In unserem Blog findet ihr von Zeit zu Zeit immer wieder Berichte von Freiwilligen direkt aus Mwanza. Diese sollen einen kleinen Eindruck von der Arbeit und dem Alltag in FONELISCO geben. Wir wünschen viel Freude beim Lesen!

Hallo, wir sind Sophia und Iben aus Marburg und Hamburg . Wir werden nun die nächsten 2 und 4 Monate bei FONELISCO e.V. in Mwanza verbringen. Abwechselnd werden wir in den folgenden Wochen von unseren Erlebnissen berichten.

Jetzt ist es schon gut zwei Wochen her, dass ich von Joseph sehr herzlich am Flughafen empfangen wurde. Seit dem war so viel los, dass ich es nicht geschafft habe etwas zu schreiben. Insgesamt war es eine besondere Zeit. Nicht nur für mich, da es mein erstes Mal in Tansania ist, sondern auch für die Kinder hier, da einiges passiert ist. Es kamen öfter Gäste, die Spiele veranstalteten und Süßigkeiten mitbrachten. Außerdem baten sich einige Gründe zum feiern und es fanden dementsprechend Festlichkeiten statt.

Woche 1:
Die ersten Tage verbrachte ich vor allem damit, mich zurecht zu finden. Wo finde ich im Office alles für die Kinder und was kann ich ihnen raus geben .
Mit Rose verbrachte ich einen Vormittag beim Wäsche waschen für die Kinder und an einem anderen Tag half ich ein wenig in der Küche. Wunden wurden mit Pflastern verpflegt und Kleider und Schuhe wieder geklebt oder genäht.

Auch gab es einen großen Event, die Abschlussfeier der Siebtklässler, welche nun auf die `secondary school` gehen dürfen. Dafür hatte Paula schon ein paar kleine Geschenke besorgt über die sich die fünf Mädchen und zwei Jungen sehr freuten.
Am Morgen der Feier wollten wir uns um 11 Uhr beim Waisenhaus mit Eddie und noch ein paar anderen treffen um dann gemeinsam zur nicht weitentfernten Grundschule zu laufen. Eigentlich sollte die Feier in der Schule schon um 10 starten, doch Eddie hatte uns im Voraus gesagt, dass wir vor 11 nicht zu erscheinen brauchten. Auch als wir dann um 11:30 erschienen waren wir noch die ersten Gäste. Die entspannte Zeit hier in Tansania ist etwas, an das ich mich wirklich noch gewöhnen muss.
Es gab einen DJ und alle Kinder tanzten ausgelassen, bis die Zeremonie begann. Einige Klassen hatten Lieder oder Tänze vorbereitet, die sie dann den Siebtklässlern und der Schulleiterin vortanzten. Nach dem die Zeugnisse ausgeteilt worden sind, hatten die Intern Students, die auch mit gekommen waren, eine riesige Torte dabei von der jedes Kind etwas abbekommen wollte. Weiter ging es dann mit Geschenken von dem restlichen Staff bzw. Fonelisco selber. Es waren neue Kleider und Schuhe besorgt worden, welche direkt für darauffolgende Party angezogen werden konnten.

Da nun die Siebtklässler auch keine Schule mehr hatten war es morgens schon recht voll bei Fone. Morgens malten wir nun öfter Wasserfarben oder machten andere kleine Projekte, wie zB der Bau einer Schaukel. Es war schön zu beobachten wie manche Kinder sehr geduldig für die gesamte Zeit ein Bild malten und andere schon nach ein paar Minuten mit einem halb angemalten Bild angelaufen kamen und ein neues Blatt wollten. Meistens versuchte ich ihnen mit meinen noch wenigen Kisuaheli Vokabeln verständlich zu machen, dass sie doch noch den Rest des Bildes bemalen sollten.

Woche 2:
Diese Woche begannen Sophia und ich unseren Sprachkurs bei Mama Salala. Da dieser immer nachmittags statt fand, bekamen wir leider immer nur etwas von den jüngeren Kindern mit. Außerdem wurde diese Woche viel für die darauffolgenden Wochenendausflüge und Parties geplant, daher waren auch die Vormittage mit Meetings gefüllt.

Am Mittwoch jedoch war wieder einmal Filmabend, der vor einiger Zeit eingeführt wurde und wir aßen bei den Kinder. Es gab Ugali mit Bohnen. Alle zusammen saßen wir dann vor dem Fernsehen und ich versuchte kläglich mein Essen ohne Gabel oder Löffel halbwegs ordentlich in meinen Mund zu bekommen. Zum Glück gab es Ugali, eine Mehl-Wasser Paste welche vor allem sättigte und mit Beilagen gut schmeckte und vor allem einfacher zu essen war als zB Reis.
Was mir außerdem noch auffiel war dass alle Kinder sehr gut aufeinander aufpassten und sich gegenseitig halfen, aber auch sehr gut auf die älteren, welche die Essensausgabe regelten, hörten.

Die meisten Gründe zum Feiern ballten sich dann am Samstag: die intern Students würden bald gehen, die Siebtklässer hatten ihre Graduation, die Secondary School Graduates sollten auch schon gefeiert werden und wir durften die Feier auch unsere Willkommensfeier nennen. Der Grund, wieso aus dem ganzen aber ein riesen Event mit Kamerateam wurde, war die erstmalige Krankenversicherung für alle Fonelisco Kinder. Um für andere Organisationen als gutes Beispiel voran zu gehen, sollte alles berichtet und ausgestrahlt werden. Dementsprechend waren auch einige offizielle Leute aus Ilemala geladen worden, um ein paar Worte vor der Kamera zu dem Thema zu sagen.

Es wurden zwei Ziegen vom Newland geholt, welche Pius und Elias schlachteten und von morgens an halfen wir alle mit Pilao, einen Gewürzreis, Krautsalat und andere Köstlichkeiten zu kochen.

Es lief eigentlich alles wie geschmiert, die Schlangentänzer hatten ihren Auftritt, alle kamen einmal zu Wort. Doch leider ist zu dieser Jahreszeit das Wetter so unberechenbar, dass wegen einem gewaltigen Regenschauer alles nach hinten verschoben werden musste und so nur einer der vorbereiteten Auftritte der Kinder noch bei Tageslicht geschehen konnte.

Es war ein toller Tag, beendet mit einem kleinen Beisammensein des gesamten Staffs im Parkland.
Außerdem ist mir an dem Tag nochmal bewusst geworden, dass eine Krankenversicherung nichts ist an das ich sonst besonders denke, da es für mich so eine Selbstverständlichkeit darstellt. Gerade an dem Tag ist mir dadurch aber auch aufgefallen was es heißt diesen Luxus nicht zu haben und wie toll es ist und was es für ein unglaublicher Schritt es für die Fonelisco Kinder ist, auch eine Krankenversicherung zu bekommen.

