Geckos im Klo

Ich habe meine Armbanduhr in Hamburg gelassen und weiß deshalb nie wie spät es ist. Das ist ein unglaublich befreiendes Gefühl. Auch meine überausgeprägte Pünktlichkeit aus Deutschland habe ich mittlerweile vollständig abgelegt. Ich kann einfach „zu spät“ kommen ohne dass es mich oder jemand Anderen stört. Das ist echt praktisch und dürfte sich auch gerne mal in Deutschland etablieren.

Den Weg durch das Dorf lege ich auch heute wieder mit einem Haufen Kinder, die sich an meinen Armen festhalten und „mzungu“ rufen, zurück. Wir gehen auch an etwas älteren Kindern vorbei, die mir zurufen: „Give me money! Give me one money!“ und sich daraufhin schlapp lachen und weglaufen. Bei Fone angekommen, treffe ich auf einen Hundewelpen.

Er hat sich irgendwie auf unser Grundstück verlaufen und ist total süß! Wenn er überlebt, behalten wir ihn und bringen ihn als Wachhund auf‘s New Land.
Nachmittags in meinem Zimmer stelle ich fest: In meiner Toilette leben Geckos. Ich habe einen in der Kloschüssel gesehen, wie er durch ein Loch in das Klo verschwunden ist… Ich beschließe, mich davon nicht stören zu lassen.
Heute fahren Juliane und ich mit Pikipikis, das sind Motorradtaxen, in die Stadt! Wir rufen drei verkehrssicher fahrende Pikipikifahrer an, von denen zwei auftauchen. Sie geben uns sogar einen Helm, den man aber nicht festschnallen kann und der im Notfall deshalb einfach nur abfallen würde… Dennis, mein Pikipikifahrer, redet die ganze Zeit auf Kiswahili von Dominik, seinem guten Freund ;). Ich verstehe kein Wort, was natürlich ausschließlich am Verkehrslärm liegt! Also werfe ich in regelmäßigen Abständen ein „ndiyo“ (ja), „ah“ und „nice“ ein. Das scheint ihn zufriedenzustellen. Juliane und ich wollen eigentlich mit anderen dänischen Volontären Kleidung an Straßenkinder ausgeben. Es sind aber zu wenige da, sodass wir das verschieben. Stattdessen laufen wir durch die Stadt und besorgen Souvenirs für sie. Danach gönnen wir uns einen Milk Shake, der wie Eis schmeckt und richtig, richtig lecker ist!
Am nächsten Morgen lädt ein Laster einen Riesenhaufen Feuerholz auf unserem Hof ab.

Das kommt alles vom New Land und ist wirklich eine beachtliche Menge.
Heue ist Mathetag und weil weder Eddie noch Juliane Mathe mögen, darf ich den ganzen Unterricht übernehmen. Die ganz Kleinen können noch nicht bis drei zählen und die Älteren fangen schon mit Multiplikation und Division an. Allen gerecht zu werden ist nicht einfach. Ich schreibe deshalb jedem Kind individuelle Rechnungen ins Heft. Irgendwann nehme ich Duplosteine zur Hilfe, um Joel das Prinzip der Subtraktion zu erklären. Und es funktioniert! Ich bin ganz überrascht. Er zählt ganz fleißig seine Duplos, zählt dann die ab, die abgezogen werden müssen, lässt diese mit großem Spaß hinter seinem Rücken verwschwinden und zählt, wie viele noch vor ihm liegen. Sobald er das Ergebnis hat, freut er sich riesig.

Dotto erkläre ich auch direkt die Duplosteinmethode.
Nach dem Unterricht spielen wir Fußball. Es gibt leider die doofe Regel, dass nach jedem zweiten Tor Liegestütze gemacht werden müssen. Und ich werde in die verlierende Mannschaft eingeteilt. :/ Das heißt, ich bin eigentlich nur mit Liegestützen beschäftigt und komme gar nicht zum Spielen. Für die Kinder ist es aber jedes Mal ein Riesenspaß mir dabei zuzusehen.
Beim Abendessen diskutieren und philosophieren Juliane und ich über den freien Willen. Sie hat immer Argumente für den freien Willen, die ich jedes Mal in deterministische Argumentationen umwandele. Es endet damit, dass ich von ihr mit Flaschendeckeln beworfen werde und mich vor Lachen kaum halten kann…

Ein diktiertes Wort aufzuschreiben, ist für Vorschüler, die nur die Hälfte der Buchstaben kennen, seeehr schwer. Dementsprechend anstrengend ist unsere heutige Diktierstunde. Nur Dotto und Ashula langweilen sich, sodass ich mir immer neue Sätze ausdenken muss, die sie aufschreiben können, was mit meinen begrenzten Sprachkenntnissen echt nicht leicht ist. Das Einzige, was sie noch nicht verstehen, ist Worttrennung. Sie las senein fachz wischen reinzu fälligen Silben Platz. Die neue Halima ist 12 Jahre alt, aber kann nicht einmal Buchstaben schreiben. Also lasse ich sie einzelne Buchstaben üben.
Mittags habe ich nach langer Zeit mal wieder eine Unterrichtsstunde in Kiswahili. Wir machen Verben und Possessivpronomen. Die sind leider nicht so einfach wie im Deutschen. Je nach Gegenstand ändert sich der Präfix. Das heißt, man weiß nie ob es nun changu, wangu, langu oder yangu heißt… Manchmal habe ich das Gefühl, diese Sprache findet es lustig unschuldige Neu-erlerner in den Wahnsinn zu treiben.
Während meiner Mittagspause schreibe ich fleißig weiter Mails. Meine Schokolade und meine Kekse sind futsch, und das macht mich traurig. Sie haben es sich wahrscheinlich unbemerkt in meinem Bauch gemütlich gemacht… Ich entwickele hier eine Süßigkeitenabhängigkeit und das ist nicht gut.
Bei Fone mache ich deshalb mit Juliane ihr tägliches Bauchmuskeltrainingsprogramm. Wir liegen auf dem Rasen, und sowohl die Kinder als auch die Erwachsenen (Paul, Willi und Eddie) finden uns äußerst lustig, lehnen aber vehement unsere Einladung ab, sich dazu zu gesellen.
Heute ist Freitag, und Freitag ist Tunzatag. Die Kinder planschen im See und wir spielen Karten. Auf dem Rückweg bricht ein Gewitter über uns aus und in Sekundenschnelle sind wir pitschnass und all unsere Klamotten durchnässt. Wir rennen zum nächsten Unterstand und erhoffen uns ein Ende des Regens – der kommt leider nicht. Also rennen wir weiter nach Hause, direkt unter die Dusche.
Den frühen Samstagmorgen (also bis 11:30 Uhr :)) widme ich Youtube. Danach gehe ich zu Fone um Fotos für Kiki zu machen. Alle Kinder spielen im Hof, nur die vier, die ich brauche, sind nicht da. Na toll. Eddie taucht auch eine Stunde verspätet auf, sodass ich statt Fotos zu machen, nur ein paar Wunden verarzte und ansonsten tatenlos herumsitze.

Weiterführung folgt…