Mein Weg zur Arbeit

Die Helmklappe lässt sich mal wieder nicht schließen, sodass ich bei jedem Speed-Bump mit meinem Helm an Denis‘ Helm anstoße. Während wir gerade am Sabasaba-Markt vorbeifahren, fliegen über uns Fischadler in der Hoffnung, die in den frühen Morgenstunden ihre Flügel strecken wollen. Um uns herum fahren viele Minibusse, Motorräder und Autos wie wir stadteinwärts, einige kommen uns auch entgegen. Der Fahrtwind plustert meinen Sakko auf, während ich immer wieder nachjustieren muss, damit mir die Tasche nicht von der Schulter rutscht.

10 Minuten vorher. Um kurz nach sieben gehe ich gerade aus dem Tor, da fährt auch schon Denis vor. Wir begrüßen uns mit der Faust, die danach auf die Brust geschlagen wird. Ich steige auf sein Motorrad und los geht’s. Während wir die Löcher auf dem Weg vor unserm Haus umfahren, bringen wir uns gegenseitig auf den neuesten Stand. Seiner Tochter, die sich den Arm gebrochen hat, geht es besser. Ich bin gut aufgewacht und wir haben wieder Wasser. Uns beiden geht es gut… Das Begrüßungsritual geht noch eine Weile weiter, bis wir an der Kreuzung zur Hauptstraße ankommen. Hier wird kurz angehalten und Denis fragt seine Pikipiki-Freunde, ob er einen Helm leihen könnte. Das ist bereits eine der größten Wandlungen zu meinen bisherigen Aufenthalten. Denn damals war es eher die Ausnahme, mit Helm zu fahren. Mittlerweile ist es fast Standard, sodass ich denke, dass es wohl sanktioniert wird, wenn man mal ohne unterwegs ist. Der Helm wandert auf meinen Kopf und nach einem kurzen Gespräch mit dem Verleiher biegen wir auf die Hauptstraße. Mein obligatorischer Blick geht noch einmal nach hinten, wo sich die Sonne mittlerweile in den letzten Zügen ihres Aufgangs befindet. Regelmäßig ist dies ein wirklich besonderer Anblick und es ist jammerschade, dass wir in die entgegensetzte Richtung unterwegs sind. Wie jeden Morgen fahren wir an den Studenten eines Campus vorbei, die ihren morgendlichen „Militärlauf“ veranstalten. Wie man es anders nennen kann, weiß ich nicht. Alle mit ihren roten T-Shirts angezogen joggen oder marschieren sie die Straße entlang und singen dabei. Wir passieren sie. Heute scheint es Denis ein bisschen eiliger zu haben. Wir überholen zwei Autos gleichzeitig auf der vierten von zwei Spuren. Am Straßenrand laufen unzählige Kinder in ihren Schuluniformen stadteinwärts. Weniger schön: die tote Katze auf dem Seitenstreifen. Während wir weiter stadteinwärts fahren, genieße ich das langsam erwachende Leben. Im Gegensatz zu Deutschland ist einer der größten Unterschiede das bunte Treiben an den Straßen, die vielen laufenden Menschen, die ihren Angelegenheiten nachgehen. Dagegen kann Deutschland manchmal ganz schön trostlos erscheinen. Auf der Höhe von Pasiansi wird die Strecke zweispurig und es geht bergab. Mit ordentlichem Tempo nähern wir uns Mwanza. Mit welcher Geschwindigkeit genau kann ich jedoch nicht sagen, denn das Tacho ist kaputt. Nachdem ich bislang noch kein einziges Pikipiki gesehen habe, bei dem das funktioniert, schätze ich, dass man sein Tacho wohl erst schrotten muss, bevor man in den ewigen Club der Pikipiki-Fahrer aufgenommen wird. Ob es einem Polizisten gegenüber als Ausrede für eine Geschwindigkeitsüberschreitung genügt, bezweifle ich. Plötzlich betätigt Denis unvermittelt die Bremse. Der Grund: Ein Zebrastreifen. Da soll noch einer sagen, in Tansania würden Straßenregeln missachtet. Ganz gemäß deutscher Tugend wird artig gewartet bis Frauen, Männer und Kinder vor uns die Straße überquert haben. Naja, jedenfalls dieses eine Mal.

Auf der Höhe der Rock City Mall verengt sich die Straße wieder auf eine Spur. Wir umkurven noch ein paar Autos, indem wir hupend Fußgänger verscheuchen oder die Gegenfahrbahn nutzen. Dann stecken aber auch wir kurz fest. Ein Polizist regelt den Verkehr an einer Kreuzung, da hält man sich brav an die Regeln. Denkt man. Das sieht der Pikipiki-Fahrer anders, der uns plötzlich die Vorfahrt nimmt. Denis bremst ab und wir können einen Zusammenprall vermeiden, wir hatten ja zum Glück keine hohe Geschwindigkeit. Kurz vor Mwanza löst sich der Stau wieder auf. Wie jeden Morgen sitzt ein indischstämmiger Mann vor dem immergleichen Shop. Ich nehme an, er arbeitet dort und ist gerne pünktlich. Wir nehmen zwei Kreisverkehre, auf Swahili wunderbar kipilefti getauft, und biegen beim Immigration Office ab. Wir fahren am Bahnhof vorbei, bei dem ich am Nachmittag gerne den Zug aus der Kolonialzeit bewundere, mit dem ich vermutlich bald nach Morogoro reisen werden. Wir nehmen eine scharfe Rechtskurve und fahren an einem riesigen Hochhaus vorbei, das gerade gebaut wird und sogar einen Hubschrauberlandeplatz hat. Kurz danach biegt Denis in eine Seitenstraße ein, die nicht mehr asphaltiert ist. 50 Meter weiter und er fährt in die Toreinfahrt. Unser Ziel ist erreicht: Die Kanzlei Leonard & Advocates.

Ich gebe Denis 50 ct für die Fahrt. Insgesamt bekommt er knapp 2€ für die 20-minütige Fahrt. Aber nachdem weder er noch ich meistens über Kleingeld verfügen, zahle ich meist mehr und dafür irgendwann dann einmal weniger. Schließlich fahre ich jeden Tag mit Denis, der meinen langjährigen Fahrer Enok vertritt, der wegen eines Todesfalles derzeit nicht in Mwanza ist.

Pikipiki-Fahren mag gefährlich und unvernünftig sein, aber ich liebe es trotzdem. Es ist schnell und günstig, vermittelt aber auch einfach ein Gefühl der Freiheit. Man bekommt alles um einen herum mit, spürt den Fahrtwind und es ist für mich einfach unweigerlich mit Mwanza verbunden.

Denis und ich verabschieden uns mit der Faust. Auch am nächsten Tag wird er mich wieder abholen und mit mir Richtung Stadt düsen. Mein ganz alltäglicher Weg zur Arbeit eben.