More

Hujambo und Hallo

Wo fange ich an 🙂 Einmal ein neues Leben oder so ähnlich
Meine ersten 2 Wochen in Mwanza liegen hinter mir.
Am Sonntag nach einer knappen 26 Stunden Reise habe ich mein Ziel erreicht.
Ich wurde von Joseph herzlichst am Flughafen erwartet.
Nach einer kurzen Fahrt mit dem Auto erreichten wir das Volontair Haus in dem auch Joseph mit seiner Familie lebt. Ich wurde von Buddy dem Wachhund und dem Rest des Hauses mit großer Freude in Empfang genommen.
Nach einer kurzen Nacht und wenig Schlaf, ging es am nächsten Morgen auch schon auf zu den Kindern.
Schwierig Worte dafür zu finden was dann passierte. Wir öffneten das Tor und es kamen die ersten auf mich zugerannt, umarmten mich und ließen nicht mehr ab. Ich brach in Tränen aus. Vor Freude, ich war so gerührt endlich da seien zu dürfen. So lange habe ich auf diesen Moment gewartet und mich vorbereitet.
Mit der kleinen 2 jährigen Tabu (die erst seit kurzem da ist, und leider HIV positiv getestet worden ist), mit dem 3 jährigen Joseph und mit Asumani der ca 4 Jahre jung ist, an der Hand, lernte ich den Rest der Kinder und der Mitarbeiter kennen. Tränen sind noch mehr geflossen an diesem Vormittag, so viel nur dazu…..
Ich wurde von Anfang gleich mit eingespannt, als wäre ich schon immer da gewesen. Was für ein wunderbares Gefühl… Gemeinsam mit den Kindern nahm ich das Frühstück zu mir. Dieses ähnelt einem Porridge und wird warm in einem Becher serviert . Die Kinder lieben es, bis auf den letzten Rest wird aus geschleckt. Danach steht das morgendliche Waschprogramm an, was für die kleineren hinter dem Mädchenhaus im Freien stattfindet.Es ähnelt einem Regentanz, da das Duschwasser so kalt ist. Oh wie kann ich das verstehen, ging es mir doch heute morgen auch so ähnlich. Danach werden sie von oben bis unten eingecremt und die Kleiderauswahl steht an, was bei den kleinen Damen auch schon mal länger dauern kann.
Normalerweise gehen dann die älteren zur Schule, da aber momentan noch Ferien sind, beginnt ihr Tag mit spielen, aufräumen und sauber machen. Für die Kleinsten geht es über zum Babyclass Unterricht. Dieser dauert ca. 3 Stunden, je nachdem wie aufnahmefähig und konzentriert die Kinder sind. Hier ist die Jüngste 2 und der älteste 6, was sich nicht immer als ganz einfach gestaltet. Zusammen mit Madame versuchen wir den Kindern Grundkenntnisse in Englisch zu vermitteln, bevor für sie der reguläre Schulunterricht beginnt. (Das Schulsystem hier ist gnadenlos und sehr fordernd, ab einer gewissen Altersstufe wird nur noch in Englisch unterrichtet, und davor hatten sie in der Regel gar keines)
Wenn der Vorschulunterricht für alle überstanden ist, gibt es Mittagessen für die Kinder. In der Regel ist das Mittags Ugali eine Art Maisbrei den man zu Kugeln rollt und in viel Sauce tunkt, dazu gibt es Gemüse.
Danach geht es actionreich in den Nachmittag, es wird gespielt, getobt, geturnt, getanzt, gemalt und mindestens einmal in der Woche gehen wir spazieren. Dann stehen die Hausaufgaben an und Schulübungen für alle Klassenstufen. Der Tag geht hier nur so im Fluge vorbei, mit über 40 Kindern. Bevor es für die Kinder Abends ins Bett geht, gibt es noch ein gemeinsames Abendessen, hier gibt es meistens Reis mit Gemüse.
Letzte Woche war sehr aufregend für die Kinder. Zwei mal haben wir größere Essensspenden erhalten. Man mag es nicht für möglich halten, aber einmal sogar durch die Polizei.
Das Tor ging auf, ein Jeep kam angefahren, und die ganze Ladenfläche war voll mit Fisch, unfaaaassbar…. Eddi erklärte mir, dass das Fisch ist, der illegal durch die Industrie gefangen wird, da er die Mindestgröße nicht erreicht hat. Er wird den Fischern abgenommen und an gemeinnützige Organisationen verteilt. Diesmal hatten wir das Glück.
Wie ich finde eine sehr schöne Sache, man versucht den Fischbestand zu schützen und dabei wird den Ärmsten geholfen. Ich war wirklich überrascht. Wir standen dann nur plötzlich nachmittags um 17 Uhr vor der Frage, was wir so schnell mit über 100 kg frischem Fisch anstellen sollten (man muss bedenken, Kühlschränke gibt es hier keine)
Um den Fisch etwas länger haltbar zu machen, eignet sich das frittieren. Eddi und ich sind los gespurtet und haben über 20 Liter Öl gekauft, alle haben uns für verrückt gehalten oder dachten wir eröffnen ein Restaurant.
Währenddessen sich die Kinder gemeinsam an den Fisch machten. Unglaublich wie schnell und flink sie das erledigten, weil so klein war der Nilbarsch eigentlich gar nicht. Die Kinder hatten 3 Fischmahlzeiten, worüber sie unglaublich glücklich waren, schmeckt so ein Ugali doch gleich viel besser mit etwas Fisch.
Am Tag darauf war Ramadan Ende, die meisten Einwohner sind hier zwar christlich, aber unter ihnen sind doch auch einige Muslime. Das Fasten Ende wird mit einem großem Essensfest zelebriert. Die Kinder von Fonelisco haben an diesem Tag ein Abendessen geschenkt bekommen. Eine lebende Ziege! Und Reis für Pilau, eine Art Gewürzreis. Ja ihr habt richtig gelesen, die Ziege musste erst geschlachtet werden…..Das war zu viel für mich, für Madame auch….
An diesem Vormittag legten wir einen sehr großen Spaziergang ums Dorf ein. Als wir wieder eintrafen, war Gott sei Dank alles vorbei. Unser Masai, der normalerweise das Tor bewacht, hat dieses schnell erledigt. Gemeinsam mit Mitgliedern der Frauenorganisation und den Kinder kochten wir aus der Ziege ein leckeres Abendessen. Und jeder war stolz seien Teil dazu beigetragen zu haben.
Wie ergeht es mir zu sonst so hier? Sehr gut, muss ich wirklich sagen. Man gewöhnt sich so schnell an Afrika und wird ein Teil davon. Wenn ich mit Eddi in der Stadt bin, spielen wir immer ein Spiel → Muzungu entdecken (weiße Menschen), dabei vergesse ich manchmal fast, selber einer zu seien. Die Einwohner von Tansania sind wirklich so überaus freundlich, warmherzig, offen und neugierig.
Ja und es ist wirklich so, wie wir Afrika aus unseren Medien und Erzählungen kennen. Aber es hat auch so viele andere wunderbare Gesichter. Was mich nach meinem ersten Afrikaaufenthalt bewegt hat zurück zu kommen und gemeinnützig zu arbeiten, war diese unschlagbare Lebensfreude. Die Menschen sind so glücklich, und versuchen sich jeden Tag mit gegebenen Mitteln zu arrangieren. Davon können wir als Europäer noch ganz viel lernen, gar nicht daran zu denken was unser einer manchmal Kummer bereitet. Und dann gibt es noch diese andere Seiten, in der die Menschen doch gar nicht soweit von uns entfernt sind. Es wird gejoggt, sie lieben Eiscreme und Popcorn, und fiebern jeden Tag der Fußball Weltmeisterschaft mit uns.
Und natürlich ist die deutsche Mannschaft der absolute Favorit 🙂

Nun kommt mit zwei Monaten Verspätung mein Abschlusseintrag. Ich habe gegen Ende meines Aufenthaltes so viel erlebt, dass ich keine Sekunde Zeit hatte, an meinem Blogeintrag zu schreiben… Im Dezember bin ich schweren Herzens zurück nach Deutschland geflogen. Jetzt bin ich in Bolivien und wünsche mir täglich, zurück in Ilemela bei Fonelisco zu sein.

Hier noch ein paar Erfahrungen, die ich schon notiert aber noch nicht veröffentlicht hatte:

Heute reden Juliane, Eddie und ich über verschiedene Werte in verschiedenen Kulturen. Uns fällt auf, dass die Kinder hier mit ihrer Selbstständigkeit sehr gut klarkommen. Sie sind sehr verantwortungsvoll, fürsorglich, nett und helfen einander. Das ist hier selbstverständlich. In Deutschland werden diese Verhaltensweisen mit Mühe den Kindern auf theoretische Weise eingetrichtert, denn praktisch wird alles für sie getan. Dies bleibt dann oft erfolglos. Das ist viel anstrengender für alle Beteiligten. Praktizierte Selbstständigkeit ist ein besserer Lehrer.

Ich lese das Übungsbuch für die 8. Klasse (in Tansania ist das das erste Jahr der Secondary School) und mir fallen die Augen aus dem Kopf. Das kann nicht wahr sein! Das Buch beginnt mit dem Pascal‘schen Dreieck und der Fibonacci-Folge… Das Pascal‘sche Dreieck ist die Grundlage für den Binomialkoeffizienten, den ich ihm ABITUR mit einem TASCHENRECHNER ausgerechnet habe, weil alles Andere zu aufwendig ist und von der Fibonacci-Folge habe ich noch nie etwas gehört… Die Kinder hadern noch am 1×1 :/, das haben sie in der Grundschule noch nicht anständig gelernt. Als wäre eine neue Unterrichtssprache nicht genug, es muss auch inhaltlich knallen. Das ist so verrückt. Und fies. Und unfair. Nach dem Motto: Wer sich keine Vorbereitungsklasse leisten kann, hat halt Pech… ich erstelle einen straffen Unterrichtsplan, um die Kinder mit möglichst viel Neuem vertraut zu machen, bevor sie im neuen Jahr die weiterführende Schule starten.

Bei Tunza ist es heute zu kalt zum schwimmen, deshalb turne ich mit den Kindern im Sand. Das bringt ihnen riesigen Spaß, ich bekomme bei jedem missglückten Handstand einen Schock, aber sie stehen immer lachend wieder auf. Juliane kauft wie jedes mal Popcorn für die Kinder. Zehn Minuten später geben uns Nachbarn nochmal die gleiche Menge an Popcorn aus. Und kurz darauf lässt ein unbekannter Spender noch einmal die gleiche Menge für die Kinder zubereiten. Unglaublich!

Völlig vollgestopft und zufrieden machen wir uns auf den Weg nach Hause.

Abends reden Juliane, Eddie und ich über Bedeutungen von Handzeichen in verschiedenen Kulturen. Und Eddie erklärt mir, wie hier gezählt wird: Der Daumen wird nicht mitgezählt und die fünf ist eine Faust. Jetzt erklärt sich das Unverständnis der Kinder im Matheunterricht! Die Armen, verstehen nicht warum ich drei sage und zwei Finger (plus Daumen) dabei hochhalte. Man lernt doch immer dazu.

