Der Alltag kehrt zurück…und endet im Krankenhaus

Jetzt sind also tatsächlich weitere zwei Wochen vergangen, ging das schnell! Zwei Wochen voller Höhen und Tiefen, die hier nicht in allen Einzelheiten dargestellt werden können. Ich, heute Luisa, versuche nun aber dennoch, einen Einblick in unser Leben hier zu geben:

Der Alltag bei Fone befindet sich gerade in einem Wandel. Zum einen ist Iben nach einem tollen Abschiedslagerfeuer mit den Kindern am Samstagmorgen nachhause geflogen, weshalb Johanna und ich nun auf uns alleine gestellt sind. Zum anderen sind nun nach Beginn des neuen Schuljahres endlich alle Kinder in der Schule, was aufgrund Geldtransferschwierigkeiten aus Deutschland leider etwas länger gedauert hatte als gedacht. Das heißt für uns, dass vormittags nur noch die fünf ganz Kleinen bei Fone sind, mit denen eher wenig unternommen werden kann. Über Kuschel- und Kitzeleinheiten freuen sie sich zwar immer, Johanna und ich sind hingegen froh über zusätzliche Aufgaben wie die Unterstützung beim Wäschewaschen, die Fertigstellung von Ibens Kicker und Josephs Bitte, Englischunterricht für die Mitarbeiter zu gestalten. Das Wäschewaschen ist zwar anstrengend, macht mit viel Schaum aber tatsächlich sogar ein bisschen Spaß, vor allem wenn die Kleinen mithelfen, oder vielmehr mitspritzen wollen. Allgemein stellen Johanna und ich begeistert fest, dass unsere Handys immer weniger interessant für die Kinder werden, weil sie langsam scheinbar verstanden haben, dass wir diese nicht ständig rausrücken (und somit völlig abgeschrieben sein) wollen. Meinen Fitnesstracker am Armgelenk finden vor allem die Jungs aber nach wie vor sehr spannend und freuen sich immer total süß, wenn sie den „Wanderpokal“ erhalten und damit Schritte zählen dürfen.

Diese Woche habe ich tatsächlich auch meinen ersten Unterrichtsversuch gestartet, wobei ich sehr dankbar um Elizas Unterstützung als Dolmetscherin und Johannas Sortieren und Bereitlegen der richtigen Hefte war. Gemeinsam mit den Erst- und Zweitklässlern habe ich die englischen Begriffe für die Zahlen von 1 bis 10 erarbeitet. Wenngleich das mündlich noch super funktioniert hat, trennte sich beim Aufschreiben der passenden Wörter die Spreu vom Weizen. Deshalb habe ich beschlossen, die Kinder von nun an doch klassenweise zu gruppieren. Die Leistungsunterschiede sind aber auch unabhängig von der Jahrgangszugehörigkeit extrem groß…

Nachdem Iben und Sophia erfolgreich eine Movie-Night etabliert haben, die jeden Mittwoch stattfindet, setzen Johanna und ich diese gerne fort. Das heißt zugleich, dass wir bei den Kindern auf Abend essen, was für mich vor allem beim ersten Mal eine wirklich besondere Erfahrung war: Das Essen unterscheidet sich zwar nicht von unserem alltäglichen Reis mit Bohnen, wird aber ohne Besteck mit der bloßen Hand verputzt, was mich tatsächlich etwas Überwindung kostete… So richtig daran gewöhnt habe ich mich bisher noch nicht, weil durch die „Soße“ doch immer eine recht klebrige Angelegenheit daraus wird.

Vom Waisenhaus abgesehen, haben wir nun auch schon ein paar schöne Orte in Mwanza erkunden können: Letzten Samstag waren wir auf einer Bootsparty auf dem Victoriasee, zu der uns Daniel eingeladen hat, der mit den Kindern jeden Samstag Armbänder fädelt. Hier trafen viele verschiedene Nationen aufeinander, alle waren total offen und die Aussicht auf den Victoriasee sowie die leuchtenden Fischerboote einfach unfassbar schön. Eine Einheimische hat sich auf der Party sogar bereiterklärt, uns einiges hier zu zeigen, sodass wir nun bereits ein wundervolles See-Dinner im Restaurant des Tilapia Hotel hatten (endlich mal was anderes als Reis!).

Außerdem haben Johanna und ich mittlerweile mehrere Spots gefunden, an denen man wunderbar den Sonnenuntergang über dem See genießen und einfach in die Ferne schauen kann. Hier gibt es so viele Felsen, Steinansammlungen und Aussichtshügel, das hatte ich vorher nicht erwartet!

Ein weiterer toller Ausflug war unser Besuch des New Land, der großen Hoffnung Foneliscos. Dieses riesige Gelände direkt am See beinhaltet zahlreiche Zuckerrohrpflanzen, Steinformationen (ja, schon wieder), eigene Kühe und Ziegen und optimale Flächen zum Reisanbau und zur Fischzucht. New Land hat aber ein großes Problem: die Nilpferde. Diese gelangen durch die noch nicht vollständig geschlossene Mauer immer wieder in das Gelände und zerstören die Reispflanzen. Außerdem sind die Fischbestände durch „Überschwappen“ in den See gefährdet. Die Fertigstellung der Mauer wäre also dringend notwendig, um dem Waisenhaus durch eigenen Nahrungsmittelanbau und -verkauf ein Stück Eigenständigkeit zu ermöglichen und die Abhängigkeit von Spendengeldern zu reduzieren.

Zuletzt ein kleiner Einblick in eine weniger schöne Situation: Johanna und ich hatten in unseren ersten Wochen doch immer wieder das ein oder andere Wehwehchen, was wir aber nicht weiter zu begründen versuchten. Letztendlich musste ich dann aber am Sonntag doch einmal das Krankenhaus (nach unseren Verhältnissen wohl eher eine große Praxis) aufsuchen, da sich ein langsam anschleichendes Problemchen auf meiner Lippe zu einer dicken Schwellung inklusive Bläschen gemausert hat. Joseph fühlte sich sofort alarmiert, als ich ihm davon erzählte, und wollte mich unbedingt zum Arzt seines Vertrauens bringen, wo er auch geduldig wartete, bis die Untersuchung inklusive (extrem hygienischer) Blutabnahme zu Ende war. Der indische Arzt schien sehr kompetent und konnte mir in bestem Englisch das Problem erklären. Scheinbar hatte mich nachts (trotz Moskitonetz) ein Insekt gebissen, was zu dieser heftigen Reaktion führte… Während in Deutschland überall dringend zur Malariaprophylaxe geraten wird, wurde mir hier stark davon abgeraten: Ebensolche Reaktionen und auch kleinere Probleme wie Müdigkeit, Hautirritationen, Husten etc. sind oft Resultat aus der starken Schwächung des Immunsystems, die durch die Prophylaxe vor sich geht. Aktuell sind wir uns unsicher, welche Risiken uns weniger einschränkend erscheinen. Ich für meinen Teil werde aber nach der Beendigung der Antibiotika-Einnahme wohl nicht wieder mit den Malaria-Tabletten beginnen und hoffe das Beste.

Um den Eintrag nach meiner schnellen Genesung positiv abzuschließen, möchte ich noch einmal auf die große Solidarität und Hilfsbereitschaft hier hinweisen: Joseph hat für den Arztbesuch wirklich all seine Arbeit links liegen lassen und nach der Untersuchung sogar darauf bestanden, uns mit dem Taxi zurückzubringen. Und auch der Arzt erkundigte sich täglich per WhatsApp nach meinem Befinden. Genau solche Gesten sind es doch, die einem auch in der Ferne ein Stück Sicherheit geben.