Die ersten Tage

    IMG_20160705_183647822_HDRMit hartem Holpern setzte Flug FN 147  auf der kleinen Landebahn auf. Der Pilot hatte sich bei der Landung so verschätzt, dass er einige hundert Meter auf der Landebahn zurückfahren musste, um das Flugzeug in Parkposition bringen zu können. Ein Wendemanöver auf der Landebahn ist wohl nicht auf vielen Flughäfen möglich – wohl aber in Mwanza, Tansania. Zum dritten Mal nun hatte es mich vor einigen Tagen in die zweitgrößte Stadt Tansanias direkt am Victoriasee verschlagen. Nach einem achtmonatigen Freiwilligendienst 2012/2013 und einem sechswöchigen Besuch samt juristischem Praktikum beim City Council Mwanza werde ich dieses Mal leider nur drei Wochen bleiben können. Diese Zeit kann und möchte ich fast ausschließlich der Arbeit bei Fonelisco widmen.

So hart auch die Landung war, so herzlich war der Empfang. Zwei tansanische Freunde anderer NGOs erwarteten mich und Joseph und fuhren uns zum Freiwilligenhaus von Fonelisco in Ilemela, dem Vorort Mwanzas, in dem sich unser Waisenhaus befindet. Hier traf ich auf viele vertraute Gesichter und es gab ein großes Wiedersehen. Für Joseph war es nach fünf Wochen Deutschland eine Heimkehr und auch für mich fühlte es sich so an. Schließlich sollte mich die Zeit, die ich nach dem Abitur hier verbrachte, entscheidend prägen und mich nicht wieder los lassen.

Da wir erst am Abend gelandet waren und die Kinder schon schliefen, konnte ich erst am nächsten Tag die fünf Minuten zu Fuß ins Waisenhaus gehen. Schon auf dem Weg erklang das vertraute „Domi“ der Nachbarskinder und als wir uns dem Waisenheim näherten, stürmte eine Horde Kinder aus dem Eingang, um mich über den Haufen zu rennen zu können. Es sind solche Momente, die die Arbeit für den Verein wertvoll machen. Viele der Kinder kannte ich mittlerweile nicht mehr. Schließlich war es drei Jahre her gewesen, dass ich tagtäglich mit ihnen zu tun hatte. Bei meinem letzten Besuch hatte ich leider nicht so viel Zeit mit den Kindern verbringen können wie erhofft. Fonelisco ist eine Familie im Wandel, die niemals still steht. Erfreulich viele Kinder aus meiner ersten Zeit konnten in ihre Familien reintegriert werden, aber leider blieb auch für viele neue Kinder keine andere Zuflucht als das Waisenhaus übrig. Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell sich die Neuen einfügen, wie viel sie lachen und wie normal sie sich verhalten, trotz allem, was vorgefallen sein mag.

IMG_20160703_150457128Es dauerte nicht lange und der von mir mitgebrachte Fußball war aufgepumpt und spielbereit. Wie in den guten alten Zeiten wurde auf dem Hof gekickt. Doch recht schnell musste ich die Partie unterbrechen, da wir unerwarteten Besuch eines Freundes von Joseph bekamen, der einen amerikanischen Professor für Social Work mitgebracht hatte. Mit diesem unterhielt ich mich lange und führte ihn durch das Haus. Auch für mich war das eine gute Gelegenheit, das Haus in seinem Zustand nach der Renovierung im Spätsommer letzten Jahres zu begutachten. Damals strichen wir unter anderem die Häuser neu und tauschten alle Betten durch stabile Metallbetten aus. Das Haus machte wirklich einen guten Eindruck und wirkte sehr sauber. Am Abend stand das nicht nur in Deutschland mit Spannung erwartete Spiel gegen Italien an und gemeinsam mit den Mitarbeitern gingen wir in eine nahegelege Bar, wo wir nervenzerreißende 120 Minuten plus Elfmeterschießen verlebten, gekrönt von einem tosenden Jubel an unserem Tisch, der mich für zwei Tage die Stimme kosten sollte.

