Ganz viel Zeit für Fone

„Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? Du bist ein herzlich guter Mann, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.“

Nachdem ich an meinem Geburtstag frei bekommen hatte, war auch der Freitag frei. Wegen des Opferfestes war dieser Tag ein Feiertag, sodass ich ein wirklich langes Wochenende hatte, an dem ich viel Zeit bei Fone verbringen konnte. Das war aber auch dringend nötig! Von dem Zusammenleben verschiedener Religionen in Tansania könnten wir uns eine gesunde Scheibe abschneiden, nicht nur weil es für viele Feiertage sorgt. Gut 60 Prozent der tansanischen Bevölkerung sind Christen, etwa 35 Prozent Muslime. Der Rest gehört Stammesreligionen oder anderen Religionen an. Einen einheimischen Atheisten habe ich hier bislang noch nicht getroffen. Ich habe nie erlebt, dass dies zu Spannungen geführt hat. Im Blog von meinem letzten Jahr hatte ich erzählt, wie ich ein wunderschönes Abendessen bei einer muslimischen Familie gemeinsam mit Christen und Zeugen Jehovas verbracht habe (http://www.fonelisco-verein.de/blog/2016/07/14/von-nutten-moslems-und-einer-behindertenwerkstatt/). Auch in unserem Waisenhaus gibt es Christen und Moslems. Morgens singt der Muezzin, tagsüber hört man Kirchenglocken oder sieht Menschen vor der Kirche tanzen und der Muezzin hält seine weiteren Gesänge ab. Betritt ein gläubiger Moslem den Raum, begrüßt er die Anwesenden mit „Salam aleikum“ und alle, einschließlich der Christen, antworten „Wa Aleikum Salam“. Diese blinde Angst, die in Deutschland teilweise gegen den Islam als solchen geschürt wird, in meinen Augen wird sie durch Tansania widerlegt.

Die Rolle, die hier Religion einnimmt, ist wirklich faszinierend. Ich werde oft gefragt, welcher Religion ich angehöre. Die Reaktion, wenn ich offenbare, dass ich nicht glaube, schwankt zwischen Verwirrung und absolutem Unverständnis. Auf dem Hinflug wurde ich von meinem tansanischen Nebensitzer gefragt, warum ich dann überhaupt in einem Flugzeug sitzen könnte, wenn Gott mich auf der Reise nicht beschützen würde. Ich versuche, das Thema meist schnell zu beenden, weil ich keine religiösen Gefühle verletzen möchte und nicht den Anspruch habe, jemanden von seinem Glauben abzubringen (was ich niemals schaffen geschweige denn wollen würde!). Meistens beruhigen sich die Gemüter, wenn ich erkläre, dass ich durchaus an die Kraft glaube, die Religion bei Menschen bewirken kann. Denn diese Kraft ist allgegenwärtig und sie stützt Tansania wie viele andere Länder der Erde in großem Maße.

Von eimerweise Wasser, Taschendieben und einem nächtlichen Krankenhausbesuch

Es war auf jeden Fall gut, dass der Freitag frei war, denn einen Feiertag hatte ich nötig. Wir waren spät ins Bett gekommen und so verbrachte ich einen lazy day. Irgendwann raffte ich mich dann doch mal auf und ging zu Fone, wo ich Fußball spielte und Silke damit beglückte, mir einige Eimer Wasser überschütten zu dürfen. Resultat davon war allerdings eine Erkältung, weil ich – dumm wie ich bin – mich nicht schnell genug umzog.

Am Samstag gingen wir in die Stadt, weil ich mir Schuhe kaufen musste, nachdem man meinen das Fußballspielen doch mehr und mehr ansehen konnte. Als wir später die Hauptstraße entlanggingen, hörte ich hinter mir Sibylle laut „Hey“ schreien. Ich drehte mich um und konnte nur noch einen oder zwei Typen weglaufen sehen. Sie hatten ihr das Handy geklaut. Mit der Hilfe eines Augenzeugen versuchten wir, den Männern zu verfolgen. Aber diese hatten sich auf dem Markt sofort in Lauft aufgelöst. Der Mann brachte uns zur Polizei, wo wir eine Anzeige aufgaben, die Erfolgschancen sind aber wohl mehr als gering. Für mich ist es das erste Mal, das ich mitbekommen habe, wie jemandem etwas geklaut wird. Man hört zwar immer viele Geschichten, aber die meisten davon sind übertrieben. Im Alltag bin ich zwar ein wenig vorsichtiger, aber in Paris oder Barcelona habe ich mehr Angst, bestohlen zu werden. Zur Entschädigung gab es immerhin ein leckeres Essen im Copenhagen Burger House, für mich eine waschechte und köstliche Pizza.

