Mwanza – Arbeit & Vergnügen

Nach dem kleinen Einschub meiner morgendlichen Pikipiki-Fahrt geht es nun wieder brav chronologisch weiter.

 

Von meinem entspannten Nebenjob und gewohnter Büroarbeit

Am Montag, den 21.08., hatte ich meinen ersten Tag bei TAWLA. Dort habe ich sogar mein eigenes Office, indem ich einige Broschüren und zwei Akten durchging und mittags sogar Obst serviert bekam. Als ich nichts mehr zu tun hatte, fragte ich Fatmah, ob ich gehen könne. Ich aß noch Chipsi & Mishkaki, frittierte Kartoffeln mit Fleischspießen, in einem lokalen Laden und machte mich auf dem Heimweg. So ganz herausgefunden warum habe ich zwar nicht, aber die Straßen rund um die Mall waren gesäumt von hunderten Schulkindern. Irgendeine Feierlichkeit war wohl im Gange, aber mir konnte bislang keiner zufriedenstellend beantworten, was genau gefeiert wurde.

Es war ein ganz neues Gefühl, bereits am Nachmittag zuhause zu sein. Leider war ich schon wieder ein wenig angeschlagen, sodass ich mich ausruhte und einen Kaffee trank. Gestärkt konnte ich dann bis zum späten Abend am Agricultural Report arbeiten.

Auch Kinder sollen Geld anlegen dürfen!

Am nächsten Tag ging es wieder zurück zu meiner alten Arbeitsstätte, in die Kanzlei Leonard & Co. Advocates. Wir gingen wieder ins Gericht und anschließend arbeitete ich im Büro weiter am Report. Eine schöne Überraschung war, dass gegen Mittag mein ehemaliger Supervisor Hospis vorbeischaute, der mich im City Council 2015 betreut hatte. Er hatte leider nur kurz Zeit, aber für ein kurzes Gespräch reichte es dann doch.
Insgesamt fühle ich mich immer wohler in der Kanzlei. Die Leute sind wirklich super nett und Bruno versucht auch einige Sachen für mich zu übersetzen. Einzig die nicht ganz nebensächliche Tatsache, dass ich kaum etwas Juristisches zu tun habe, sollte sich vielleicht bald ändern. Allerdings bin ich bislang mit Fonelisco-Arbeit auch von morgens bis abends beschäftigt. Trotzdem werde ich bald, wenn sich die dringendsten Dinge gelichtet haben, nach mehr Research-Arbeit fragen. Insgesamt bin ich aber schon froh, mit TAWLA und Leonard eine gute Abwechslung zu haben, sodass es eigentlich selten langweilig wird. Außerdem habe ich wirklich den Eindruck, mehr lernen zu können als beim letzten Mal. Ich habe mittlerweile doch einen ganz guten Überblick über den groben Rahmen, in dem das tansanische Rechtssystem abläuft. Für nächste Woche sind auch Besuche von Criminal Cases angedacht.

Von Chauffeuren und weiteren Eheangeboten

Und so ganz ohne Arbeit sind wir schließlich auch nicht. Am Nachmittag bekamen wir einen typischen „Praktikantenjob“ aufgetragen. Es ging ins Gericht um Akten beim Gericht einzureichen. Also wurden wir zwei Praktikanten von unserem Fahrer zu Gericht chauffiert, wo wir die Akten abgaben und in der angegliederten Bank bezahlten. Während Yasir gerade die Akten übergab, hörte ich hinter mir ein „Guten Abend“. Überrascht von den Klängen meiner Muttersprache drehte ich mich um und erkannte: niemanden. Ich ging also in das Büro, in dem die strafrechtlichen Fälle aufgenommen werden und wurde in ein Gespräch verwickelt. Der Gruß kam von einem Angestellten des Gerichts, der mir erklärte, aufgrund meines Aussehens entweder auf einen Deutschen oder Schweden schließen zu können. Nachdem er nur auf Deutsch die Begrüßungsformeln kannte, versuchte er sein Glück und landete einen Volltreffer. Auch die anderen Mitarbeiter des Büros beteiligten sich nun am Gespräch und wussten noch, dass ich gemeinsam mit zwei weiteren Wazungus ein Praktikum beim City Council absolviert hatte. Wir mussten einen ganz schönen Eindruck hinterlassen haben! Freundlicherweise bot mir die älteste der Angestellten ihre Kollegin zur Ehefrau an. Dieser war das sichtlich peinlich. Nachdem sie aber zumindest ein wenig jünger war als die Richterin am Mediation Court, versprach ich am nächsten Morgen mit den Eheringen zu kommen, was einiges an Heiterkeit auslöste.

