Ein wenig Zeit zum Nachdenken

Auch dieses Mal habe ich wieder einige Zeit verstreichen lassen seit meinem letzten Eintrag. Aber untätig war ich keineswegs! Viel Zeit habe ich unter anderem mit dem Agricultural Report verbracht, der mittlerweile auf unserer Website zu finden ist. Ich warne euch schon ein mal vor, dieser Beitrag ist einer nachdenklichen Natur. Ich hoffe also, ihr habt Zeit und Lust, an meinen Gedanken teilzuhaben.

Meine Arbeit

Yasir, mein Mitpraktikant

Donnerstag und Freitag letzter Woche verbrachte ich größtenteils im Büro und konnte dort das vorzügliche Essen genießen, das der Koch Elias Tag für Tag zaubert. Gemeinsam mit Yasir arbeitete ich an dem Pro-Bono-Case weiter. Dies sollte dann bislang aber auch die letzte Aufgabe sein, die wir in unserem Praktikum bekommen sollten. Mir ist das allerdings teilweise gar nicht so unrecht, da unglaublich viel Arbeit für Fone anfällt. Also gehen wir morgens meist ins Gericht und den Rest des Tages verbringe ich damit, anderweitige Arbeit zu erledigen. Wenn sich die Fone-Arbeit ein wenig gelichtet hat, werde ich dann aber auch wieder mehr Juristerei einfordern. Zudem habe ich in dieser Woche zusätzlich noch bei TAWLA, der Tanzanian Women‘s Lawyers Association angefangen. Mir ging es darum, noch ein bisschen mehr von den vier Wochen Praktikum mitzunehmen und einen breiteren Einblick zu bekommen. Außerdem kann ich mir sehr gut vorstellen, später für eine NGO zu arbeiten. Um einen Eindruck von der Arbeit einer juristischen NGO in Tansania zu bekommen, ist TAWLA ein guter Ort. Dies ist eine Organisation, die sich für die Stärkung der Rechte der Frauen einsetzt. Dafür fördert sie zum einen weibliche Anwälte, zum anderen versucht sie den Zugang von Frauen zu Rechtsschutz zu ermöglichen und vertritt diese vor Gericht. Aus meinem letzten Praktikum in Tansania kannte ich noch Fatmah, die dort mittlerweile arbeitet und die mich herzlich willkommen hieß. Dort verbringe ich in Zukunft zwei meiner fünf Arbeitstage pro Woche. Ein großer Vorteil sind die deutlich entspannteren Arbeitszeiten, allerdings habe ich dort bislang auch noch nicht wirklich viel zu tun gehabt, aber immerhin ein paar Akten studiert. Fatmah wird aber versuchen, für mich den Besuch von strafrechtlichen Gerichtsverhandlungen zu ermöglichen und ich hoffe, bei einem ihrer Trainings von Frauen dabei sein zu können. Ihre Arbeit ist auf jeden Fall sehr wertvoll und es ist ein gutes Gefühl, den Klienten ins Auge zu schauen und das Gefühl zu haben, für sie eine wirkliche Hilfe darzustellen (auch wenn das für mich noch nicht so gilt). Aber man merkt, welche Hoffnungen sie in die Organisation stecken und wie dankbar sie für die Unterstützung sind.

„Moin, Euer Ehren“

Diese Woche vertrat Fatmah eine dieser Frauen vor dem District Court. Ich setzte mich ganz brav auf die Zuhörerbank und versuchte so viel wie möglich zu verstehen – mit bescheidenem Erfolg. Zwischen zwei Verhandlungen kam plötzlich das Gespräch auf mich und die Richterin wendete sich mit einem freundlichen „Helloooo“ an mich. Ich, ein wenig geistesabwesend und überrascht, antworte mit „Mambo“. Für die wenigen unter euch, die des Kiswahili nicht mächtig sind – man könnte die Situation frei in etwa so übersetzen, als hätte ich der Richterin ein nettes „Servus“ oder „Moin“ zugeworfen. Ich beeilte mich, die respektvolle Anrede „Shikamoo“ nachzureichen und der Fehler wurde mir mit einem Lächeln verziehen. Da kann man noch so viel Zeit in Tansania verbracht haben und das theoretische Wissen über die komplizierte Art und Weise der Begrüßungen ansammeln, vor Fehlern gefeit ist man dann nun doch nie.

Einmal heiraten ist nicht genug!

