Eine Familie wiedervereint

Nun ist wirklich schon Halbzeit. 6 Wochen sind nun rum und dennoch fühlt es sich manchmal so an, als wären wir erst letzte Woche angekommen. Wenn ich aber dann zurückschaue, was wir alles schon erlebt haben und was sich alles bei Fonelisco getan hat, realisiert man die verstrichene Zeit dann doch.
Inzwischen unterrichtet Luisa fast jeden Nachmittag abwechselnd die Klassen 1 bis 3, was ihr wirklich viel Spaß bereitet – vor allem durch die Freude und Dankbarkeit der Kinder für den Unterricht. Hin und wieder bringen diese sie zwar auch echt zur Weißglut, allerdings lässt sie sich dadurch nicht unterkriegen und schafft durch diverse kreative Methoden die Kinder immer wieder für den Unterricht zu begeistern. Und die fast tägliche Nachfrage einzelner Kinder, wann denn endlich wieder Unterricht stattfindet zeigt deutlich, dass sich ihr großes Engagement mehr als lohnt.
Auch ich habe inzwischen meine ersten Unterrichtsversuche unternommen, allerdings nicht mit den Kindern, sondern mit dem Staff, dem ich versuche, einige Basic Sätze auf Englisch beizubringen. Auch diese nehmen mit großer Begeisterung und Dankbarkeit am Unterricht teil, was mich sehr motiviert, die Unterrichtsstunden weiter zu führen.


Ansonsten besteht eine weitere Herausforderung für uns nach wie vor darin, uns morgens für die kleinen Vorschulkinder Programm zu überlegen. Abgesehen von den üblichen Bespaßungs- und Kuscheleinheiten haben wir einen kleinen Parkour für sie aufgebaut, Luisa hat Kinderbücher vorgelesen und darin vorkommende Tiere nachgeahmt (so gut das eben mit einem englischen Kinderbuch und unserem gebrochenen Swahili geht) oder auch einfach mal die Musik aufgedreht, was jedes Mal für große Freude sorgt.


Auch die schon im letzten Blog beschriebenen Rituale wie das Laufen zum Saba-Saba mit den Kindern und die Movie Night werden natürlich weiterhin von uns fortgesetzt. Insbesondere möchte ich allerdings über unser letztes Wochenende berichten, an dem wir mit Joseph, Pius und dem Fahrer Alison eines der Kinder, ein 12-jähriges Mädchen namens Kuruthumu zu ihrer Familie zurückgebracht haben, die sie nun seit mehr als 6 Jahren nicht gesehen hat und die nur durch Zufall wiedergefunden werden konnte.
Die Fahrt war sehr lang und recht unkomfortabel, da Kuruthumu, Pius, Luisa und ich uns zu viert die Rückbank geteilt haben und daher sehr gequetscht saßen. Allerdings hatten wir so die Möglichkeit, ein Teil der wunderschönen Landschaft von Tansanias Westseite sehen zu können. Gebiete mit unzähligen Reisfeldern, palmenübersäte Graslandschaften und dichte Buschlandschaften huschten an unseren Autofenstern vorbei.
Nach ungefähr 12 Stunden Fahrt, inklusive eines Frühstücks-Zwischenstopps in Tabora, kamen wir in Nguruka an, dem kleinen Ort in der Nähe von Kigoma, in dem Kuruthumus Familie lebt. Die Begrüßung der Eltern fiel zu Luisas und meinem Erstaunen recht knapp und distanziert aus. Allerdings konnte man die Freude und Dankbarkeit der Eltern und von Kuruthumu sich wiedergefunden zu haben dennoch spüren und in den Gesichtern ablesen. Nach einer Besprechung mit den Eltern schauten sich Joseph, Kuruthumu, Luisa und ich das Haus an, welches von außen erstmal einen recht geräumigen und passablen Eindruck machte.
Als wir dieses allerdings betraten, wurde uns schlagartig vor Augen geführt, wie arm die Familie eigentlich war. Sie führten uns in einen dunklen Raum ohne Fenster, in dem auf der einen Seite einige Schüsseln und ein kleiner Essensvorrat auf dem Boden gestapelt war und auf der anderen Seite eine recht zerfressen aussehende Matratze mit einem ähnlich runtergekommenen Moskitonetz lag. Die Mutter erzählte uns dann, dass dort sie, der jüngste Sohn und nun auch Kuruthumu gemeinsam schlafen würden und der ältere Bruder daneben auf dem kalten Steinboden, nur seine eigene Kleidung als Matratze, schlafe. Sie sagte, dass durch das kaputte Bett viele Probleme mit Insekten, anderen kleinen Tieren und teilweise sogar Schlangen einhergehen. Außerdem sei das letzte Jahr bezüglich ihres Einkommens sehr schlecht gelaufen, weshalb die Familie kaum genug Geld habe, um über die Runden zu kommen.
So sehr wir auch versuchten, es zu verstecken kamen uns allen beiden bei diesem Anblick und den Erzählungen die Tränen. Es war schockierend erkennen zu müssen, wie die Zustände in Kuruthumus Familie zu sein schienen. Joseph gab dem Vater Geld, um ein neues Mosquitonetz zu kaufen, was dieser direkt umsetzte. Auch wir ließen der Mutter und dem Vater jeweils etwas Geld zur finanziellen Unterstützung da. Anschließend gingen wir noch mit der ganzen Familie Limonade in einem Lokal vor Ort trinken und verabschiedeten uns dann von Kuruthumu und der Familie. Ein Abschied, der sich für mich unheimlich hart anfühlte. Im Auto auf dem Weg zurück nach Tabora, wo wir die übernachten wollten, wirkten die erschlagenden Eindrücke der letzten Stunde noch sehr auf uns nach.
Dennoch war es auch umso wertvoller zu sehen, wie glücklich und dankbar die ganze Familie über Kuruthumus Rückkehr war. Die verlorene Tochter ist zurückgekehrt und somit eine Familie wieder vereint.
Wir alle hoffen von ganzem Herzen, dass es Kuruthumu in ihrer neuen Lebenssituation gut geht, sie zur Schule gehen kann und die Familie gut für sie sorgt. Außerdem wünschen wir uns sehr, dass die Familie Unterstützung und Möglichkeiten findet, ihre finanzielle Lage und die Wohnraumsituation zu verbessern und wünschen Kuruthumu aufrichtig alles Gute.