Wir reden auch darüber, dass die westliche Welt sich zunehmend isoliert, keine Gemeinschaft zulässt und menschliche Abstände vergrößert. Bei dem Versuch die negativen physischen Effekte der Natur wie Unkomfortabilität und Krankheit zu reduzieren, machen wir uns psychisch krank, weil es so unnatürlich ist, was wir anstreben. Das sind ganz interessante und sehr kontroverse Themen über die man unter Europäern gar nicht so diskutieren kann, weil wir in einem ähnlichen Umfeld aufgewachsen sind.

Es ist Samstag und die Willis, Shukuru und ich beschließen, Bälle reparieren zu lassen. Dafür gehen wir ins Dorf. Die Werkstatt besteht aus drei Männern, die neben der Autowaschanlage (bestehend aus einem Gartenschlauch) auf einem Baumstamm im Sand hocken. Vor ihnen stehen zwei kleine Schuhregale mit Schuhen und der eine flickt gerade einen Fahrradreifen. Die reparieren hier also alles, denke ich mir. Irgendwann holt er sein Werkzeug aus einem Schuh und mir geht auf, dass die Schuhe gar nicht zur Reparatur hier sind, sondern als Schrank dienen. Das lässt mich schmunzeln.

Fonelisco hat eine Spende für eine Ziege bekommen, also fahren wir mit Joseph auf den Ziegenmarkt und kaufen eine Ziege, die wir direkt zum New Land bringen.

 

 

 

Heute ist Julianes letzter Tag. Wir werden vor die Riesenaufgabe gestellt, Hühner für das Abschiedsessen zu kaufen. Joseph meinte zur ihr, dass Hühner 6000 Tsh kosten, leider weiß aber niemand wo es Hühner zu diesem Preis geben soll. Im Dorf kosten sie 15000 Tsh… Wir irren also eine Weile herum. Irgendwann fahren wir in die Stadt um abgepackte Hühner zu kaufen, das sind die billigsten, die wir finden…

Weil durch ein Missverständnis keine Bohnen für das Abschiedsessen da sind, müssen wir noch auf den Markt gehen und Gemüse kaufen. Wir haben noch 7000 Tsh übrig, das entspricht 2,70€. Ich denke mir: Unmöglich, damit Gemüse für soo viele Menschen zu kaufen! Falsch gedacht. Wir kaufen 35 GROßE Tomaten, 20 Zwiebeln und 10 Knoblauchzehen, für 2,70€.

Abends feiern wir die Abschiedsparty. Wir halten kleine Reden und tanzen, ein schöner letzter Abend!

Nun bin ich für einen Monat die einzige Freiwillige. Mein Arbeitspensum erhöht sich, ich kann nun die Aufgaben nicht mehr mit Juliane teilen. Aber ich komme noch stärker mit den Mitarbeitern und Kindern in Kontakt. Das ist sehr schön. Wir verbringen eine wirklich schöne Zeit gemeinsam. Ich besuche noch einige Tage Ukerewe, eine Insel im Viktoriasee, auf der unsere Matron Rose ihre Heimat hat.

Meine Abschiedsparty ist wunderbar. Wir essen gemeinsam ein köstliches Mahl und tanzen dann bis wir nicht mehr können. Ich bin unfassbar glücklich, alle diese lieben Menschen um mich zu haben und mit ihnen Spaß haben zu können. Der Abschied am nächsten Morgen ist entsprechend herzzerreißend…

Meine Zeit in Tansania war eine wunderbare Erfahrung!

Hier ein kleines Fazit:

Ich hatte vor meinem Aufenthalt die Angst, überflüssig zu sein, oder schlimmer noch mehr Last als Hilfe zu sein und anderen Menschen Arbeit wegzunehmen, dadurch dass ich unbezahlt arbeite. Diese Angst hat sich in Luft aufgelöst. Fonelisco scheint mir das perfekte Projekt für Volontäre, die sich engagieren wollen. Ich habe das Gefühl, etwas verändert zu haben. Ich konnte eine Unterstützung sein, für Joseph und die Kinder. Meine Arbeit hat einen Sinn gehabt, das war das Wunderbarste überhaupt. Und das war auch mein Wunsch für meine Zeit im Ausland. Es hat mich innerlich ruhen lassen, weil ich gesehen habe, was für Großartiges möglich ist, und dass ich ein Teil davon sein kann. Es hat mir die Akzeptanz mir gegenüber gegeben, die ich brauchte, um zuversichtlich mein Leben zu entwickeln, um mit mir und meinem Umfeld klar zu kommen. Ich bin so dankbar für alles, und vor allem für Kiki, die zur richtigen Zeit, am richtigen Ort meiner Mutter von ihrem Auslandsaufenthalt in Tansania erzählte…

In Deutschland rege ich mich jetzt über jeden nutzlosen Werbebildschirm an Bahnstationen und in Autobahntoiletten auf, höre bei: „und dann war ich bei H&M, da gab es…“ einfach nicht mehr zu und bin glücklich über mein Klavier, trinkbares Leitungswasser und anständige Schokolade.

Und in Bolivien, stelle ich fest, wie ähnlich so weit voneinander entfernte Welten sein können. Ich stehe täglich im Kontakt mit den Freunden, die ich durch Fonelisco gewonnen habe und bin mit meinem Herzen immer noch dort.

Ich werde, so bald ich kann, zurückkommen, um meine zweite Familie, die Fonelisco-Family, zu besuchen.

Ich freue mich schon darauf!

 

Ich habe meine Armbanduhr in Hamburg gelassen und weiß deshalb nie wie spät es ist. Das ist ein unglaublich befreiendes Gefühl. Auch meine überausgeprägte Pünktlichkeit aus Deutschland habe ich mittlerweile vollständig abgelegt. Ich kann einfach „zu spät“ kommen ohne dass es mich oder jemand Anderen stört. Das ist echt praktisch und dürfte sich auch gerne mal in Deutschland etablieren.

Den Weg durch das Dorf lege ich auch heute wieder mit einem Haufen Kinder, die sich an meinen Armen festhalten und „mzungu“ rufen, zurück. Wir gehen auch an etwas älteren Kindern vorbei, die mir zurufen: „Give me money! Give me one money!“ und sich daraufhin schlapp lachen und weglaufen. Bei Fone angekommen, treffe ich auf einen Hundewelpen.

Er hat sich irgendwie auf unser Grundstück verlaufen und ist total süß! Wenn er überlebt, behalten wir ihn und bringen ihn als Wachhund auf‘s New Land.
Nachmittags in meinem Zimmer stelle ich fest: In meiner Toilette leben Geckos. Ich habe einen in der Kloschüssel gesehen, wie er durch ein Loch in das Klo verschwunden ist… Ich beschließe, mich davon nicht stören zu lassen.
Heute fahren Juliane und ich mit Pikipikis, das sind Motorradtaxen, in die Stadt! Wir rufen drei verkehrssicher fahrende Pikipikifahrer an, von denen zwei auftauchen. Sie geben uns sogar einen Helm, den man aber nicht festschnallen kann und der im Notfall deshalb einfach nur abfallen würde… Dennis, mein Pikipikifahrer, redet die ganze Zeit auf Kiswahili von Dominik, seinem guten Freund ;). Ich verstehe kein Wort, was natürlich ausschließlich am Verkehrslärm liegt! Also werfe ich in regelmäßigen Abständen ein „ndiyo“ (ja), „ah“ und „nice“ ein. Das scheint ihn zufriedenzustellen. Juliane und ich wollen eigentlich mit anderen dänischen Volontären Kleidung an Straßenkinder ausgeben. Es sind aber zu wenige da, sodass wir das verschieben. Stattdessen laufen wir durch die Stadt und besorgen Souvenirs für sie. Danach gönnen wir uns einen Milk Shake, der wie Eis schmeckt und richtig, richtig lecker ist!
Am nächsten Morgen lädt ein Laster einen Riesenhaufen Feuerholz auf unserem Hof ab.

Das kommt alles vom New Land und ist wirklich eine beachtliche Menge.
Heue ist Mathetag und weil weder Eddie noch Juliane Mathe mögen, darf ich den ganzen Unterricht übernehmen. Die ganz Kleinen können noch nicht bis drei zählen und die Älteren fangen schon mit Multiplikation und Division an. Allen gerecht zu werden ist nicht einfach. Ich schreibe deshalb jedem Kind individuelle Rechnungen ins Heft. Irgendwann nehme ich Duplosteine zur Hilfe, um Joel das Prinzip der Subtraktion zu erklären. Und es funktioniert! Ich bin ganz überrascht. Er zählt ganz fleißig seine Duplos, zählt dann die ab, die abgezogen werden müssen, lässt diese mit großem Spaß hinter seinem Rücken verwschwinden und zählt, wie viele noch vor ihm liegen. Sobald er das Ergebnis hat, freut er sich riesig.