Vollgefressen wieder in Ilemela stand eine weitere Runde Fußball mit den Kids an. Wir stellten uns schon auf einen entspannten Abend ein, als plötzlich Joseph Silke und mich bat, mit ihm ins Krankenhaus zu fahren, nachdem Natascha, Helens Tochter, krank war. Im Auto wirkte sie eher fasziniert als todkrank und besonders begeisterte sie die Brücke bei der Mall, die ganz im Stile ihrer chinesischen Grundsteinleger in bunten Farben leuchtete. Im Krankenhaus schlug sie sich tapfer und weinte nicht einmal beim Blutabnehmen. Während wir auf die Ergebnisse warteten, schauten wir bei arabischen Kommentar Fußball und verspeisten Lutscher, die ich uns geholt hatte. Letztlich kam die Diagnose von Malaria und Amöben, beides nichts Außergewöhnliches hier, sodass sie auch recht schnell wieder auf den Beinen war.

Spagat zwischen Tod und Leben

Pius bat mich, dieses Foto von ihm zu schießen

Am Sonntag ging ich gemeinsam mit dem Mitarbeiter Pius zum Grab seines Sohnes, der während meines ersten Aufenthaltes in Tansania gestorben war. Ich hatte dies selbst angeregt, weil mich die Tage um seinen Tod immer wieder sehr beschäftigen und ich oft an ihn zurückdenke. Deshalb tat es mir gut, an seinem Grab zu stehen.
Danach ging es aber sofort weiter mit dem Programm. Mit Denis fuhr ich zum großen Sabasaba-Markt, wo ich Früchte für die Kinder kaufen wollte. Mit sechs Wassermelonen und 4 geschnittenen Stangen Zuckerrohr auf dem Motorrad ging es zurück. Bevor wir die Sachen bei Fonelisco abluden, machten wir noch einen kurzen Abstecher bei Denis‘ Familie. Diese, insbesondere seine Kinder, freuten sich sichtlich über den Besuch des Mzungus und ich verabschiedete mich mit dem Versprechen, Denis‘ Tochter in meinem Koffer mit nach Deutschland zu nehmen.

Nach dem Mittagessen gingen wir zu Fone, wo wir vorhatten, mit den Kids eine Olympiade zu veranstalten mit verschiedenen Spielen. Wir hatten gerade die Teams gebildet, als unser Plan durchkreuzt wurde. Ein Daladala und zwei Autos fuhren vor und heraus stiegen Gäste, die einen Haufen Süßigkeiten, Getränke, Mehl, Seife und ähnliches dabei hatten. In langen Reden stellten sie sich als Mitarbeiter eines Fotostudios in Mwanza vor. Ich erlebe es selten, bei Tansaniern auf Begeisterung dafür zu stoßen, ein lokales Projekt wie Fonelisco zu unterstützen. Dabei betrifft es doch eigentlich gerade ihre eigene Community. Ich erkläre es mir immer so, dass die Reichen in Tansania, Tag für Tag konfrontiert mit der vielen Armut im Land, eine „Jetzt-erst-Recht“-Attitüde entwickeln und umso mehr ihr Glück genießen wollen. Das muss man nicht unbedingt gut finden, aber man kann es respektieren und sollte sich als Deutscher auch nicht gerade als der allgegenwärtige Samariter aufspielen. Trotzdem denke ich, dass es doch einige Leute gibt, die eigentlich hilfsbereit wären. Ein Beispiel hierfür war die Gruppe, die ihren Nachmittag bei uns verbrachte. Es gelang uns nicht, das Turnier wieder anständig auf die Beine zu stellen für den Tag und so verschoben wir es. Stattdessen gab es eine große Fußballpartie und andere Spiele. Die Kinder hatten auf jeden Fall ihre Freude an dem Tag! War mein Morgen also durchaus geprägt von Traurigkeit, so war der restliche Tag mit prallem Leben gefüllt. Erschöpft ging ich zuhause früh ins Bett und schlief langsam mit den sanften Stimmen Angela Merkels und Martin Schulz‘ im Ohr, die sich mehr schlecht als recht duellierten, ein.