Von den Anfängen FONELISCOS

Am Mittwoch ging es mit TAWLA ins Gericht, wo es zu meinem bereits im vorletzten Blog beschrieben Fauxpas kam. Nach dem Gerichtsbesuch ging ich noch eine Weile ins TAWLA-Büro, hatte dort aber nicht wirklich etwas zu tun, sodass ich bereits am Mittag nach Hause konnte. Den Nachmittag verbrachte ich mit der unspaßigen Angelegenheit, gemeinsam mit Joseph das Budget durchzusprechen und zu überlegen, wie sich all die Probleme finanzieren ließen… Danach fand ich endlich mal wieder Zeit für ein paar Stunden Fonelisco. Ich quatschte ein wenig mit den Kids und ging alle Zimmer durch, um zu zählen, wie viele Kinder in wie vielen Betten schlafen. Dies war insbesondere vonnöten, weil die Matratzen dringend ausgetauscht werden müssen. Glücklicherweise hat sich hierfür eine Finanzierung gefunden und die ersten Matratzen sind mittlerweile bereits angekommen. Andere müssen erst noch bestellt werden. Diese sollen dann einen speziellen Schutz haben, damit sie auch bettnässenden Kindern standhalten können. Den Abend beschlossen wir bei zwei Flaschen Wein mit einem langen und unglaublich interessanten Gespräch mit Joseph, der viel über die Gegenwart, insbesondere aber die Vergangenheit von Fonelisco erzählte. Vieles wusste ich schon, aber es gab doch einige Sachen, die auch für mich neu waren. Joseph hatte auf Anweisung seiner Familie eine Ausbildung zum Priester begonnen, diese dann aber abgebrochen und angefangen, in Arusha Social Work zu studieren. Während dieser Zeit begann er, Straßenkindern zu helfen. Er verkaufte Postkarten und Ketten, um ein wenig Geld zu sammeln, das er für Essen und ähnliches für die Kinder ausgab. Außerdem bot er manchen eine Unterkunft bei sich im Zimmer. Nach einiger Zeit fehlte ihm das Geld für das Studium und er beschloss, zurück nach Mwanza zu gehen, wo er zur Schule gegangen war. Dort wollte er nun endlich seinen Traum umsetzen und ein Waisenhaus begründen. Nach einiger Zeit der „street work“ wurde FONELISCO 2003 offiziell registriert. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits sechs Jahre lang Straßenkinder unterstützt. Mit der Hilfe von ausländischen Freiwilligen gelang es ihm, ein erstes Haus anzumieten, in dem er mit den Kindern leben konnte. Ich werde oft gefragt, wie Joseph die Zeit ohne den Fonelisco e.V. überlebte, nachdem wir heute schätzungsweise 90% des Budgets stemmen. Auch diese Frage kam auf und Joseph versuchte dies zu erklären. Die Situation war wohl alles andere als gut, es gab immer wieder nur eine Mahlzeit am Tag und viele Kinder konnten nicht zur Schule gehen. Finanziert wurde Joseph von internationalen Unterstützern, die immer nur sporadisch Geld gaben. Es waren vor allem Freiwillige, die einen kürzeren Aufenthalt im Waisenhaus absolvierten und ein wenig Geld dort ließen. Wirklich zufriedenstellend könnte ich die Frage zwar immer noch nicht beantworten, aber ich bin der Antwort zumindest nähergekommen. 2011 dann kamen Johanna und Leonie für sechs Monate zu Fonelisco, nachdem sie die Organisation über Google gefunden hatten. Sie gründeten anschließend den Fonelisco e.V. Nach meinem Freiwilligenaufenthalt 2012/2013 begann ich mit ihnen zusammenzuarbeiten. Unser Team hat sich seitdem stark verändert und wir haben uns deutlich vergrößert und versuchen Joseph so gut es geht zu unterstützen.

Nach diesem kleinen historischen Ausflug darf ich nicht vergessen zu erwähnen, dass mindestens eines der Gläser in Gedanken natürlich auf meine herzallerliebste Schwester getrunken wurde, die sich allerdings trotz ihres Geburtstages den ganzen Tag über nicht erreichen ließ.

Von „hartem Fitnesstraining“ und „harter“ Büroarbeit

Der Donnerstag war ein ganz normaler Bürotag, an dem ich es endlich schaffte, den Agricultural Report abzuschließen. Ich muss sagen, dass es sich wirklich sehr befreiend anfühlte, damit durch zu sein, weil er mich psychisch doch sehr beschäftigt hatte. Nach der Arbeit trank ich noch eine Soda mit Yasir, bevor es nach Hause ging. Hier legten wir Freiwilligen eine kleine Fitnesseinheit mit Liegestützen, Situps und ähnlichem ein. Natasha, Helens Tochter, musste dabei als Gewicht herhalten. Sie wurde bei den Liegestützen auf dem Rücken platziert oder in die Höhe gestemmt. Ihr schien das großen Spaß zu machen – uns auch!