Dotto erkläre ich auch direkt die Duplosteinmethode.
Nach dem Unterricht spielen wir Fußball. Es gibt leider die doofe Regel, dass nach jedem zweiten Tor Liegestütze gemacht werden müssen. Und ich werde in die verlierende Mannschaft eingeteilt. :/ Das heißt, ich bin eigentlich nur mit Liegestützen beschäftigt und komme gar nicht zum Spielen. Für die Kinder ist es aber jedes Mal ein Riesenspaß mir dabei zuzusehen.
Beim Abendessen diskutieren und philosophieren Juliane und ich über den freien Willen. Sie hat immer Argumente für den freien Willen, die ich jedes Mal in deterministische Argumentationen umwandele. Es endet damit, dass ich von ihr mit Flaschendeckeln beworfen werde und mich vor Lachen kaum halten kann…

Ein diktiertes Wort aufzuschreiben, ist für Vorschüler, die nur die Hälfte der Buchstaben kennen, seeehr schwer. Dementsprechend anstrengend ist unsere heutige Diktierstunde. Nur Dotto und Ashula langweilen sich, sodass ich mir immer neue Sätze ausdenken muss, die sie aufschreiben können, was mit meinen begrenzten Sprachkenntnissen echt nicht leicht ist. Das Einzige, was sie noch nicht verstehen, ist Worttrennung. Sie las senein fachz wischen reinzu fälligen Silben Platz. Die neue Halima ist 12 Jahre alt, aber kann nicht einmal Buchstaben schreiben. Also lasse ich sie einzelne Buchstaben üben.
Mittags habe ich nach langer Zeit mal wieder eine Unterrichtsstunde in Kiswahili. Wir machen Verben und Possessivpronomen. Die sind leider nicht so einfach wie im Deutschen. Je nach Gegenstand ändert sich der Präfix. Das heißt, man weiß nie ob es nun changu, wangu, langu oder yangu heißt… Manchmal habe ich das Gefühl, diese Sprache findet es lustig unschuldige Neu-erlerner in den Wahnsinn zu treiben.
Während meiner Mittagspause schreibe ich fleißig weiter Mails. Meine Schokolade und meine Kekse sind futsch, und das macht mich traurig. Sie haben es sich wahrscheinlich unbemerkt in meinem Bauch gemütlich gemacht… Ich entwickele hier eine Süßigkeitenabhängigkeit und das ist nicht gut.
Bei Fone mache ich deshalb mit Juliane ihr tägliches Bauchmuskeltrainingsprogramm. Wir liegen auf dem Rasen, und sowohl die Kinder als auch die Erwachsenen (Paul, Willi und Eddie) finden uns äußerst lustig, lehnen aber vehement unsere Einladung ab, sich dazu zu gesellen.
Heute ist Freitag, und Freitag ist Tunzatag. Die Kinder planschen im See und wir spielen Karten. Auf dem Rückweg bricht ein Gewitter über uns aus und in Sekundenschnelle sind wir pitschnass und all unsere Klamotten durchnässt. Wir rennen zum nächsten Unterstand und erhoffen uns ein Ende des Regens – der kommt leider nicht. Also rennen wir weiter nach Hause, direkt unter die Dusche.
Den frühen Samstagmorgen (also bis 11:30 Uhr :)) widme ich Youtube. Danach gehe ich zu Fone um Fotos für Kiki zu machen. Alle Kinder spielen im Hof, nur die vier, die ich brauche, sind nicht da. Na toll. Eddie taucht auch eine Stunde verspätet auf, sodass ich statt Fotos zu machen, nur ein paar Wunden verarzte und ansonsten tatenlos herumsitze.

Weiterführung folgt…

Tag 13: Heute morgen regnet es richtig doll, echtes Hamburger Schietwedder halt! In T-Shirt und Shorts friere ich und im Zimmer ziehe ich meine Wollsocken an (die waren eigentlich nur für’s Flugzeug gedacht). Mit solchen Wintertemperaturen hatte ich nun wirklich nicht gerechnet und ich habe gar keine passende Kleidung dabei! Außer natülich meine Wollsocken, die übrigens in Kombination mit meinen Shorts äußerst stylisch aussehen. 😉 🙂
Im Vorschulunterricht rechnen wir. Bis 20 können die Kinder schon ganz gut „plus“ rechnen, aber mehr auch nicht. Nach der Stunde geben wir ihnen Tuschkästen und Lego zur Beschäftigung, weil es draußen immer noch in Strömen regnet.

Den Älteren zeige ich währenddessen Fotos von meiner Familie, meinem Haus und Hamurg. Alle sind sehr fasziniert und sagen, dass Hamburg ihr nächstes Reiseziel sein wird. Ich hoffe, dass sie das wirklich irgendwann mal wahr machen können. Das Mittagessen essen Juliane und ich mit Händen, einfach so weil wir Lust haben. Hier ist das zum Glück nicht komisch.
Nachmittags gehen Juliane und ich zum Supermarkt im Dorf. Die begehbare Grundfläche im Shop beträgt ca. 2 Quadratmeter… Die Auswahl ist dementsprechend gering, aber es gibt Süßes, das ist die Hauptsache! Ich decke mich mit braunem Zucker, Marmelade und einem Bounty ein und wir machen uns wieder auf zu Fone. Auf dem Weg treffen wir Pius, der mein Handy braucht um Joseph anzurufen. Hier wird so wenig geplant, aber wenn etwas gebraucht wird, ergeben sich die Situationen so, dass alles passt. Wenn man den Dingen ihren Lauf lässt, klappt alles viel besser als man es befürchtet hat. Das ist etwas, was die deutsche Kultur (so weit es eine „deutsche“ Kultur gibt) wirklich von hier lernen kann.
Im Presecondary Unterricht machen wir direkte Übersetzung von Kiswahili auf Englisch. Das ist verdammt schwer, weil die Grammatik total verschieden ist und sich einzelne Wörter nicht passend übersetzen lassen. Deshalb gestaltet sich die Stunde sehr zäh. Abends gucken wir dann zur Entspannung mit allen zusammen den Film Madagaskar 2.

Tag 14: Heute morgen taucht weder Eddie noch Juliane zum Vorschulunterricht auf, sodass ich alleine improvisieren muss. Ich entscheide mich für das englische Alphabet, welches wir vorärts, rückwärts und durcheinander lernen. Rückwärts und durcheinander fällt den Kindern sehr schwer und irgendwann raten sie nur noch. Die Bleistifte und Hefte sind leider in Eddies Schrank eingeschlossen, sodass ich sie nichts aufschreiben lassen kann. Rose und Asia (4 und 2 1/2 jahre alt) sind verständlicherweise überhaupt nicht am Alphabet interessiert und machen nur Krach. Ich besitze leider nicht die passenden Worte um sie zur Ordnung zu rufen und lasse mir deshalb von Lukas (einem der Presecondaries) helfen. Irgendwann hole ich für die Beiden Papier und Stifte, um sie zu beschäftigen und zur Ruhe zu bringen. Dabei berechne ich aber nicht mit ein, dass die Anderen auch noch in einem Alter sind, in dem sie sehr gerne malen. Alle stürzen sich auf diese zwei Zettel und mir bleibt nichts Anderes übrig als weitere Zettel zu holen und den Unterricht hier zu beenden. Im Nachhinein bin ich zufrieden mit dieser Wndung, weil es letztendlich Kinder sind, die eigentlich viel mehr Gelegenheit zur kreativen Entfaltung brauchen. Ich gebe Lukas stattdessen Englisch-Einzelunterricht.
Nachmittags gehen wir zu Tunza an den Victoriasee. Ich habe meinen Computer mit, weil ich ganz dringend meinen Artikel für den Klönschnack abschicken muss. Danach lese ich den Kindern irgendein Heft auf Kiswahili vor. Ich verstehe kein Wort, aber alle lauschen gebannt meinen zusammenhangslosen Silben…  So schlecht kann meine Aussprache also nicht sein. Sie scheinen wirklich zu verstehen, was ich lese. Das ist schon ein lustiges Gefühl auf einer Sprache vorzulesen, die man nicht kennt.

Tag 15: Heute übe ich mich im Nichtstun. 🙂 Das ist tatsächlich etwas, was ich nicht kann, außer wenn ich krank bin. Im Wohnzimmer besprechen unsere Kölner Gäste gerade Schulkosten. Ich werde dazugerufen. Ich übersetze also, kläre Missverständnisse und und organisiere ein Skype-Gespräch mit der Verantwortlichen von Fonelisco e. V., die Kölner unterstützen Paul für sein Studium, das ist großartig! Das mit dem Nichtstun klappt aber noch nicht so ganz…
Nach dem Essen habe ich immer noch Appetit. Ich schiebe das auf die vielen Kohlehydrate, die ich hier bekomme. Danach besuchen Juliane und ich Eddies neues Zuhause. Es ist ein gemieteter Raum, der sogar für deutsche WG-Zimmer-Verhältnisse ziemlich groß ist. Wir hören Musik auf seiner Anlage.

Zurück bei Fone helfe ich beim Abwasch mit. Abgewaschen wird unter offenem Himmel in großen Schüsseln, mit einem Stück Seife und einem aufgeribbelten Fetzen Sandsackplane. Diesen schmiert man mit der Seife ein und dann wird geschrubbt. Es funktioniert erstaunlich gut.