Im Anzug und Flip-Flops

Der Montag ist rasch erzählt: Es regnete. Ich war krank. Ich ging nicht zur Arbeit. Ich schlief.

Am Dienstag war ich zum Glück wieder deutlich fitter, sodass ich zur Arbeit fahren konnte. Am Morgen nahm sich Leonard wieder lange Zeit für eine Fallbesprechung mit uns und gab uns im Anschluss einen Rechercheauftrag. So verbrachte ich den Großteil des Tages mit fleißiger Arbeit. Wir hatten jedoch ein neues Mitglied in der Kanzlei, um das sich alle rührend kümmerten: Leonard hatte beim Joggen einen kleinen Welpen aufgegriffen, der leider sehr schwach wirkte. Trotz der Milch und der regelmäßigen Betreuung hat es der Kleine leider am Mittwochabend nicht geschafft.

Gegen Mittag gingen wir mit Bruno ins Gericht, um einige Akten abzuholen und einer quicklebendigen Katzenfamilie zuzuschauen, die es sich im Aktenregal des High Courts gemütlich gemacht hatte. Wir hatten interessante Gespräche und ich erzählte unter anderem von dem Freiburger Mordfall, der an diesem Tag am Landgericht eröffnet worden war. Zwischendurch setzten wir uns auf eine kleine Holzbank und tauschten unsere Anzugsschuhe gegen Flip-Flops, während erstere geputzt wurden. Auch beim anschließenden „Mittag“essen um halb vier folgten weitere interessante juristische Gespräche über die Unterschiede zwischen dem tansanischen und deutschen Rechtssystem. Ich schloss noch die Recherche ab und nahm ein Pikipiki heim. Zuhause konnte ich den Start eines neuen Projektes bewundern: Nicht nur hatte Pius in den letzten Tagen einen Hühnerstall und – gehege gebaut, auch die fünf Hühner waren angekommen. Am Volunteerhouse planen wir nun, eine Hühnerzucht auf traditionelle Art durchzuführen. Deren Marktpreis liegt deutlich höher als die der „Meat Chicken“ und auch die laufenden Kosten sind deutlich geringer, weil sie beim Essen nicht anspruchsvoll sind. Wir werden sehen, ob es klappt. Danach ging ich mit Silke zu Fone, wo ich mit Edina lange darüber redete, warum wir es nicht mögen, „Mzungu“ gerufen zu werden und dass nicht alle Weißen von Geld strotzen. Das Schöne an Fone ist, dass man Kinder jeden Alters hat. Entweder es geht darum beizubringen, wie man 5+0 rechnet, oder man kann eben solche Gespräche führen. Und dazwischen liegt auch noch eine Menge!

Ganz wie sie es wollen, Eure Durchlaucht!

Mein Büro

Am Mittwoch brachte mich wieder Denis zur Arbeit. Vollkommen ungeniert hatte ich Sakko und Krawatte im Büro gelassen, sodass ich nur im Hemd auf dem Pikipiki saß. Ich fühlte mich richtig schmutzig ? Am Morgen fuhren wir ins Gericht, wo wir lange warteten und zwischendurch sogar für eine Stunde ins Büro geschickt wurden. Die Akte war verlorengegangen. Der Klient war ein älterer Geschäftsmann, den man sofort ins Herz schloss und der hervorragendes Englisch sprach. Es war sehr interessant, den Fall, den ich schon gut aus den Akten kannte, mit seinen Worten geschildert zu hören. Anstelle von neun Uhr ging es um halb eins los, das Warten hatte sich wirklich gelohnt. Leonard selbst übernahm diesen Fall und ich konnte ihn in seinem Element erleben. Nicht nur weil ich den Fall schon gut aus den Akten kannte und eine Recherche hierzu betrieben hatte, konnte ich viel verstehen. Nein, Leonard sprach Englisch und die Verhandlung verlief über die gesamten zwei Stunden auf Englisch. Erst als am Ende der Anwalt der Gegenseite sich nur noch auf sehr dünnem Eis bewegte, wechselte dieser zeitweise ins Swahili. Gegen Ende meines Praktikums war das noch einmal eine richtig wertvolle Erfahrung, dass ich mitbekommen konnte, was genau gesagt wird. Besonders faszinierend fand ich, wie unterwürfig die Anwälte gegenüber dem Richter auftraten, den sie Höflichkeitsfloskeln überschütteten und mit „My Lord“ ansprachen.