IMG_20160703_155111029Auch am Sonntag blieb ich den Tag über in Ilemela. Am Vormittag hatte ich ein langes Gespräch mit unserem Mitarbeiter Paul. Er ist äußerst qualifiziert und hat mehrere Studien abgeschlossen. Leider aber können wir es uns nicht leisten, ihn dauerhaft zu beschäftigen. Das kleine Gehalt, was wir ihm nur anbieten können, genügt ihm nicht um seine Familie zu versorgen. Es ist wirklich schade, dass wir jemanden, der seit vielen Jahren mit Fonelisco verbunden ist, nicht halten können, obwohl er in vielerlei Hinsicht einen großen Gewinn für die Organisation darstellen würde. Am Nachmittag gingen wir mit einigen Koffern schwerbepackt ins Waisenhaus, um dort in Deutschland gesammelte Kleider, Taschen, Schuhe und Schulsachen auszugeben. An dieser Stelle möchte ich allen danken, die dafür gesorgt haben, dass gut 50kg an Materialien bei den Kindern ankommen konnten. Es war mal wieder verblüffend, mit welcher Ruhe und Gelassenheit die Ausgabe ablief. Die Mitarbeiterin Hellen rief dem Alter und Geschlecht nach die Kinder in Gruppen auf und verteilte die vorsortierte Kleidung. Kein Murren war zu hören, während die Kinder geduldig darauf warteten, selbst an der Reihe zu sein. Jedes Kind bekam mehrere neue Kleidungsstücke. Man kann sich sicher sein, dass sie diese Kleider untereinander tauschen, je nachdem wem was gefällt eben. Zwischendurch musste ich mir gemeinsam mit der derzeitigen Freiwilligen Annika die Frage stellen, wie eine ähnliche Ausgabe von Kleidungsstücken wohl bei uns unseren im Vergleich doch verwöhnten Kindern in Deutschland ausgesehen hätte…

Am Montag begann wieder der Alltag im Waisenhaus. Am Morgen unterrichtete Annika gemeinsam mit dem Mitarbeiter Edward die Vorschule und ich setzte mich als stiller Beobachter hintenrein. In den drei Wochen hier werde ich mich nur beschränkt in die Lehrtätigkeit einmischen, da ich keine langfristige Struktur etablieren könnte und zudem den Eindruck habe, dass der Unterricht wirklich hervorragend läuft. Später übernahm unsere Lehrerin Yvonne einige ältere Kinder für den Englischunterricht. Ich hingegen ging mit dem Mitarbeiter Charles ein wenig durch Ilemela, um einen ersten Eindruck des Lebens dort wieder zu gewinnen. Am Nachmittag ging es dann gemeinsam mit Joseph das erste Mal wieder nach Mwanza rein in die Stadt. So wie sich Joseph in Deutschland über die fehlende Menschen auf den Straßen wunderte, so sehr freute ich mich über das bunte Treiben auf dem Weg in die Stadt und in dieser selbst. Diese Lebendigkeit Tansanias ist eine der Dinge, die mir in Deutschland immer am meisten fehlt.