Aber nach diesem kleinen Vorgriff versuche ich mich mal wieder in Chronologie. Nachdem also auch der Freitag, eingeläutet durch eine „Flaschendusche“ am Morgen, sich dem Ende zuneigte, war es Zeit für Wochenende! Dafür ging es am Freitagabend gemeinsam mit Eddie in die Parkland-Bar wo wir bei einigen Bieren und Soda über dies und das redeten. Es war dieser Abend, an dem ich merkte, das mir Fone derzeit ein wenig zu viel wird. Mir scheint manchmal der Kopf zu platzen bei all den Problemen, mit denen ich mich überfordert fühle und die einfach unlösbar scheinen. Und damit meine ich leider vor allem finanzieller Art. Strukturelle Veränderungen anschieben kann großen Spaß machen, aber Zeit und Kopf dafür zu finden, ist ein seltenes Geschenk. Geld sammeln macht (fast) nie Spaß.

An sich hatte ich mich auf ein Wochenende gefreut, bei dem ich viel Zeit mit den Kindern verbringen würde, aber mich auch ein bisschen erholen wollte. So ganz geklappt hat das leider nicht. Der Samstagmorgen begann aber mit einer freudigen Überraschung. Der Blick auf das Handy nach der (viel zu frühen) Dusche (aus einem Duschkopf!) sagte mir, dass ich das Frühstück nicht wie geplant im Volunteerhouse, sondern bei Charles zu mir nehmen sollte. Also lief ich gemeinsam mit Sibylle rüber zu seinem Haus. Charles, langjähriger Mitarbeiter von FONELISCO, hatte mich schon öfter eingeladen. In diesem Jahr hat er Stella nun auch offiziell geheiratet. Ich dachte, das sei schon längst passiert, aber bei dieser Gelegenheit erklärte mir Charles, dass eine Hochzeit in Tansania dreischrittig abläuft: Zuerst erfolgt die Liebesbekundung, dann wird der Bride Price bezahlt und erst dann folgt die eigentliche Hochzeit. Zwischen diesen Schritten können durchaus, wie auch im Falle von Charles und Stella, viele Jahre liegen. Das liegt schon allein daran, dass es an dem Geld für den Bride Price oder die Hochzeit selbst fehlt.

Nachdem ich die letzten Tage im Gericht zeitweise sehr wenig verstanden hatte, gab es mir einen richtigen Push, mit Charles zu sprechen. Er spricht ein wunderbar klares Swahili, sodass ich eigentlich alles verstehen konnte. Wir sprachen viel über die Projekte auf dem New Land. Charles lebt selbst größtenteils von Hühnern, Enten, Mais und Früchten rund um sein Haus und kennt sich sehr gut aus. Auch ihn hat die Dürre ziemlich getroffen, er kann derzeit keinen Mais anbauen, da er nicht künstlich bewässern kann. Er erklärte mir, wie man Hühner deutlich weniger kostspielig halten kann und gab mir einige interessante Anstöße zum Nachdenken. Darüber vergaß ich ein wenig die Zeit, sodass ich mich beeilen musste und Denis, meinen Pikipiki-Fahrer, bestellte, damit ich noch rechtzeitig zu meinem Termin der Stadt kommen konnte.

Dort war ich nämlich in der Sprachschule verabredet, um für den Fonelisco e.V. einen Vertrag zu unterschreiben, mit dem unsere Freiwilligen in Zukunft günstiger Sprachkurse absolvieren können. Ich denke, es ist von riesigem Vorteil, wenn man mit den Kindern Swahili sprechen kann. Denn viele von ihnen können kein oder kaum Englisch. Zwar ist es gut, wenn diese auch zum Englisch sprechen gezwungen werden, aber im besten Fall sollte man sich doch auf halber Strecke treffen. Gegen Ende meines ersten Aufenthaltes konnte ich so auch Englisch auf Swahili unterrichten oder Fragen, die ihnen in der Schule nur auf Englisch erklärt werden, in ihrer Sprache beantworten. Für die Effektivität der Arbeit von Freiwilligen kann es also nur von Vorteil sein, wenn sie die Landessprache beherrschen. Außerdem wird ihnen im Rahmen der Sprachkurse auch die Kultur ein wenig nähergebracht.