Bevor es ins Wochenende gehen durfte, folgte mit dem Freitag ein weiterer Bürotag. Hier schrieb ich an meinem Blog weiter, wurde aber abgelenkt von Youtube-Videos und einem Film abgelenkt, die sich Yasir anschaute. Letztlich musste ich aufgeben und zwischendurch doch den Film mitschauen, nachdem ich doch den Ausgang dieser Liebeskomödie nicht verpassen durfte! Zuhause folgte ein Skype mit dem deutschen Team, wonach ich gemeinsam mit Joseph Maike vom Flughafen abholte. Sie würde einige Tage bei uns unterkommen, nachdem Mwanza ein Stopp ihrer Reise durch Tansania zum Abschluss ihrer Zeit hier ist.

Von verwechselten Ziegen, Maiskolben und gegrilltem Fisch

Das Wochenende würde ein abwechslungsreiches werden. Nach einer äußerst unruhigen Nacht gab ich Maike eine kleine Rundtour durch Ilemela, wobei wir auch einen kurzen Abstecher zu Fonelisco machten. Sie musste anschließend zu einem Interview in der Stadt, während mich Joseph beiseite bat. Helen ist hochschwanger und könnte jederzeit ihr Kind bekommen. Sollte das Kind nun plötzlich kommen, wäre es gut, wenn Geld vor Ort wäre. Deshalb fuhren wir gemeinsam mit Silke zur Bank, wo ich Geld abhob, das ich vorstrecken würde. Denn das tansanische Krankensystem sieht es nicht vor, dass Notfälle kostenlos behandelt werden, jedenfalls nicht soweit mir das bekannt ist. Versicherungen sind im Aufkommen, für viele aber noch nicht erschwinglich.

Auf dem Rückweg besorgten wir noch einiges an Gemüse, denn heute würden wir nicht zuhause essen. Stattdessen ging es mit zwei Autos, inklusive uns vier Volontären, drei Mädels von Fone und Mitarbeitern zum New Land. Hier würden wir heute einen Teil des Maises ernten und fischen gehen. Der Mais wird uns vor unseren Augen von Affen weggeklaut und der Teil der Kolben, die schon früher gepflanzt wurden, konnten bereits geerntet werden. Fischen wollten wir insbesondere, um mal zu testen, wie viel denn tatsächlich so in den Becken bereits lebt.

Angekommen auf dem New Land kam uns sogleich unsere Kuhherde entgegen und auch die Ziegen waren unter sie gemischt. Lotti, Maxi, Kuku und Tamtam hatten unsere Volontäre die Ziegen getauft, die nun auf uns zukamen. Aber halt: Tamtam sah irgendwie gar nicht mehr aus wie Tamtam. Tatsächlich hatten sich unsere Ziegen anscheinend mit einer anderen Herde vermischt und unsere Massai wussten nachher nicht mehr, welche der Ziegen zu uns gehört. Der Besitzer der anderen Herde gab uns also ein anderes Zicklein: Tamtam 2. Vorteil dieses unfreiwilligen Tausches ist die Tatsache, dass Tamtam 2 im Gegensatz zu Tamtam 1 die wunderbare Fähigkeit beherrscht, Kinder zu bekommen. Das verlängert ihre Lebensdauer, weil sie uns so helfen kann, die Größe unserer Herde zu erweitern und wir sie vermutlich nicht verkaufen werden, wie wir das noch mit Tamtam 1 vorhatten. Danach ging es zu den Fischbecken. Die Fische dort hatten sich auf natürliche Weise dort hinbegeben und waren durch den Bau des Zauns quasi eingeschlossen worden. Zwei Jungs aus dem benachbarten Dorf warfen fachmännisch ein ums andere Mal das Netz aus. Und auch ich durfte es einmal probieren. Ich hatte mir das (äußerst ehrgeizige) Ziel gesetzt, zumindest einen Fisch zu fangen. Was bei den Jungs so spielerisch aussah, war eine technisch anspruchsvolle Wurftechnik, an der ich komplett scheiterte. Geduldig legte mir einer der Jungs das Netz um den Ellenbogen, nur damit ich es mit einem stümperhaften Versuch etwa einen Meter weit werfen konnte. Ich sorgte für viel Heiterkeit bei meinen Fans, doch das Lachen sollte ihnen rasch vergehen!!! Bereits mit meinem dritten Wurf, bei dem das Netz ebenso kunstfertig etwa ein oder zwei Meter vor mir ins Wasser plumpste, hatte sich ein unglücklicher Fisch in meinem Netz verfangen. Ha, schweiget ihr Kritiker! Das war es dann auch mit dem Ruhm, ich stellte mich zu doof dabei an, den Fisch aus dem Netz zu befördern, der mir stattdessen einen kleinen Schnitt im Finger verpasste. Also überließ ich dies wieder den Profis und ließ mich auswechseln. Mission accomplished.