Der gestrige Dienstag war ein sehr geschäftiger Tag. Nach dem Frühstück ging es wieder zum Unterricht in das Waisenhaus, allerdings musste ich einige Telefonate führen, um anstehende Termine zu klären. Vor allen Dingen telefonierte ich mit dem Shaloom Care House. Dieses Projekt hatte ich während des Besuches einiger NGO-Vertreter in Würzburg anlässlich des fünfzigjährigen Bestehens der Städtepartnerschaft kennengelernt und der Leiter Msafiri Wana hatte sich bereit erklärt, in Fonelisco einen kostenlosen HIV-Test aller Kinder durchzuführen. Am Vormittag kam noch eine Gruppe Freiwilliger der befreundeten Sports Charity Mwanza bei uns vorbei, was unweigerlich zu einer weiteren Runde Fußball führen musste. Als Torwart der Mädchenmannschaft konnte ich einen Sieg nach dem anderen einfahren, was viele der Jungs doch herrlich aufzuregen schien. Am Nachmittag gingen Annika und ich gemeinsam in die Stadt und ich führte sie dort ein wenig herum. Auf dem Weg dorthin warfen wir einen Blick in die Ende letzten Jahres gigantische Rock City Mall, ein monströses vierstöckiges Gebäude. Innen fand sich ein Supermarkt, wie ich ihn bislang in Tansania noch nicht gesehen habe und der alles anzubieten schien, was das Herz begehrte. Wir verließen die Mall mit sehr gemischten Gefühlen. Das gute an ihr ist, dass sie eine Vielzahl an Arbeitsplätzen schaffen wird. Aber sie verkörpert in keiner Weise mehr das Mwanza, was ich so liebe, das typisch afrikanisch belassene Mwanza eben. Eine Stadt, in der man eben nicht alles kriegen kann, die aber so viel mehr zu bieten hat, wenn man von Laden zu Laden streift. Die Preise in der Mall werden wohl nur für die allerwenigsten erschwinglich sein, was die Frage aufwirft, für wen dieses gigantische Bauprojekt denn überhaupt umgesetzt wurde. Mehr als sieben Monate nach Eröffnung stehen dreiviertel der Geschäfte aufgrund der hohen Mieten leer, abgesehen vom Supermarkt im Untergeschoss ist das Gebäude fast menschenleer. Im obersten Geschoss wird man bestimmt von zwei Sicherheitskräften wieder nach unten geschickt, da dort noch nichts eröffnet ist.

IMG_20160705_161612331In der Stadt stürzten wir uns in das Mwanza, was ich viel mehr schätze: Wir schlängelten uns durch die engen Gassen der viele Märkte, auf denen selbst am frühen Abend noch ein solch geschäftiges Treiben war, dass man kaum voran kam. Hier wenigstens hatte sich nichts verändert. Händler schrien durcheinander, priesen lebende und weniger lebende Tiere an, versuchten Rasierer, Klamotten, Früchte oder sonst allerlei unter die Menschen zu bringen. Alles war herrlich chaotisch und einfach wunderbar. Auf Märkten schieße ich allerdings grundsätzlich fast nie Fotos, weil es die Händler nicht gerne sehen und ich die Kultur des Landes respektieren möchte. Auch generell mache ich bislang nicht viele Bilder, da ich die drei Wochen hier nicht nur durch die Linse erleben möchte, sondern lieber mehr Erinnerungen in meinem Kopf speichern möchte, auch wenn dieser Blog natürlich darunter zu leiden haben wird. Aber ein paar Bilder werden doch zusammenkommen, damit sich hier nicht nur Text findet.