Zwischen Reflektion und Progression

Die Rock City Mall

Nach der Arbeit traf ich mich mit Joseph und Michael in einer Bar. Michael ist ein Ghanaer, der derzeit in Mwanza arbeitet und auf der Suche nach einer Gelegenheit war, seine Freizeit sinnvoll einzusetzen. Er ist Business Consultant und möchte nun kostenlos NGOs helfen, ihre Strategien zu verbessern. Das Gespräch war unglaublich gut und inspirierend und somit für sich schon ein Erfolg. Ich bin aber sehr optimistisch, dass Michael uns tatsächlich helfen wird. Das wäre für uns gleichbedeutend mit einem Jackpot, denn er könnte uns hinsichtlich Networking und dem richtigen Zugang auf Companies in Tansania enorm weiterhelfen. Joseph musste dann weg, aber ich ging noch mit ihm essen und wir unterhielten uns endlich über die richtig wichtigen Dinge: Fußball & Frauen.

Tradition trifft auf Moderne: Kamele bei der Rock City Mall

Auf dem Heimweg erwischte mich ein kurzer Starkregen, sodass ich mit meinem weißen Hemd bei jedem Wet-Shirt-Contest abgeräumt hätte. Ohne Pause ging es nahtlos weiter mit den interessanten Gesprächen. Für den Abend war ein Skype-Gespräch mit Veronika geplant, die in mittlerweile zweiter Generation als Change-Beraterin versucht, unser deutsches Team zu beraten und uns weiterzuhelfen. Ihr ging es darum, uns kennenzulernen, unsere Vorstellungen und Aufgabengebiete zu erfragen und einen Eindruck von unserer Arbeit zu bekommen. Ich sehe diese Gespräche zugleich als riesige Möglichkeit der Reflektion und bin auch voller Hoffnung bezüglich unserer Zusammenarbeit mit ihr. Unser Gespräch driftete teilweise sogar ins Philosophische ab, als wir uns fragten, ob nicht in jedem noch so reinen Altruisten immer noch ein wenig der Egoist steckt. Aber die Erörterung dieser Frage erspare ich euch an dieser Stelle.

Frauen kosten Geld!

Eunice nutzt meine Torwarthandschuhe. Sie passen!

Am heutigen Donnerstag stand ein ganz normaler Bürotag an. Nachdem wir aus dem Gericht kamen, zettelte ich eine Diskussion über den Bride Price an. Joseph möchte gerne heiraten, uns ist aber noch ein Rätsel, wie wir den Bride Price für seine Angebetete Helen aufbringen sollen, der bei 2.000€ und somit in weiter Ferne liegt. Auch die Kanzleiangestellten und die beiden Klientinnen, die mit uns frühstückten, waren angesichts dieses hohen Preises doch überrascht. Für mich ist das Konzept, seine Ehefrau „freizukaufen“ ohnehin vollkommen absurd. Aber so ist die Kultur hier eben (noch). Die Versuche, mir zu erklären, nach welchen Kriterien sich ein solcher Brautpreis bemisst, waren auch nur von mäßigem Erfolg.

So, nun habe ich es tatsächlich geschafft und bin wieder auf dem aktuellen Stand. Schneller als gedacht und so wird das Resümee meiner Zeit in Mwanza noch ein wenig auf sich warten lassen! Bis zum nächsten Beitrag!