Meine wunderschöne Zeit

Nun kommt mit zwei Monaten Verspätung mein Abschlusseintrag. Ich habe gegen Ende meines Aufenthaltes so viel erlebt, dass ich keine Sekunde Zeit hatte, an meinem Blogeintrag zu schreiben… Im Dezember bin ich schweren Herzens zurück nach Deutschland geflogen. Jetzt bin ich in Bolivien und wünsche mir täglich, zurück in Ilemela bei Fonelisco zu sein.

Hier noch ein paar Erfahrungen, die ich schon notiert aber noch nicht veröffentlicht hatte:

Heute reden Juliane, Eddie und ich über verschiedene Werte in verschiedenen Kulturen. Uns fällt auf, dass die Kinder hier mit ihrer Selbstständigkeit sehr gut klarkommen. Sie sind sehr verantwortungsvoll, fürsorglich, nett und helfen einander. Das ist hier selbstverständlich. In Deutschland werden diese Verhaltensweisen mit Mühe den Kindern auf theoretische Weise eingetrichtert, denn praktisch wird alles für sie getan. Dies bleibt dann oft erfolglos. Das ist viel anstrengender für alle Beteiligten. Praktizierte Selbstständigkeit ist ein besserer Lehrer.

Ich lese das Übungsbuch für die 8. Klasse (in Tansania ist das das erste Jahr der Secondary School) und mir fallen die Augen aus dem Kopf. Das kann nicht wahr sein! Das Buch beginnt mit dem Pascal‘schen Dreieck und der Fibonacci-Folge… Das Pascal‘sche Dreieck ist die Grundlage für den Binomialkoeffizienten, den ich ihm ABITUR mit einem TASCHENRECHNER ausgerechnet habe, weil alles Andere zu aufwendig ist und von der Fibonacci-Folge habe ich noch nie etwas gehört… Die Kinder hadern noch am 1×1 :/, das haben sie in der Grundschule noch nicht anständig gelernt. Als wäre eine neue Unterrichtssprache nicht genug, es muss auch inhaltlich knallen. Das ist so verrückt. Und fies. Und unfair. Nach dem Motto: Wer sich keine Vorbereitungsklasse leisten kann, hat halt Pech… ich erstelle einen straffen Unterrichtsplan, um die Kinder mit möglichst viel Neuem vertraut zu machen, bevor sie im neuen Jahr die weiterführende Schule starten.

Bei Tunza ist es heute zu kalt zum schwimmen, deshalb turne ich mit den Kindern im Sand. Das bringt ihnen riesigen Spaß, ich bekomme bei jedem missglückten Handstand einen Schock, aber sie stehen immer lachend wieder auf. Juliane kauft wie jedes mal Popcorn für die Kinder. Zehn Minuten später geben uns Nachbarn nochmal die gleiche Menge an Popcorn aus. Und kurz darauf lässt ein unbekannter Spender noch einmal die gleiche Menge für die Kinder zubereiten. Unglaublich!

Völlig vollgestopft und zufrieden machen wir uns auf den Weg nach Hause.

Abends reden Juliane, Eddie und ich über Bedeutungen von Handzeichen in verschiedenen Kulturen. Und Eddie erklärt mir, wie hier gezählt wird: Der Daumen wird nicht mitgezählt und die fünf ist eine Faust. Jetzt erklärt sich das Unverständnis der Kinder im Matheunterricht! Die Armen, verstehen nicht warum ich drei sage und zwei Finger (plus Daumen) dabei hochhalte. Man lernt doch immer dazu.

Wir reden auch darüber, dass die westliche Welt sich zunehmend isoliert, keine Gemeinschaft zulässt und menschliche Abstände vergrößert. Bei dem Versuch die negativen physischen Effekte der Natur wie Unkomfortabilität und Krankheit zu reduzieren, machen wir uns psychisch krank, weil es so unnatürlich ist, was wir anstreben. Das sind ganz interessante und sehr kontroverse Themen über die man unter Europäern gar nicht so diskutieren kann, weil wir in einem ähnlichen Umfeld aufgewachsen sind.

Es ist Samstag und die Willis, Shukuru und ich beschließen, Bälle reparieren zu lassen. Dafür gehen wir ins Dorf. Die Werkstatt besteht aus drei Männern, die neben der Autowaschanlage (bestehend aus einem Gartenschlauch) auf einem Baumstamm im Sand hocken. Vor ihnen stehen zwei kleine Schuhregale mit Schuhen und der eine flickt gerade einen Fahrradreifen. Die reparieren hier also alles, denke ich mir. Irgendwann holt er sein Werkzeug aus einem Schuh und mir geht auf, dass die Schuhe gar nicht zur Reparatur hier sind, sondern als Schrank dienen. Das lässt mich schmunzeln.