Tag 16: Es ist Sonntag, ich habe nichts vor. Ich erledige dies und das und gucke nachmittags bei Fone vorbei. Im Klassenzimmer läuft eine Disco. Willi ist der DJ und die Kinder tanzen wild zur Musik. Die können so gut tanzen, dass ich mich gar nicht traue mitzumachen. Also gehe ich raus und treffe dort Paul. Er hat heute das Geld für sein Lehramtsstudium bekommen und hüpft vor Freude rum wie ein kleines Kind. Ich kriege ihn dazu überredet mir ein bisschen traditional dance beizubringen. Also zeigt er mir die einzelnen Schritte und die zuschauenden Mädels lachen sich bei meinen ungelenken Versuchen schlapp. Die größte Schwierigkeit stellen die Hüften dar. Schritte, vor, zurück, rundherum -kein Problem. Aber Hüften kreisen, und dann auch noch im Takt! Keine Chance. Paul fährt morgen nach Mbeya, in den Süden des Landes, zu seiner Uni und lädt mich ein ihn zu besuchen. Der Weg dorthin dauert zwei Tage mit dem Bus, aber ich würde das echt gerne machen.
Die Kinder bekommen heute Fisch zum Abendessen, weshalb überall Fisch auf Planen rumliegt, was einen für mich gewöhnungsbedürftigen Anblick darstellt.


An der Kochstelle treffe ich Eddie und wir beginnen ein stundenlanges Gespräch über das tansanische Schulsystem, Ängste, den derzeitigen Präsidenten Tansanias und den Bride Price. Als es dunkel wird und meine Beine zu schmerzen anfangen, machen wir uns auf den Weg zum Volunteershaus. Paul isst mit uns zu Abend und danach sitzen wir gemeinsam im Wohnzimmer. Im Fernseher läuft eine Doku über ein chinesisches Dorf in französischer Sprache, während Paul und Joseph sich auf Kiswahili unterhalten und die Kölner, Juliane und ich einen Englisch-Deutsch-Mix verwenden. Ich finde die Situation ziemlich absurd und freue mich plötzlich ganz doll auf Weihnachten, weil ich dort meine französische Familie wiedersehe. Es sind definitv zu viele Sprachen auf einmal im Raum.
Nachdem Paul sich verabschiedet hat, beginnt ungewollterweise eine wenig zufriedenstellende Konversation über Homosexualität. Hier merkt man ganz drastisch kulturelle und religiöse Unterschiede.

Später am Abend blickt mir im Bad ein auf dem Rücken liegender Kakerlake unter der Dusche entgegen. Ich beschließe kurzerhand, dass die Dusche bis morgen warten kann.

Tag 6-8: Safari durch die Serengeti und den Ngorongorokrater. Großartig!

Tag 9: Vormittags gehen Laura, Kilian und ich zum Tunza-Resort am Victoriasee, während die Kinder in der Kirche sind. Wir wollen einen Saft bestellen, doch von den zwanzig aufgelisteten Säften ist nur der Wassermelonensaft da. Ananas kaufen sie noch schnell für uns. Die Karte repräsentiert hier überhaupt nicht was es tatsächlich gibt, sondern dient wohl hauptsächlich Dekozwecken… Nachmittags organisiert Martin für die Kinder Sportwettbewerbe. Beim Sprinten und Fußballspielen mache ich mit und die Kinder ziehen mich so was von ab! Ich dachte immer, ich wäre schnell… Das sind bestimmt die Schuhe, auf denen kann man einfach nicht laufen. 😉
Zurück im Volunteershaus darf ich Klein-Dominik, den 3 Wochen alten Sohn von Helen und Joseph, auf dem Arm halten. Er ist soo süß und verzieht sein Gesicht immer so knuffig. In meinem Zimmer schneide ich mir mit meinem Taschenmesser kleine Werkzeuge aus leeren Plastikflaschen, um meine tierischen Mitbewohner zu versorgen. Eine Hebeschaufel für die Regenwürmer, ein längliches Stück, was als Schieber dient… u.s.w. Und ich starte meine erste Unterwäsche-Waschaktion in einer abgeschnittenen 1,5 l Flasche. Es funktioniert überraschend gut!

Tag 10: Heute traue ich mich zum ersten Mal an meinen großen Dreckwäschehaufen. Eddie hat angeboten mir zu helfen. Wir füllen im Vorgarten drei Eimer mit Wasser und ich stelle mich beim Waschen echt dumm an. Das ist voll schwer! Erst habe ich das Gefühl, die Sachen werden nicht sauber, dann habe ich das Gefühl die Seife geht nie raus. Mein Rücken schmerzt und mein Handgelenk blutet und brennt von der Reibung. Dass Wäsche waschen so anstrengend sein kann, hätte ich nicht gedacht! Ich werde auf jeden Fall meine Wäsche so lange selber waschen, bis ich es leichtfertig und ohne Schmerzen hinbekomme. Das gehört für mich zu den „Must be able to…“ ’s. Ich bin dennoch sehr froh als die Wäsche endlich fertig gewaschen ist. Eddie hat ungefähr 90% der Arbeit gemacht und belächelt mich, selbst überhaupt nicht beeinflusst von der getanen Arbeit.
Danach fahren wir zu fünft zum New Land, wo unsere Kühe und Ziegen wohnen und Mais angebaut wird. Auf dem Hinweg müssen wir kurz zum Flughafen. Die Schranke am Eingang wird manuell betrieben, da sitzt wirklich einer und ist der Schrankenheber. Absurd. Beim New Land angekommen, komme ich aus dem Staunen nicht mehr raus. Es ist ein idyllisches Stück Land mit wunderbarem Ausblick auf den Victoriasee. Die Mitte säumt ein großer Hügel, den man erklettern kann und es gibt direkten Zugang zum Wasser. Alle sind schwer beeindruckt.

Tag 11: Heute hatte ich Kiswahili-Unterricht bei Eddie. Ich glaube, das wird mich echt weiterbringen. Bis meine Kreditkarte ankommt, habe ich sowieso kein Geld für einen richtigen Sprachkurs. Also mache ich hier das Beste draus. Nachmittags spiele ich mit den Kindern Fußball und ich werde langsam besser!
Beim Abendessen stellen Juliane und ich fest, dass wir beide große Backgammon-Fans sind und beide ein Spiel dabeihaben. Damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet, dass mein Reisebackgammon nicht genutzt wird, weil Juliane die HOLZVERSION IN VOLLER GRÖßE dabei hat!

Tag 12: Im Vorschulunterricht lässt Eddie die Kinder heute Wörter von der Tafel ablesen und danach erklären. Das bringt ihnen einen Riesenspaß und sie lernen sogar etwas dabei. Meine Aufgabe ist das Stifte austeilen… Während die Anderen fleißig abschreiben, versuche ich der vierjährigen Rose, die wahrscheinlich noch nie einen Stift in der Hand gehalten hat, beizubringen, etwas anderes als krakelige Kreise zu malen. Nach etwa 20 Minuten hat sie verstanden, was ich will und malt einen Strich. Ziel erreicht. An jeden Strich hängt sie aber noch einen Kreis, die sind ihr wohl sehr wichtig. Währenddessen schläft die dreijährige Asia auf meinem Schoß. Sobald die Vorschüler fertig abgeschrieben haben, kommen sie zu mir um mir stolz ihr Werk zu zeigen. Ich glaube, ich bin die Einzige, die sie lobt und das kosten sie natürlich aus. Bei Unterrichtsschluss rennen alle raus um zu spielen, nur die zwei neuen Brüder bleiben im Klassenraum und schreiben alle Wörter, die sie im Klassenraum finden, ab. Ich muss Eddie die Hefte unter die Nase halten, damit er es mir glaubt. Die sind komplett lernverrückt, die Beiden.
Beim Mittagessen gratuliert Joseph Juliane plötzlich zum Geburtstag, ich, komplett unwissend, schaue sie nur verwirrt an, gratuliere ihr dann aber auch schnell.
Nachmittags geben wir den Pre-Secondary-School-Kids Englischunterricht. Die hatten in der Grundschule fast keine Englisch, haben aber ab Januar auf der weiterführenden Schule JEDES Unterrichtsfach auf Englisch. Das ist echt unglaublich, und so fies dazu! In der Stunde üben wir, sich auf Englisch vorzustellen. Es wird nämlich am ersten Tag in der neuen Schule von Ihnen verlangt, sich vor allen Klassenkameraden vorzustellen. Beim ersten Durchlauf sind sie super schüchtern, gucken beim Reden aus dem Fenster und sind kaum hörbar. Also arbeiten wir am Coolheitsgrad. Sie müssen mit einem coolen Gang nach vorne kommen, dort eine lässige Haltung finden, und dürfen mich beim Reden nicht aus den Augen verlieren. Langsam lockern sie sich auf und brechen gelegentlich in Gelächter aus. Zwei Stunden vergehen wie im Flug und am Ende der Stunde können sie sich tatsächlich alle äußerst selbstbewusst vorstellen. Ich bin zufrieden.
Abends spiele ich mit Juliane Backgammon. Sie gewinnt viermal und ist super glücklich. Sie meint, genau das hätte sie sich gewünscht. Da habe ich doch noch das perfekte Geburtstagsgeschenk gefunden. 😉

