzten die Ärzte die Ratschläge meiner Tante um, die mich netterweise von Deutschland aus berät. Ich bekam also eine Cortisonsalbe und ein Antiallergikum. Aber was genau Sache ist, weiß ich immer noch nicht. Und so verbrachte ich insbesondere den gestrigen Tag nur im Bett, schaute Serien und kühlte ununterbrochen meinen Arm. Ich hoffe, das Ganze klingt schnell ab, sodass es dann endlich auf Reisen gehen kann. Denn darauf hatte ich mich sehr gefreut und es ist wirklich bitter, dass nun die Zugfahrt für mich flach fällt….

Stattdessen fahre ich jetzt gleich wieder ins Krankenhaus in der Hoffnung, dass ich dort eine etwas stärkere Salbe bekomme. Um eine wunderbare und leicht kitschige Brücke zu meiner Überschrift zu schlagen – mir wurde gesagt, das macht man so: Ich hoffe, dass dies nur ein kleiner Stein auf meinem Weg ist und ich bald in paradiesische Gefilde reisen kann. *gääähn*