Eine Brille als Attraktion

Ich hole langsam auf…
Tag 2: Nach der Kirche will ich meine Haare waschen. Das Wasser läuft perfekt, bis meine Haare komplett einshampooniert sind. Dann plötzlich: Kein Tropfen mehr. 5 Minuten stehe ich dumm da, dann fängt das Wasser an zu tröpfeln, ganz leicht. Gaanz geduldig wasche ich meine Haare unter den Resttropfen aus. Und bin überaus froh, als sich meine Haare nach geraumer Zeit tatsächlich shampoofrei anfühlen. Allein bin ich in meinem Zimmer auch nicht wirklich: Ich teile mir mein Zimmer mit sehr vielen Ameisen, Spinnen, einem Gecko und einer Mücke. Die Ameisen haben ihre Straße im Bad und fühlen sich im Klopapier besonders wohl…
Tag 3: Ich habe hier keinen Empfang mit meiner Reise Simcard, sodass ich seit Freitag 3 sms versenden konnte, und das war’s. Irgendwie nervt die komplette Abgeschiedenheit, aber vielleicht soll sie mir auch gut tun… Wann ich Internet bekomme, hängt davon ab, wann Joseph es schafft, das von Dominik für mich dagelassene Geld, abzuheben. Er hat momentan nämlich andere Sorgen, wir haben nicht genug Geld für die Miete. Wasser haben wir auch immer noch nicht. Ich öffne den Toilettenkasten und sehe: Noch genug Wasser für eine Spülung, Gott sei Dank! Abends funktioniert das Wasser wieder. Juliane und ich bauen im Klassenzimmer ein Minikino mit Lautsprechern aus dem Volunteershaus und unseren beiden Laptops auf und die Kinder gucken König der Löwen. Danach genieße ich meine kalte Dusche und wünsche mir diese schwitzend im Bett liegend wieder zurück.
Tag 4: Joseph hat das Geld abgehoben! Ich kann mir Internet kaufen! Ich beschließe mit Juliane kurzerhand in die Stadt zu fahren. Die Mitarbeiter im Halotel-Store sind seehr gemütlich. Sie sind die ganz Zeit an ihren Handys und man weiß nicht so recht ob sie gerade Spiele spielen, mit Freunden chatten oder tatsächlich arbeiten. Es dauert über zwei Stunden. Erst ist die Sim-Karte zu dick, dann funktioniert das Internet nicht. Irgendwann geben sie es auf und wir fahren mit einer (nur in meinem Handy!) nicht funktionierenden Sim-Karte zurück nach Hause. Dort angekommen, zeige ich Eddie das Problem und plötzlich funktioniert es. Er sagt, das sei die magische Reflexion seiner Augen… ja,ja ich glaub auch.
Heute wurden zwei neue Jungen zu Fone gebracht, circa 7 und 9 Jahre alt. Sie sind HIV-positiv getestet und es wird gerade nach Angehörigen gesucht. Kinder abgeben und Qualitätschecks machen, kann die Regierung, aber fininazielle Unterstützung leisten? Nee, so was doch nicht. Das ist für mich so schwer verständlich, weil ich es so kenne, dass soziale Einrichtungen vom Staat unterstützt werden. Hier läuft das anders, hier beruht alles auf Spenden.
Tag 5: Auf dem Weg zu Fone begrüßt mich ein kleiner Junge mit „Shikamoo!“ Es ist das erste Mal, dass jemand das mir gegenüber sagt und ich nuschele ein wenig perplex „Marahaba“ zurück. Ein paar Meter weiter rufen fußballspielende Jungs „Naomi, How are you?!“. Keine Ahnung woher die meinen Namen kennen (Bzw. die englische Version davon). Ich kicke ihnen den Ball zu und komme zufrieden bei Fone an. Dort beginnt erst einmal die obligatorische Small-Talk Runde mit allen Englischsprechenden, bevor es weiter in den Klassenraum geht. Dort angekommen findet Eddie es äußerst lustig mich nach vorne zu stellen und den Kindern zu sagen: „Sie macht jetzt Unterricht. Hört zu!“. Ich habe keinen Plan was ich machen soll. Ich spreche (fast) kein Wort Kiswahili und die Vorschüler sprechen (fast) kein Wort Englisch.  Letztendlich lasse ich sie das Alphabet auf Englisch sprechen und dann singen. Das können sie super.

Danach buchstabiere ich ihnen Wörter. Das funktioniert nicht wirklich, weil sie keine Ahnung haben, was die einzelnen Buchstaben bedeuten. Dazu kommt, dass kaum Buchstaben in Wörtern so ausgesprochen werden wie im Alphabet. Auch das Lesen wird dadurch schier unmöglich. Danach singen wir „Head, shoulders, knees and toes“. Sie können es auswendig. Aber sobald man fragt, wie denn der Kopf heißt, sind sie überfordert. Da muss ich ihnen wohl noch ein bisschen was beibringen. Spaß haben sie aber, das ist die Hauptsache.
Nachmittags probiert Edina meine Brille aus. Meine Brille ist hier echt eine Attraktion. Niemand glaubt mir, dass da Stärke drauf ist, bis derjenige sie selber aufsetzt und sie mir verwirrt und mit verkniffenen Augen zurück gibt. Danach wird meine Sehstärke mit Finger hochhalten getestet und lautstark gelacht, wenn ich nicht mehr sagen kann wie viele es sind. Abends kommen Mitglieder des lokalen Rotary-Clubs und übergeben uns eine Riesen-Essensspende.

Das Essen für die nächsten Tage ist gesichert!