Ich hole langsam auf…
Tag 2: Nach der Kirche will ich meine Haare waschen. Das Wasser läuft perfekt, bis meine Haare komplett einshampooniert sind. Dann plötzlich: Kein Tropfen mehr. 5 Minuten stehe ich dumm da, dann fängt das Wasser an zu tröpfeln, ganz leicht. Gaanz geduldig wasche ich meine Haare unter den Resttropfen aus. Und bin überaus froh, als sich meine Haare nach geraumer Zeit tatsächlich shampoofrei anfühlen. Allein bin ich in meinem Zimmer auch nicht wirklich: Ich teile mir mein Zimmer mit sehr vielen Ameisen, Spinnen, einem Gecko und einer Mücke. Die Ameisen haben ihre Straße im Bad und fühlen sich im Klopapier besonders wohl…
Tag 3: Ich habe hier keinen Empfang mit meiner Reise Simcard, sodass ich seit Freitag 3 sms versenden konnte, und das war’s. Irgendwie nervt die komplette Abgeschiedenheit, aber vielleicht soll sie mir auch gut tun… Wann ich Internet bekomme, hängt davon ab, wann Joseph es schafft, das von Dominik für mich dagelassene Geld, abzuheben. Er hat momentan nämlich andere Sorgen, wir haben nicht genug Geld für die Miete. Wasser haben wir auch immer noch nicht. Ich öffne den Toilettenkasten und sehe: Noch genug Wasser für eine Spülung, Gott sei Dank! Abends funktioniert das Wasser wieder. Juliane und ich bauen im Klassenzimmer ein Minikino mit Lautsprechern aus dem Volunteershaus und unseren beiden Laptops auf und die Kinder gucken König der Löwen. Danach genieße ich meine kalte Dusche und wünsche mir diese schwitzend im Bett liegend wieder zurück.
Tag 4: Joseph hat das Geld abgehoben! Ich kann mir Internet kaufen! Ich beschließe mit Juliane kurzerhand in die Stadt zu fahren. Die Mitarbeiter im Halotel-Store sind seehr gemütlich. Sie sind die ganz Zeit an ihren Handys und man weiß nicht so recht ob sie gerade Spiele spielen, mit Freunden chatten oder tatsächlich arbeiten. Es dauert über zwei Stunden. Erst ist die Sim-Karte zu dick, dann funktioniert das Internet nicht. Irgendwann geben sie es auf und wir fahren mit einer (nur in meinem Handy!) nicht funktionierenden Sim-Karte zurück nach Hause. Dort angekommen, zeige ich Eddie das Problem und plötzlich funktioniert es. Er sagt, das sei die magische Reflexion seiner Augen… ja,ja ich glaub auch.
Heute wurden zwei neue Jungen zu Fone gebracht, circa 7 und 9 Jahre alt. Sie sind HIV-positiv getestet und es wird gerade nach Angehörigen gesucht. Kinder abgeben und Qualitätschecks machen, kann die Regierung, aber fininazielle Unterstützung leisten? Nee, so was doch nicht. Das ist für mich so schwer verständlich, weil ich es so kenne, dass soziale Einrichtungen vom Staat unterstützt werden. Hier läuft das anders, hier beruht alles auf Spenden.
Tag 5: Auf dem Weg zu Fone begrüßt mich ein kleiner Junge mit „Shikamoo!“ Es ist das erste Mal, dass jemand das mir gegenüber sagt und ich nuschele ein wenig perplex „Marahaba“ zurück. Ein paar Meter weiter rufen fußballspielende Jungs „Naomi, How are you?!“. Keine Ahnung woher die meinen Namen kennen (Bzw. die englische Version davon). Ich kicke ihnen den Ball zu und komme zufrieden bei Fone an. Dort beginnt erst einmal die obligatorische Small-Talk Runde mit allen Englischsprechenden, bevor es weiter in den Klassenraum geht. Dort angekommen findet Eddie es äußerst lustig mich nach vorne zu stellen und den Kindern zu sagen: „Sie macht jetzt Unterricht. Hört zu!“. Ich habe keinen Plan was ich machen soll. Ich spreche (fast) kein Wort Kiswahili und die Vorschüler sprechen (fast) kein Wort Englisch.  Letztendlich lasse ich sie das Alphabet auf Englisch sprechen und dann singen. Das können sie super.

Danach buchstabiere ich ihnen Wörter. Das funktioniert nicht wirklich, weil sie keine Ahnung haben, was die einzelnen Buchstaben bedeuten. Dazu kommt, dass kaum Buchstaben in Wörtern so ausgesprochen werden wie im Alphabet. Auch das Lesen wird dadurch schier unmöglich. Danach singen wir „Head, shoulders, knees and toes“. Sie können es auswendig. Aber sobald man fragt, wie denn der Kopf heißt, sind sie überfordert. Da muss ich ihnen wohl noch ein bisschen was beibringen. Spaß haben sie aber, das ist die Hauptsache.
Nachmittags probiert Edina meine Brille aus. Meine Brille ist hier echt eine Attraktion. Niemand glaubt mir, dass da Stärke drauf ist, bis derjenige sie selber aufsetzt und sie mir verwirrt und mit verkniffenen Augen zurück gibt. Danach wird meine Sehstärke mit Finger hochhalten getestet und lautstark gelacht, wenn ich nicht mehr sagen kann wie viele es sind. Abends kommen Mitglieder des lokalen Rotary-Clubs und übergeben uns eine Riesen-Essensspende.

Das Essen für die nächsten Tage ist gesichert!

Hier kommt nun mit gaanz viel Verspätung mein allererster Blog-Beitrag. Heute ist Tag 18 meiner Reise und ich werde noch zwei weitere Monate hier verbringen. Die werden bestimmt genauso wunderschön wie meine ersten zweieinhalb Wochen. Ein kurzer Rückblick: am Abend des 29.9 bin ich mit zwei Wochen Verspätung hier in Mwanza angekommen. Grund für die Verspätung war meine Niere, die mir meine Reise aus irgendeinem Grund nicht gönnen wollte… Vorteil davon war aber, dass alle Sansibarbesucher nun schon vor mir angekommen waren und ich von Laura, Kilian und Juliane empfangen wurde. Am Airport hat mich natürlich erstmal Joseph willkommen geheißen, und das auf unglaublich herzliche Weise. Ich hab mich direkt zu Hause gefühlt. Direkt am ersten Tag ging es mit den Kindern zum Viktoriasee hinterm Malaika Hotel. Dort angekommen wurden als Belohnung für den langen Fußmarsch Karangas (oder wie man hier sagt: kalangas), Erdnüsse, ausgeteilt. Sogar der kleine Joseph, der gerade anfängt zu laufen, ist auf seinen Beinchen ziemlich weit gekommen.

Am Sonntag (Tag 2) sind Laura, Kilian und ich in die Kirche gegangen. Meine erste Daladalafahrt. Ich finde es faszinierend wie viele Menschen und Gemüsekörbe in so einen VW-Bulli-großen Bus gequetscht werden können. Die Sitze sind auch so klein, dass man zwangsweise mit auf dem Sitz des Nacharn sitzt. Eine Fahrt kostet weniger als 16 cent, unvergleichbar mit den überteuerten Hamburger Buspreisen, die ich sonst bezahlen darf. Die Kirche ist ein langes, flaches Gebäude ohne Hinterwand, stattdessen mit Plastikstuhlreihen bestückt, die bis nach draußen reichen. Wir besuchen den Gottesdienst auf Kiswahili, weil der Englische unmenschlich früh beginnt. Da wir hauptsächlich wegen der Musik hier sind, ist die Sprache auch nicht ausschlaggebend. Die Musik ist wirklich cool, nichts mit Orgelgejammer wie man es aus Deutschland kennt. Vorne sitzt eine Band, die moderne Stücke spielt und Gesprochenes musikalisch untermalt und daneben ein Gospelchor. Soo schön! Die machen richtig Stimmung und können mega gut singen. Der Gottesdienst beginnt mit der Band und dem Gospelchor und ich genieße es zum ersten Mal richtig in einer Kirche zu sein. Dann beginnt der Priester. Ich verstehe natürlich kein Wort, außer mungu, das heißt Gott, und das kommt recht häufig vor… Der Priester besitzt ein Mikro, was er aber nicht zu wissen scheint, denn er ist schon ohne so laut, dass es seine Worte zu einer unerträglichen Lautstärke verstärkt. Das stört scheinbar niemanden außer uns Dreien. Regelmäßig wird lauthals gelacht, geklatscht und gejubelt, er macht dauernd irgendwelche Witze, die ich äußerst gerne verstehen würde. Nach dem Gottesdienst fahren wir noch weiter in die Stadt und heben Geld für unsere Safari ab.