Um uns den kilometerlangen Stau aus der Stadt raus zu sparen, schwangen Annika und ich uns auf zwei Pikipikis, die Motorradtaxis hier. Hier ging es natürlich erst einmal um das obligatorische Feilschen um den Preis. Nach einigem Hin und Her ging es dann los und ich unterhielt mich die ganze Fahrt über mit meinem Fahrer über alles mögliche. Es war wirklich praktisch, dass ich die Delegation in Würzburg betreut habe, denn dadurch konnte ich mein Swahili auffrischen. Dieses ist zwar lange nicht mehr so gut, wie es einmal war, aber doch so, dass ich mich problemlos verständigen kann. In Ilemela angekommen gingen wir am Abend noch einmal gemeinsam mit Joseph und Mitarbeitern ins Waisenhaus. Dort riefen wir die älteren Kinder zusammen, um sie auf den bevorstehenden HIV-Test vorzubereiten. Auf wirklich bewundernswerte Art und Weise versuchten die Mitarbeiter den Kindern die Angst zu nehmen, sollte das Ergebnis positiv sein. Auch von den Kindern kamen einige Nachfragen und so war es eine wirklich gute und konstruktive Sitzung. An sich sollte der Test am heutigen Mittwoch stattfinden. Allerdings ereilte uns am frühen Morgen die spontane Absage des Shaloom Care House, da es wegen dem Ende des Ramadan und des damit in Tansania verbundenen Feiertags geschlossen haben würde. Nun werden wir am Freitag einen nächsten Versuch starten. Dieser Test ist mir wirklich sehr wichtig. Es ist unerlässlich zu wissen, welche unserer Kinder HIV+ sind. Mittlerweile ist das alles andere als ein Todesurteil, man kann ein vollkommen normales Leben führen und selbst eine Familie gründen. Aber das ist nur möglich, wenn man sich behandeln lässt. Ohne einen Test allerdings bekommt man eine solche Behandlung nicht und hat insbesondere keinen Zugang zu den in Tansania kostenfrei zugänglichen Medikamenten. Auch für Fonelisco ist es wichtig zu wissen, wer betroffen ist, um so Maßnahmen treffen zu können, um einer Ansteckung vorzubeugen.

Was also erhoffe ich mir von diesen drei Wochen?

In Deutschland investiere ich viel Zeit in die Arbeit für den Verein. Dabei ist es nicht immer leicht, das im Auge zu behalten, wofür man sich eigentlich einsetzt: Jedes einzelne Kind von Fonelisco. Je länger man nicht mehr hier war, desto mehr gewinnt man an Distanz. Somit verliert man aber auch die Triebfeder für die Arbeit. Das möchte ich um jeden Preis vermeiden. Umso wichtiger ist es also, von Zeit zu Zeit direkt vor Ort zu sein und Zeit mit den Kindern verbringen, bei denen die Früchte der Arbeit tatsächlich ankommen. Während meines letzten Besuches hatte ich hierfür wie erwähnt zu wenig Zeit gefunden, das möchte ich dieses Mal nachholen. Natürlich werde ich nie wieder der unbekümmerte Volontär von 2012 sein. Ich betrachte alles nun aus der Perspektive eines Mitarbeiters dieser Organisation. So ist es auch wichtig, Probleme direkt vor Ort zu erkennen. Über alles den Überblick zu bewahren ist schon hier schwer, fast unmöglich ist es aus Deutschland heraus, wenn man nicht regelmäßig seine Eindrücke auffrischen kann. Ich will auf keinen Fall, dass ich hier eines Tages ankomme und mir ist alles fremd. Es fängt schon damit an, dass es viele neue Kinder gibt, aber auch so ändern sich die Dinge. Zusätzlich habe ich einige Projekte ins Auge gefasst, bei deren Umsetzung ich Joseph gerne unterstützen möchte. Dabei geht es um den bereits erwähnten HIV-Test, aber auch um Perspektiven auf dem New Land (ein von Fonelisco vor längerem gekauftes Grunstück am Victoriasee) und Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit einem Bekannten von der Organisation TAREA, die sich für den Einsatz erneuerbarer Energien in Tansania einsetzt. Das klingt nun alles sehr geschäftig. Aber diese Zeit hier soll auch eine Zeit zum Genießen sein. Ich arbeite für diesen Verein aus Überzeugung und weil es mir Spaß macht. Diesen Spaß möchte ich hier spüren. Es bereitet mir große Freude, Zeit mit den Kids zu verbringen. Außerdem fehlt mir Tansania in Deutschland immer sehr. Diese einmalige Gastfreundschaft, wie ich sie noch nirgends erfahren durfte, die Lebensfreude trotz schwieriger Bedingungen, die Gelassenheit und Ruhe, gleichzeitig aber auch diese energiegeladene Lebendigkeit dieses Landes sind ansteckend. Davon möchte ich so viel es geht aufsaugen, dass es bis zu meiner nächsten Reise nach Tansania ausreicht!IMG_20160703_150619188