Beweis, dass ich fischen war!

Der Erfolg der Fischerei insgesamt war allerdings bescheiden. Mehr als 50-70 Fische fingen wir nicht und diese waren sehr klein. Das lag wahrscheinlich insbesondere daran, dass sie sich bereits zuvor am Seeufer befanden haben. Die wirklich großen Fische sind wohl eher in tieferen Gewässern anzutreffen. Aber auch, ob sie in den Becken genug Nahrung bekommen, ist fraglich. Trotzdem lässt sich dies für ein mögliches Projekt weiterhin im Kopf behalten, denn wenn man dort Fische gezielt aussetzen würde und lang genug warten würde, könnte dies durchaus erfolgreich sein. Aber angesichts der hohen Kosten für die Erstinvestition von etwa 2.000€ sehe ich das Ganze eher skeptisch und halte es derzeit nicht für realisierbar. So blieben immerhin der Spaß und ein leckeres Mittagessen. Die Mädels bereiteten die Fische vor, die wir dann auf den Grill schmissen und allesamt verspeisten. Gewinn ließ sich damit also nicht machen. Auch die Maisernte war überschaubar: Nur zwei, nicht ganz gefüllte, Säcke kamen bei heraus. Aber natürlich haben wir auch nur einen kleinen Teil geerntet. Wie viel Kilos bislang bei rumkamen, das müssen wir noch wiegen lassen. Aber das auch dieses Projekt kein Erfolg war, steht leider außer Frage.

Mit ohrwurmverdächtigen Reggae-Beats im Ohr ging es nach Hause, wo wir uns einen Schnellduschwettbewerb lieferten, um noch rechtzeitig gemeinsam mit Maike den Sonnenuntergang am Tunza-Strand zu erwischen. Das schafften wir und genossen ihn bei einem kühlen Bierchen, Popcorn und netten Gesprächen. Nach dem Abendessen hatten wir noch viel Spaß dabei, gemeinsam mit Joseph Karten zu spielen. Joseph verlor zweimal vernichtend, bis er dann das dritte Spiel glorreich gewann. Ich tippe darauf, dass er sich die Taktik von Sepp Herberger abgeschaut hat.

Von einem wahren Touri-Tag in Mwanza

Der Sonntag war ein richtiger Tag im Stile von „Mwanza als Tourist“. Wir fuhren mit dem Daladala in die Stadt, wo wir Maike eine kleine Rundführung durch die Stadt gaben und insbesondere die Märkte besuchten. Danach genossen wir unsere Mittagspause im Gold Crest Hotel (u.a. natürlich mit dem Burger), bevor wir am Nachmittag auf einen Sunset-Cruise gingen. Gemeinsam mit einigen anderen Besuchern Mwanzas wagten wir uns auf den Lake Victoria hinaus, vorbildlich mit Schwimmwesten ausgestattet. Trotzdem hoffte ich den Kontakt mit dem Wasser meiden zu können, denn es ist berühmtberüchtigt für die Gefahr der Bilharziose, die man sich dort einfangen kann. 3,5 Stunden sollte unsere Tour gehen, aber nicht nur auf dem Wasser waren wir unterwegs. Zwei Stopps legten wir bei kleineren Inseln ein. Dort mussten wir von Stein zu Stein klettern. Der ein oder andere Sprung löste sogar einen gewissen Nervenkitzel aus. Wie Juliane so schön sagte: „A lot of nearly death experiences today.“ Nicht nur die Aussicht über den See, auch die vielen Affen und die zwei riesigen Eidechsen waren einen Blick wert. Die Tour endete mit dem, was uns versprochen wurde: Einem wirklich wunderschönen Sonnenuntergang über dem Lake Victoria.
Nachdem wir also die Fahrt überlebt hatten, mussten wir dies natürlich auch noch bei einem gemeinsamen Abendessen mit der gesamten Gruppe feiern. Hierfür gingen wir in ein lokales Restaurant, in dem wir für wenig Geld leckere Zanzibar – Pizza und Mishkaki bekamen.

Das soll es für dieses Mal gewesen sein, bis ich versuche im nächsten Eintrag wieder aufzuschließen!

P.S.: Danke Silke für viele geklaute Bilder!