Abends findet bei Fone unsere Welcome-Party statt. Die Kinder tanzen zu den Tommeln und Pfeifen auf traditionelle Art und haben einen Riesenspaß. Ich bin einfach nur begeistert. Und die Stimmung ist großartig! Danach halten wir alle eine kleine Rede und werden auch von den Kindern willkommen geheißen.

Da ich müde bin und es spät ist, springe ich jetzt ganz dreist zu Tag 18. Heute haben wir mit den Vorschulkindern und allen Kleineren Autos aus Klopapierrollen und Flaschendeckeln gebastelt. Die Kinder haben die Rollen mit Tusche angemalt und draußen Stöcker gesammelt um die Räder zu befestigen.

     

Für uns war es etwas stressig, weil konstant mindestens drei Kinder gleichzeitig unsere Namen gerufen haben und dann auf Swahili erklärt haben was sie wollen. Das Klassenzimmer sah danach auch unmöglich aus, aber was soll’s, die Kinder hatten Spaß.

Nach dem Mittagessen gebe ich Spiele aus. ALLE wollen einen Ball. Es sind ganz schnell alle vergeben und ich habe drei jammernde Kinder vor dem office hängen, die hoffen, dass durch ein Wunder doch noch ein Ball auftaucht. Oder so…

Als wir später die Bälle wieder einsammeln wollen, liegt einer auf dem Grundstück des Nachbarn, zwei sind erstmal unauffindbar und Kamba erklärt uns, der kleine Joseph habe seinen Ball kaputt gebissen. Wir denken uns, ja genau, bis er tatsächlich mit einem kaputten Ball ankommt, der ein Loch in passender Größe hat…

Im Unterricht für die Pre-Secondary Jungs liegt das Lehrer-Schüler-Verhältnis heute bei 3 zu 4. Überflüssig, könnte man denken. Aber nein, wir haben englisches Singular und Plural gemacht und alle drei Gehirne gebraucht um auf passende Beispielwörter zu kommen. Das ist viel schwieriger als man sich das vorstellt! Wenn man die Wörter braucht, fallen sie einem partout nicht ein.

Abends feiert eine junge Frau ihren Geburtstag bei Fone. Wie jedes Jahr, wird mir gesagt. Man geht einzelnd nach vorne, zum „Geburtstagskind“, gratuliert, und bekommt ein Stück Kuchen in den Mund gesteckt. Das wird alles eifrig fotografiert. Irgendwie lustig, finde ich. Aber der Kuchen schmeckt sehr lecker. Davor und danach gibt es einige Reden und als es schon dunkel ist, wird Essen ausgegeben. Es besteht aus Pilau (gewürztem Reis) und Hühnchen. Ich als Vegetarierin bengnüge mich mit meinem Pilau und versuche möglichst elegant mit meiner Hand zu essen, was mir nicht wirklich gelingt. Es fällt fast nichts mehr daneben, aber gut sieht es noch lange nicht aus. Danach wird getanzt.

It’s way over my sleepy time, würde Juliane jetzt sagen. Ich mache hier Schluss und verabschiede mich bis zum nächsten Eintrag. Usiku mwema!

Eigentlich sollte ich gerade so langsam in einem Zugabteil aufwachen, irgendwo zwischen Mwanza und Morogoro. Stattdessen sitze ich leider im Freiwilligenhaus von Fonelisco, während mein Arm von einer seltsamen Salbe glänzt. Nicht, dass ich nicht gerne in Mwanza wäre. Aber ich ziehe es vor, die Dauer meines Aufenthaltes selbst zu bestimmen. Schon in Deutschland ist mein Immunsystem nicht gerade der beste Krieger, aber hier in Tansania würde ich ihm in beständiger Regelmäßigkeit nur eine Teilnehmerurkunde ausstellen. Von Schlangenbissen bis zur Malaria habe ich mir hier schon alles eingefangen und nun macht mein Arm Querelen. Also konnten Silke und ich noch nicht aufbrechen. Immerhin habe ich so viel Zeit, um diesen Blogbeitrag zu verfassen

Leonard & Sylvanus

Der Freitag war mein letzter Arbeitstag – und er war verkürzt. Zu Beginn holte mich Denis ab und anstatt direkt zur Arbeit zu fahren, bat er mich, für ein kleines Fotoshooting noch einen Abstecher bei seiner Familie zu machen. Gesagt, getan. Begleitet von den nervigen Kommentaren eines Alkoholikers, der gerne auf das ein oder andere Foto gekommen wäre, knipsten wir Foto um Foto. So kam es, dass ich ausgerechnet an meinem letzten Arbeitstag das erste Mal zu spät war. Aber halb so wild, denn ich war immer noch der Erste vor Ort. Todmüde und leicht angeschlagen schleppte ich mich durch den Vormittag. Beim Frühstück kam Leonard in die Kanzlei, gemeinsam mit seinen beiden Söhnen. Diese sind nach ihm benannt: Leonard & Sylvanus. Wie die drei dort im Partneroutfit am Frühstückstich saßen, war schon ein Anblick. Mit den Kindern spricht er überwiegend auf Englisch und auch sie sprachen es die Zeit über.

Ich sehnte mich weiter nach einem Bett und bat schließlich darum, nach Hause fahren zu dürfen. Dort haute ich mich sofort hin und legte einen wohltuenden Mittagsschlaf ein. Der half ersichtlich und so konnte ich am Nachmittag mit zum Tunza Beach. Denis fuhr mich und eines der Mädchen hin, die noch Helen in der Küche geholfen hatte. Debo war sichtlich stolz, mit auf dem Pikipiki sitzen zu dürfen und machte auf sich aufmerksam, als wir bei Tunza ankamen, damit auch ja jedes der Kinder sehen könne, auf welchem Wege sie zu Tunza kam. Dort angekommen spielten wir Beachvolleyball und auch Denis wat mit von der Partie.

Nachdem wir die Kinder zurückgebracht hatten und dort prüften, ob die neuen Matratzen gut bei Fone angekommen waren, machten wir uns mit dem Taxi ins Tilapia Hotel auf. Dort aßen wir vorzüglich und trafen auf die zwei Amerikaner, die wir vom Bootstrip her kannten. Gemeinsam verbrachten wir einen schönen Abend, sodass wir uns mit dem Gefühl eines angenehm vollen Magens in die Waagerechte befördern durften.

Von Sackhüpfen, einem Festmahl und tanzenden Babies

Der Samstag war ein äußerst ereignisreicher Tag. Den Vormittag verbrachten wir bei Fone, gaben Moskitonetze aus und prüften nochmals die Matratzen. Nach dem Mittagessen gingen wir zurück zu Fone, wo wir endlich die lang geplante Olympiade mit den Kids veranstalten konnten. Wir hatten zudem drei Gäste von der Sports-Charity, die sich mit ins Getümmel stürzten. Wir hatten großen Spaß, wie wir dort menschliche Pyramiden bildeten, um die Wette rannten oder sackhüpften, Eierlauf mit Mangos durchführten oder Flaschen umkegelten. Zur Belohnung gab es einige Süßigkeiten.

Nach einer kurzen Dusche zuhause brachte ich mit Joseph und Pius sechs Kästen Soda zu Fone, wo es ein wahres Festmahl geben würde. 15 Hühner hatten sich bereit erklärt, uns die sechzig Kilo Kartoffeln ein wenig schmackhafter zu machen. Dazu gab es große Mengen an Früchten und eben Soda. Anlass des Ganzen war die Abschiedsfeier von Sibylle, Silke und mir. Jeder Freiwilliger möchte den Kindern zum Ende seiner Zeit noch einmal etwas Besonderes zuteil werden lassen. Und was gäbe es da Besseres, als dass sie sich so richtig den Magen vollzuschlagen. Denn Fleisch bekommen die Kids leider viel zu selten, von Soda brauchen wir gar nicht erst anzufangen. Umso mehr macht es Spaß, ihnen mit einem reichlichen Abendessen eine Freude zu machen. Mit eifrigem Geschmatze wurde also alles verspeist, was auf den Teller kam. Und wer Joseph noch nicht vollgestopft genug aussah, dem packte er noch ein wenig von seinem eigenen Teller obendrauf.

Nach dem Essen folgten die Reden. Einige der Kinder sagten ein paar Worte und fast immer bedankten sie sich dafür, richtig vollgefressen zu sein. Danach kamen die Reden der Mitarbeiter, die im Großen und Ganzen auch sehr nett waren. Nur Paul konnte es nicht lassen, den Anlass zu nutzen, um nochmals auf die Gehälter des Staffs zu sprechen zu kommen. Eindeutig der perfekte Zeitpunkt dafür. War man vorher schon ein wenig gerührt von den Worten der Kinder und der Mitarbeiter, war dieses Gefühl erst einmal verflogen. Ich meinte auch, alles zu diesem Thema gesagt zu haben, was es zu sagen gibt. Jedenfalls hat Paul meine Motivation, mich diesem Thema im Speziellen zu widmen, alles andere als gefördert. Als ich nach viel zu langer Zeit den Durchzug meiner Ohren wieder schließen durfte, hielt Joseph noch eine Rede, bevor es dann an Silke, Sibylle und mir war, das Ganze zu beenden. Man könnte meinen, ich habe mittlerweile schon eine gewisse Routine in diesen Abschlussfeiern, aber trotzdem ist es jedes Mal schwer, auf Wiedersehen zu sagen. Wenigstens kann ich mir sicher sein, dass es ein solches Wiedersehen gibt.