Reichtum in Tansania

Danach hatte ich das erste Mal seit langem ein wenig Zeit für mich und lief von der Sprachschule in Richtung Mall, die ich mir mal in aller Ruhe anschaute. Ich weiß immer noch nicht, was ich davon halten soll. Auf der einen Seite ist sie ein monströses Gebilde, das man in dieser Form in Mwanza nicht vorfindet. Hier finden sich auch nur Geschäfte für Leute, die es sich leisten können. In den Supermärkten kann man Produkte wie Malteser, Nutella und ähnliches finden. Leider auch zahlreiche Marken meines Erzfeindes „Nestlé“, die aber auch so in Tansania verbreitet sind. Teilweise empfinde ich die Mall als etwas abstoßend. Auf der anderen Seite hat sie aber auch einige gute Aspekte. Schließlich freue ich mich über die Möglichkeit, Schokolade kaufen zu können oder eben Dinge zu bekommen, die sonst nicht erhältlich sind. Ich denke, es ist nur der erste Schritt, dass diese überteuert in wenigen Supermärkten zu finden sind. Mit der Zeit wird die Konkurrenz mehr werden, sodass die Produkte auch für die Bevölkerung erschwinglich sein werden. Jedenfalls diejenigen, die vor Ort auch nützlich sind. Dann schwingt natürlich auch der Aspekt der Arbeitsplätze mit. Ein Beispiel. Deutschland: Im Supermarkt sitzt ein Kassierer oder eine Kassiererin an der Kasse und arbeitet stundenlang meterlange Schlangen ab. Tansania: Mitarbeiter an der Kasse haben ordentlich Verschnaufpausen und können in die Luft gucken. Wichtig ist hier der Plural! Denn kommt man an die Kasse in den Supermärkten der Mall gibt es eine Person, die den Betrag vorliest, ein anderer tippt ihn ein und ein dritter verstaut die Einkäufe in Tüten. Nun gut, effektiv ist das vielleicht nicht, aber eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme erster Güte! Und so ist das Gefühl, mit einem Einkauf in den dortigen Supermärkten die Oberschicht zu unterstützen, dadurch auf jeden Fall gemindert, dass dieser ordentliche Ausgaben für Löhne haben muss, die der lokalen Bevölkerung zugutekommen.

Mwanza ist am Wachsen und ich bin sehr gespannt, wie es in 10 Jahren hier aussieht. Bislang wirkt vieles sehr überambitioniert. Eine riesige Mall, riesige Hochhäuser, die gerade hochgezogen werden, große Brücken und ausgebaute Straßen. Noch braucht man vieles davon nicht wirklich, aber ich glaube, dass sich die Investitionen auszahlen werden. Mein wirtschaftliches Verständnis gerät an seine Grenzen, wenn ich nun bewerten muss, ob dies dann letztlich nur den (größtenteils chinesischen) Investoren zugutekommt oder wie ich denke, auch die Tansanier davon profitieren können. Bis 2025 möchte Tansania ein Industriestaat sein. Ich habe zu wenig Ahnung von der Wirtschaft des Landes, als ob ich dies für realistisch oder unrealistisch halten kann. Aber meine Praktika haben mir gezeigt, dass es auch eine Mittelschicht in diesem Land gibt. Bislang kannte ich fast nur Menschen, die sehr arm waren. Die Anwälte gehören eindeutig zu den Besserverdienenden des Landes und auch die anderen Mitarbeiter der Kanzlei scheinen gut über die Runden zu kommen. Auch in den meisten Fällen, die wir hier bearbeiten, geht es durchaus um stattliche Summen. Dass sich meine Perspektive auf Tansania also ein wenig verschoben hat, verdanke ich dem Praktikum durchaus. Trotzdem weiß ich, dass der allergrößte Teil der Bevölkerung nicht von diesem vorhandenen Reichtum profitiert. Mein Alltag und meine Sichtweise auf Tansania wird weiterhin davon bestimmt sein, dass Pius zu uns kommt und vollkommen verzweifelt ist, weil er die 100€ für die Behandlung seiner kranken Frau nicht zusammenbekommt. Und das hat mit Mittelschicht nichts zu tun.

Es tut mir leid, dass ich mich in diesen Ausführungen ein wenig verloren habe. Aber ein solcher Blog bietet schließlich auch die Möglichkeit zur Reflektion und ich hoffe, dass euch meine Gedanken zu solchen Dingen interessieren. Ansonsten empfehle ich lustige Katzenvideos oder Videos von koordinierten Sprengungen, wie wir sie uns heute in der Kanzlei angeschaut haben!

Wein spendet Trost

Also zurück zum Samstag, den 19.08.2017. Zurück im Freiwilligenhaus fühlte ich mich leider überhaupt nicht fit, eine Erkältung nervte mich (Ja, das geht in Tansania!). Also schmiss ich mich ins Bett anstatt ins Getümmel des Fußballplatzes bei Fonelisco. Als ich wieder auf den Beinen war, begann ich mit Joseph gemeinsam den Agricultural Report. Das hatte ich länger vor mir hergeschoben, denn ich wusste, dass die Arbeit hieran niederschmetternd sein würde. Ich erspare es mir und euch, noch einmal ausführlich über die Verluste der Projekte zu berichten und verweise euch lieber auf den Bericht auf unserer Homepage (http://www.fonelisco-verein.de/blog/2017/08/24/unser-zweiter-agricultural-report/). Jedenfalls drückte die Arbeit an dem Report in dieser Woche bei mir ganz schön die Stimmung, weil die Ergebnisse bislang wirklich desillusionierend sind. Eine von Joseph und mir gefundene Lösung war aber sicherlich die Flasche Wein, die wir spätestens beim Reisprojekt aufmachen mussten. Den Abend verbrachten wir wieder mit Charles bei einigen Bierchen und hervorragenden Chipsi mit Fleisch.

