Die ersten Dinge kommen ins Rollen…

   IMG_20160707_125112921_HDR   „Allahu Akbar“. Weil’s so schön ist gleich nochmal. Und nochmal. Und nochmal. Alles wunderbar melodisch vorgetragen. Ich wälze mich verzweifelt im Bett herum, es bringt nichts. Ungelogen über Stunden hinweg pries der Muezzin ein Loblied auf seinen Gott. Dazu hatte er auch allen Grund, denn am letzten Mittwoch war Eid al-Fitr, das Zuckerfest. In Tansania ist dies gesetzlicher Feiertag. Ein muslimischer Feiertag, genauso wie es auch christliche Feiertage gibt. Tansania ist ein Vorbild für das Zusammenleben verschiedener Ethnien und Religionen. Übrigens, auch in diesem Land hier wohnen 250.000 Flüchtlinge im Westen des Landes. Nur ist das in Tansania kein großes Thema, es wird nicht groß diskutiert. Aber bei der florierender Wirtschaft, abnehmender, zunehmend alternder Bevölkerung, geringer Arbeitslosigkeit und einer stabilen staatlichen Absicherung können die sich das ja auch leisten. Oder bringe ich da gerade etwas durcheinander….?

In ganz Mwanza war eine große Party. Jedes Hotel, jede Bar und jedes Restaurant spielte lautstark Musik. Ärgerlich war für uns allerdings, dass auch das Shaloom Care House geschlossen hatte und wir so unseren HIV-Test verschieben musste. Stattdessen hatten wir einen entspannten Tag, den wir mit dem Halbfinale Portugal-Wales ausklingen ließen.

Auch der 7.7 war Feiertag – der saba saba (saba ist Swahili und heißt sieben), der Tag der Arbeiter und der Gründungstag der TANU, die Partei des ersten Präsidenten Julius Kambarage Nyerere. Nach einem Vormittag bei den Kids, dem Klettern auf Bäumen zum Anbringen einer Schaukel und erneutem Besuch durch die Freiwilligen der SportIMG_20160707_170619434 Charity fuhren wir am Nachmittag gemeinsam mit Jacob Ruhonyora zum New Land. Jacob hatte ich in Würzburg kennengelernt, als er mit der Delegation dorthin gekommen war. In Tansania arbeitet er bei der Organisation TAREA, die versucht erneuerbare Energien in Tansania zu fördern. Ich habe die Hoffnung, dass er unsere Organisation in Zukunft ein wenig in dieser Richtung beraten und unter die Arme greifen kann. Somit wollte ich den Kontakt zu ihm vertiefen und ihm zeigen, was uns prinzipiell zur Verfügung steht. Insgesamt hat das Grundstück leider keinen guten Eindruck gemacht. Viel lag brach und es gibt so gut wie nichts, was uns Erträge bringen kann. Früher noch hatten wir hier zahlreiche Früchte, Reis, Mais und Gemüse angebaut. Dann bekamen wir ein Problem, was auf den ersten Blick lustig klingen mag, für uns aber leider sehr ernst ist: Nilpferde. Diese aßen und zertrampelten unsere Ernten, sodass nun seit einiger Zeit nichts mehr angebaut wird. Hoffnung macht der Plan holländischer Unterstützer, dort einen Zaun aufzubauen. Anschließend könnte das Land wieder genutzt werden. Mir ist wieder klar geworden, dass wir dieses Stück Land besser ausschöpfen müssten, insbesondere eben landwirtschaftlich. Ein kleiner Lichtblick ist das Kuhprojekt dort. Ein schwedischer Unterstützer hatte es finanziert, um selbst Profit zu erzielen. Der Plan ging allerdings nicht auf. Schön ist nun das Ergebnis, dass sämtliche Milch zu Fonelisco geht und die Kinder so regelmäßig ihren Lactosestand auf Vordermann bringen können. Daneben diskutierten wir sehr lange, wie und wo sich bald ein Hühnerprojekt realisieren ließe. Ein Bekannter wird uns zeitnah 200 Küken zukommen lassen, um uns bei dem Start des Projektes zu unterstützen. Vorher allerdings müssen wir noch einen Stall bauen, der gleichzeitig schlangensicher und kostengünstig sein muss. Es wird mich wohl in den nächsten Tagen noch öfter aufs New Land verschlagen, damit ich dieses Projekt vor meiner Abfahrt zumindest in den Grundzügen geplant habe. Gegen frühen Abend kraxelten Pius, Annika und ich noch über die Hügel und genossen den Ausblick auf den Lake Victoria. Wieder unten schätzten wir uns glücklich, trotz des hohen Grases und unser waghalsiger Aktion ohne unliebsame Begegnungen mit Schlangen geblieben zu sein. Am Abend in Mwanza schauten wir gemeinsam mit den Freiwilligen der Sport Charity das Halbfinale Deutschland-Frankreich. An dieser Stelle hülle ich mich in Schweigen.

Am Freitag konnten wir gemeinsam mit den Kindern dann tatsächlich zum Shaloom Care House für den HIV-Test. Wir mietetenIMG_20160707_180105346 einen Daladala, packten die älteren Kinder und einen Teil des Staffs in den Minibus und fuhren rüber. Doch recht typisch tansanisch waren die ersten 1,5h, in denen der Staff mit Mitarbeitern von Shaloom sehr viel diskutierte und überlegte, über was man denn noch so diskuterieren könne. Nun ja, vielleicht war auch nur für mich der hohe Informationsgehalt nicht greifbar. Jedenfalls ging schließlich der Staff fast geschlossen zum Testen und auch Annika und ich machten mit. Währenddessen wurden die Kinder informiert, die sich ebenso alle zu einem Test entschlossen. Es überraschte mich leider nicht, dass wir einen positiven Befund erhielten, der Rest der Kinder war negativ. Allerdings wurde ihnen das Ergebnis noch nicht gesagt, da wir Zeit gewinnen wollen, um dem betroffenen Kind auf schonende Art und Weise die schlechte Nachricht beizubringen, ihm aber gleichzeitig klarzumachen, dass wir weiter zu ihm stehen werden und er nun eine Behandlung bekommen kann. Gleichzeitig muss auch noch ein Labortest folgen, um sicherzugehen, dass das Testergebnis richtig war. Am nächsten Mittwoch kommen Mitarbeiter des Care Houses  zu uns in Waisenhaus, um die restlichen Kinder zu testen. Auch hier halte ich es für möglich, dass weitere positive Befunde folgen werden. Denn bei uns im Waisenhaus gibt es eine Vielzahl neuer Kinder, die noch nicht getestet wurden. Wissen ist Macht. Das gilt bei HIV mehr als bei allem anderen. Ich bin mir sicher, dass wir den Kindern gut helfen können. Ein positives Beispiel gab es schon, als vor einigen Monaten ein Mädchen zu uns kam, bei dem wir von Anfang an wussten, dass es positiv ist. Sie entwickelt sich aber prächtig bei uns und nach anfänglichen Schwierigkeiten gehen auch die anderen Kinder wirklich super mit ihr um – vorbildlich.

Als Belohnung für diesen Tag gab es am Abend einen Film. Teilt man den Kindern mit, dass nun ein „Movie“ geschaut wird, schnellt der Dezibelspiegel in besorgniserregende Höhen. Mit einem großen Geschrei finden sich alle Kinder innerhalb von wenigen Minuten im Klassenraum ein, verspeisen schmatzend die mitgebrachten Nüsse und schauen gebannt auf den kleinen Laptop. Ein schöner Abschluss des Tages!

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