Schietwedder und Wollsocken

Tag 13: Heute morgen regnet es richtig doll, echtes Hamburger Schietwedder halt! In T-Shirt und Shorts friere ich und im Zimmer ziehe ich meine Wollsocken an (die waren eigentlich nur für’s Flugzeug gedacht). Mit solchen Wintertemperaturen hatte ich nun wirklich nicht gerechnet und ich habe gar keine passende Kleidung dabei! Außer natülich meine Wollsocken, die übrigens in Kombination mit meinen Shorts äußerst stylisch aussehen. 😉 🙂
Im Vorschulunterricht rechnen wir. Bis 20 können die Kinder schon ganz gut „plus“ rechnen, aber mehr auch nicht. Nach der Stunde geben wir ihnen Tuschkästen und Lego zur Beschäftigung, weil es draußen immer noch in Strömen regnet.

Den Älteren zeige ich währenddessen Fotos von meiner Familie, meinem Haus und Hamurg. Alle sind sehr fasziniert und sagen, dass Hamburg ihr nächstes Reiseziel sein wird. Ich hoffe, dass sie das wirklich irgendwann mal wahr machen können. Das Mittagessen essen Juliane und ich mit Händen, einfach so weil wir Lust haben. Hier ist das zum Glück nicht komisch.
Nachmittags gehen Juliane und ich zum Supermarkt im Dorf. Die begehbare Grundfläche im Shop beträgt ca. 2 Quadratmeter… Die Auswahl ist dementsprechend gering, aber es gibt Süßes, das ist die Hauptsache! Ich decke mich mit braunem Zucker, Marmelade und einem Bounty ein und wir machen uns wieder auf zu Fone. Auf dem Weg treffen wir Pius, der mein Handy braucht um Joseph anzurufen. Hier wird so wenig geplant, aber wenn etwas gebraucht wird, ergeben sich die Situationen so, dass alles passt. Wenn man den Dingen ihren Lauf lässt, klappt alles viel besser als man es befürchtet hat. Das ist etwas, was die deutsche Kultur (so weit es eine „deutsche“ Kultur gibt) wirklich von hier lernen kann.
Im Presecondary Unterricht machen wir direkte Übersetzung von Kiswahili auf Englisch. Das ist verdammt schwer, weil die Grammatik total verschieden ist und sich einzelne Wörter nicht passend übersetzen lassen. Deshalb gestaltet sich die Stunde sehr zäh. Abends gucken wir dann zur Entspannung mit allen zusammen den Film Madagaskar 2.

Tag 14: Heute morgen taucht weder Eddie noch Juliane zum Vorschulunterricht auf, sodass ich alleine improvisieren muss. Ich entscheide mich für das englische Alphabet, welches wir vorärts, rückwärts und durcheinander lernen. Rückwärts und durcheinander fällt den Kindern sehr schwer und irgendwann raten sie nur noch. Die Bleistifte und Hefte sind leider in Eddies Schrank eingeschlossen, sodass ich sie nichts aufschreiben lassen kann. Rose und Asia (4 und 2 1/2 jahre alt) sind verständlicherweise überhaupt nicht am Alphabet interessiert und machen nur Krach. Ich besitze leider nicht die passenden Worte um sie zur Ordnung zu rufen und lasse mir deshalb von Lukas (einem der Presecondaries) helfen. Irgendwann hole ich für die Beiden Papier und Stifte, um sie zu beschäftigen und zur Ruhe zu bringen. Dabei berechne ich aber nicht mit ein, dass die Anderen auch noch in einem Alter sind, in dem sie sehr gerne malen. Alle stürzen sich auf diese zwei Zettel und mir bleibt nichts Anderes übrig als weitere Zettel zu holen und den Unterricht hier zu beenden. Im Nachhinein bin ich zufrieden mit dieser Wndung, weil es letztendlich Kinder sind, die eigentlich viel mehr Gelegenheit zur kreativen Entfaltung brauchen. Ich gebe Lukas stattdessen Englisch-Einzelunterricht.
Nachmittags gehen wir zu Tunza an den Victoriasee. Ich habe meinen Computer mit, weil ich ganz dringend meinen Artikel für den Klönschnack abschicken muss. Danach lese ich den Kindern irgendein Heft auf Kiswahili vor. Ich verstehe kein Wort, aber alle lauschen gebannt meinen zusammenhangslosen Silben…  So schlecht kann meine Aussprache also nicht sein. Sie scheinen wirklich zu verstehen, was ich lese. Das ist schon ein lustiges Gefühl auf einer Sprache vorzulesen, die man nicht kennt.