Fußball, Hühner und der beste Burger der Welt

Nach den Pancakes vom Sonntagmorgen ging ich zu Fone, wo ich endlich wieder ein bisschen Zeit für die Kids und ein paar Runden Fußball hatte. Immerhin ein wenig ist es mir also doch gelungen, an diesem Wochenende bei Fone zu sein! Nach dem Mittagessen kam ich das erste Mal dazu, mich mit Helens zweijähriger Tochter ein wenig anzufreunden, die man ansonsten recht zuverlässig 50cm vor dem Fernseher antreffen kann. Hier konnte ich meine gesamten Kinder-zum-Lachen-bringen-Skills auspacken. Ein besonderer Dank geht an den Säbelzahntiger Diego aus Ice Age. Erst die Augen verdecken und dann plötzlich „Buh“ schreien, ist auch beim hundertsten Mal noch ein wahrer Hit! Danach ging es mit Joseph und einem Arbeiter vom New Land, Kadala, zu einem Hühnermarkt in der Nähe, wo wir Preise und Infos über ein mögliches Hühnerprojekt einholten. Dieses würde dann aber nicht wieder mit der speziellen Rasse funktionieren, mit der wir es zum ersten Mal versucht hatten. Stattdessen würden wir es wenn überhaupt dann nur ganz traditionell mit typisch tansanischen Hühnern versuchen.

Am Abend folgte ein bisschen Urlaub gespickt mit einer ordentlichen Portion Nostalgie. Das Gold Crest Hotel Mwanza schätze ich insbesondere wegen einer Sache: Der Burger dort ist der beste, der sich weltweit finden lässt. Alles andere ist Quatsch. Gepaart mit einem kühlen Bier und dem Sonnenuntergang über dem Lake Victoria lässt es sich schon ganz gut aushalten und bietet auch die Gelegenheit, ein wenig durchzuatmen. Joseph war auf unsere Einladung auch mit dabei, allerdings mussten wir ihm erst einmal ein paar Tipps geben, wie man des gewaltigen Burgers denn am besten Herr werden kann.

Burger oder Ziege?

Achtung: Ich werde schon wieder nachdenklich. Juliane fragte mich auf der Rückfahrt im Taxi, wie es mir damit gehe, gerade eine Rechnung bezahlt zu haben, mit der ich eine halbe Ziege für das Waisenhaus hätte finanzieren können. Das ist eine Frage, die sich nicht einfach beantworten lässt. Wann immer ich mir etwas gönne, ist mir bewusst, dass ich dafür für die Kids viel wichtigere Dinge kaufen könnte. In einer Form des Selbstschutzes muss ich aber meine privaten Ausgaben strikt von denen des Waisenhauses trennen. Eine Selbstgeißelung würde mich letztlich wohl kaputt machen. Trotzdem ist es wichtig, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, was man mit dem Geld anderswo bewirken kann. Es gibt viele Dinge, die ich in meinem Leben nicht brauche. Es bereitet mir mehr Freude, die fröhlichen Gesichter der Kinder zu sehen, wenn sie mal etwas richtig Gutes zu essen bekommen, als wenn ich meinem dritten Porsche beim Rosten in der Garage zuschauen darf. Solange ich Dinge mit einem gewissen Bewusstsein betrachte, kann ich es mit mir vereinbaren, mir auch immer wieder etwas zu gönnen. Denn es macht nicht glücklich, jeden Euro umdrehen zu müssen. Das kenne ich wiederum von der Vereinsarbeit. Wenn man die Arbeitsstunden, die ich in diese investieren, mit Mindestlohn vergelten würde, denke ich auch, dass eine recht stattliche Summe zusammenkommen würde. Trotzdem, die Frage beschäftigt mich seit langem und wird das weiter tun. Denn ich merke auch selbst, dass ich mir wünschen würde, dass die gleiche Summe, die in Deutschland Tag für Tag für unnötige Luxusgüter ausgegeben wird, genauso bereitwillig auch in Hilfsprojekte wandern würde.

Ich will eure Zeit nicht überbeanspruchen und verschiebe deshalb die Berichte von dieser Woche auf einen weiteren Blogeintrag. Ich hoffe, dass euch meine Gedanken nicht gelangweilt haben. Im nächsten Bericht folgt dann wieder ein wenig mehr Action!