Fonelisco hat eine Spende für eine Ziege bekommen, also fahren wir mit Joseph auf den Ziegenmarkt und kaufen eine Ziege, die wir direkt zum New Land bringen.

 

 

 

Heute ist Julianes letzter Tag. Wir werden vor die Riesenaufgabe gestellt, Hühner für das Abschiedsessen zu kaufen. Joseph meinte zur ihr, dass Hühner 6000 Tsh kosten, leider weiß aber niemand wo es Hühner zu diesem Preis geben soll. Im Dorf kosten sie 15000 Tsh… Wir irren also eine Weile herum. Irgendwann fahren wir in die Stadt um abgepackte Hühner zu kaufen, das sind die billigsten, die wir finden…

Weil durch ein Missverständnis keine Bohnen für das Abschiedsessen da sind, müssen wir noch auf den Markt gehen und Gemüse kaufen. Wir haben noch 7000 Tsh übrig, das entspricht 2,70€. Ich denke mir: Unmöglich, damit Gemüse für soo viele Menschen zu kaufen! Falsch gedacht. Wir kaufen 35 GROßE Tomaten, 20 Zwiebeln und 10 Knoblauchzehen, für 2,70€.

Abends feiern wir die Abschiedsparty. Wir halten kleine Reden und tanzen, ein schöner letzter Abend!

Nun bin ich für einen Monat die einzige Freiwillige. Mein Arbeitspensum erhöht sich, ich kann nun die Aufgaben nicht mehr mit Juliane teilen. Aber ich komme noch stärker mit den Mitarbeitern und Kindern in Kontakt. Das ist sehr schön. Wir verbringen eine wirklich schöne Zeit gemeinsam. Ich besuche noch einige Tage Ukerewe, eine Insel im Viktoriasee, auf der unsere Matron Rose ihre Heimat hat.

Meine Abschiedsparty ist wunderbar. Wir essen gemeinsam ein köstliches Mahl und tanzen dann bis wir nicht mehr können. Ich bin unfassbar glücklich, alle diese lieben Menschen um mich zu haben und mit ihnen Spaß haben zu können. Der Abschied am nächsten Morgen ist entsprechend herzzerreißend…

Meine Zeit in Tansania war eine wunderbare Erfahrung!

Hier ein kleines Fazit:

Ich hatte vor meinem Aufenthalt die Angst, überflüssig zu sein, oder schlimmer noch mehr Last als Hilfe zu sein und anderen Menschen Arbeit wegzunehmen, dadurch dass ich unbezahlt arbeite. Diese Angst hat sich in Luft aufgelöst. Fonelisco scheint mir das perfekte Projekt für Volontäre, die sich engagieren wollen. Ich habe das Gefühl, etwas verändert zu haben. Ich konnte eine Unterstützung sein, für Joseph und die Kinder. Meine Arbeit hat einen Sinn gehabt, das war das Wunderbarste überhaupt. Und das war auch mein Wunsch für meine Zeit im Ausland. Es hat mich innerlich ruhen lassen, weil ich gesehen habe, was für Großartiges möglich ist, und dass ich ein Teil davon sein kann. Es hat mir die Akzeptanz mir gegenüber gegeben, die ich brauchte, um zuversichtlich mein Leben zu entwickeln, um mit mir und meinem Umfeld klar zu kommen. Ich bin so dankbar für alles, und vor allem für Kiki, die zur richtigen Zeit, am richtigen Ort meiner Mutter von ihrem Auslandsaufenthalt in Tansania erzählte…

In Deutschland rege ich mich jetzt über jeden nutzlosen Werbebildschirm an Bahnstationen und in Autobahntoiletten auf, höre bei: „und dann war ich bei H&M, da gab es…“ einfach nicht mehr zu und bin glücklich über mein Klavier, trinkbares Leitungswasser und anständige Schokolade.

Und in Bolivien, stelle ich fest, wie ähnlich so weit voneinander entfernte Welten sein können. Ich stehe täglich im Kontakt mit den Freunden, die ich durch Fonelisco gewonnen habe und bin mit meinem Herzen immer noch dort.

Ich werde, so bald ich kann, zurückkommen, um meine zweite Familie, die Fonelisco-Family, zu besuchen.

Ich freue mich schon darauf!