Tag 15: Heute übe ich mich im Nichtstun. 🙂 Das ist tatsächlich etwas, was ich nicht kann, außer wenn ich krank bin. Im Wohnzimmer besprechen unsere Kölner Gäste gerade Schulkosten. Ich werde dazugerufen. Ich übersetze also, kläre Missverständnisse und und organisiere ein Skype-Gespräch mit der Verantwortlichen von Fonelisco e. V., die Kölner unterstützen Paul für sein Studium, das ist großartig! Das mit dem Nichtstun klappt aber noch nicht so ganz…
Nach dem Essen habe ich immer noch Appetit. Ich schiebe das auf die vielen Kohlehydrate, die ich hier bekomme. Danach besuchen Juliane und ich Eddies neues Zuhause. Es ist ein gemieteter Raum, der sogar für deutsche WG-Zimmer-Verhältnisse ziemlich groß ist. Wir hören Musik auf seiner Anlage.

Zurück bei Fone helfe ich beim Abwasch mit. Abgewaschen wird unter offenem Himmel in großen Schüsseln, mit einem Stück Seife und einem aufgeribbelten Fetzen Sandsackplane. Diesen schmiert man mit der Seife ein und dann wird geschrubbt. Es funktioniert erstaunlich gut.

Tag 16: Es ist Sonntag, ich habe nichts vor. Ich erledige dies und das und gucke nachmittags bei Fone vorbei. Im Klassenzimmer läuft eine Disco. Willi ist der DJ und die Kinder tanzen wild zur Musik. Die können so gut tanzen, dass ich mich gar nicht traue mitzumachen. Also gehe ich raus und treffe dort Paul. Er hat heute das Geld für sein Lehramtsstudium bekommen und hüpft vor Freude rum wie ein kleines Kind. Ich kriege ihn dazu überredet mir ein bisschen traditional dance beizubringen. Also zeigt er mir die einzelnen Schritte und die zuschauenden Mädels lachen sich bei meinen ungelenken Versuchen schlapp. Die größte Schwierigkeit stellen die Hüften dar. Schritte, vor, zurück, rundherum -kein Problem. Aber Hüften kreisen, und dann auch noch im Takt! Keine Chance. Paul fährt morgen nach Mbeya, in den Süden des Landes, zu seiner Uni und lädt mich ein ihn zu besuchen. Der Weg dorthin dauert zwei Tage mit dem Bus, aber ich würde das echt gerne machen.
Die Kinder bekommen heute Fisch zum Abendessen, weshalb überall Fisch auf Planen rumliegt, was einen für mich gewöhnungsbedürftigen Anblick darstellt.


An der Kochstelle treffe ich Eddie und wir beginnen ein stundenlanges Gespräch über das tansanische Schulsystem, Ängste, den derzeitigen Präsidenten Tansanias und den Bride Price. Als es dunkel wird und meine Beine zu schmerzen anfangen, machen wir uns auf den Weg zum Volunteershaus. Paul isst mit uns zu Abend und danach sitzen wir gemeinsam im Wohnzimmer. Im Fernseher läuft eine Doku über ein chinesisches Dorf in französischer Sprache, während Paul und Joseph sich auf Kiswahili unterhalten und die Kölner, Juliane und ich einen Englisch-Deutsch-Mix verwenden. Ich finde die Situation ziemlich absurd und freue mich plötzlich ganz doll auf Weihnachten, weil ich dort meine französische Familie wiedersehe. Es sind definitv zu viele Sprachen auf einmal im Raum.
Nachdem Paul sich verabschiedet hat, beginnt ungewollterweise eine wenig zufriedenstellende Konversation über Homosexualität. Hier merkt man ganz drastisch kulturelle und religiöse Unterschiede.

Später am Abend blickt mir im Bad ein auf dem Rücken liegender Kakerlake unter der Dusche entgegen. Ich beschließe kurzerhand, dass die Dusche bis morgen warten kann.