Als es dann endlich vorbei war mit dem Gequatsche, packte Willi, unser ältester Junge, seine bescheidenen DJ-Skills aus und die Tanzfläche war eröffnet. Wo ansonsten schüchterne Kinder sich kaum trauen, auf die Fragen der englischlehrenden Silke zu antworten, wurde nun die Sau rausgelassen. Godfrey, der noch nicht einmal ein Jahr ist, war ein besonderer Anblick. Ich hatte ihn noch nie auf seinen zwei kurzen Beinchen stehen sehen. Aber da stand er nun und bewegte sich – freilich äußerst fachkundig – zur Musik. Auch eine Polonäse und Limbo wurden kurzerhand gestartet. Die schüchterne Fatu, etwa 4 oder 5, wurde nicht zu Unrecht von Silke „Dancing Queen“ getauft. Es war ein großer Spaß und ein wirklich schöner Abschluss!

Knast statt Hilfe

Am Morgen des Sonntags brachten wir Sibylle zum Flughafen, die nach sechs Monaten Tansania zurück nach Deutschland fliegen würde. Für Silke und mich ergab sich so die Situation, dass wir trotz erfolgter Abschiedsfeier noch einmal zwei Tage bei den Kids haben sollten, die sich nun noch einmal unfreiwillig verlängerten. Bei Fone hatten wir eine Besucherin, die sich als die Mutter zweier der Kinder herausstellte. Sie war schlichtweg zu arm gewesen, um sich um ihre Kinder zu kümmern. Unter Tränen erzählte sie uns ihre Geschichte. Derzeit befinden wir uns in dem Prozess der Reintegration. Natürlich ist es das Ziel, dass sie ihre Kinder zurückbekommt. Dies muss aber über die staatlichen Behörden laufen. Mittlerweile ist die Mutter sogar im Gefängnis gelandet, weil sie ihre Kinder im Stich gelassen hatte. Für mich ein äußerst sinnloser Schritt. Sie war vollkommen verzweifelt und depressiv und versucht gerade, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Wir hoffen, sie kommt schnell raus und dass wir ihr ihre Kinder sehr bald zurückgeben können. Es wäre wirklich interessant zu wissen, wie viele der Kinder wirkliche Waisen im Sinne von elternlos sind. Ich denke, in vielen Fällen waren die Eltern einfach nur nicht mehr dazu bereit oder in der Lage, sich um ihre Kinder zu kümmern und haben sie verstoßen. Ein klassischer Fall ist auch, dass eines der Elternteile stirbt und der neue Partner die Kinder nicht akzeptiert.

Mittlerweile haben wir ein neues Staffmitglied. Auch tagsüber bewacht nun ein Massai das Tor der Kinder, das abgeschlossen bleibt. Dies ist Folge einiger schrecklicher Vorfälle von Kindesentführung in Arusha. Ziel war es, dass die Eltern gewisse Summen zahlen. Nachdem diese nicht aufgebracht werden konnten, wurden zwei der Kinder ermordet. Wir bekamen daraufhin einen Anruf von Social Welfare, dass wir unsere Sicherheitsvorkehrungen verstärken sollen. Denn sicherlich wäre es ein erfolgreiches „Geschäfts“modell, Kinder von Waisenheimen mit europäischer Unterstützung zu entführen und damit ein Lösegeld zu erpressen. Trotzdem gehen wir natürlich davon aus, dass es nicht soweit kommt. Aber ein wenig mehr Sicherheit schadet gewiss nicht, das ist es schließlich wert!

Ein Ausflug in eine Parallelwelt

Am Nachmittag besuchten uns Michael & Yasir, denen ich das Waisenhaus zeigte. Aber dann ging es los mit einem Ausflug in die Parallelwelt. Jackson, der Fahrer meiner Kanzlei, holte Silke, Juliane und mich ab und wir fuhren los. Nach einiger Zeit auf Asphaltstraßen wurde es holprig. Im wahrsten Sinne über Stock und Stein (Fels) bahnten wir uns unseren Weg und mussten dabei auch kurzerhand eine Beerdigung auflösen, die den Weg versperrte. Ziel der Reise war das Beachhouse von Leonard, der uns dort herzlich empfing. Das Haus war surreal, war es doch so ganz anders als alles, was ich sonst so in Mwanza kennengelernt hatte. Auch in Deutschland wäre es ein höherklassiges Haus gewesen, mit wunderbarem Blick auf den Lake Victoria allerdings. Es gab sogar Leitungswasser, das dem See entsprang und dass man aufgrund der Filteranlage trinken konnte. Getraut haben wir uns das aber trotzdem nicht. Die Wazungus kümmerten sich um die Chipsi, während der Herr im Hause das Grillen übernahm. Nach wirklich hervorragendem Fleischverzehr bewegten wir uns in Richtung Balkon, um dort den Sonnenuntergang zu genießen. Dazu gab es echten französischen Kaffee – ein wahrer Traum. Wir führten viele interessante Gespräche unter anderem darüber, wie er versucht, einen gesunden Mittelweg zwischen autoritärem und zugänglichen Chef zu finden. Und wir sprachen über Fone. Er war wirklich sehr interessiert und stellte viele, teils berechtigt kritische Fragen. Das Hauptproblem sieht er bei uns im fehlenden Netzwerk. Und das ist auch richtig, schließlich haben wir weder in Deutschland noch in Tansania Zugang zu Großspendern wie Firmen. Leonard rief sogar in unserem Beisein bei Coca-Cola an, um dort nach Tischen & Stühlen zu fragen. Der Gesprächspartner war allerdings nicht in Mwanza zurzeit, sodass noch aussteht, ob da was bei herumkommt. Auch insgesamt kündigte Leonard seine Hilfe an, was einem riesigen Schritt gleichkommen würde. Ich hoffe wirklich, da wird etwas draus. Denn er hat vollkommen recht, dass es gerade an dem Netzwerk hapert. Seine Unterstützung diesbezüglich wäre mehr als Gold wert!

Insgesamt verbrachten wir einen Abend im Luxus. Es fühlte sich schon komisch an, wenn man den Vormittag mit einer Frau geredet hatte, die aus Armut ihre Kinder im Stich lässt und dann am Abend selbst Unmengen an Fleisch vertilgt. Aber man würde depressiv, wenn man jeder Art von Genuss entsagen würde und so ließen wir es uns einfach mal gut gehen.

Besser Arm ab, als arm dran

Die nächsten zwei Tage sind schnell zusammengefasst. Montag ging ich zum einen ins Büro, um dort mein Certificate meines Praktikums abzuholen und Auf Wiedersehen zu sagen. Aber insbesondere führte mich der Weg ins Krankenhaus. Ich hatte seit längerer Zeit einen Ausschlag am Arm, der immer schlimmer geworden war und gegen den verschiedene Medikamente nicht geholfen hatten. In Tansania geht man, wenn man Beschwerden hat, meist direkt ins Krankenhaus, da es wenige Arztpraxen außerhalb gibt. Ich ließ mich auf Schistosomaisis prüfen, die Krankheit, die im Lake Victoria verbreitet ist. Denn es war genau dieser Unterarm gewesen, der beim Fischen Kontakt zum Seewasser hatte. Zum Glück fiel dieser Test negativ aus, obwohl ich auch gerne gewusst hätte, was ich denn nun habe. So setzten die Ärzte die Ratschläge meiner Tante um, die mich netterweise von Deutschland aus berät. Ich bekam also eine Cortisonsalbe und ein Antiallergikum. Aber was genau Sache ist, weiß ich immer noch nicht. Und so verbrachte ich insbesondere den gestrigen Tag nur im Bett, schaute Serien und kühlte ununterbrochen meinen Arm. Ich hoffe, das Ganze klingt schnell ab, sodass es dann endlich auf Reisen gehen kann. Denn darauf hatte ich mich sehr gefreut und es ist wirklich bitter, dass nun die Zugfahrt für mich flach fällt….

Stattdessen fahre ich jetzt gleich wieder ins Krankenhaus in der Hoffnung, dass ich dort eine etwas stärkere Salbe bekomme. Um eine wunderbare und leicht kitschige Brücke zu meiner Überschrift zu schlagen – mir wurde gesagt, das macht man so: Ich hoffe, dass dies nur ein kleiner Stein auf meinem Weg ist und ich bald in paradiesische Gefilde reisen kann. *gääähn*

 

„Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? Du bist ein herzlich guter Mann, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.“

Nachdem ich an meinem Geburtstag frei bekommen hatte, war auch der Freitag frei. Wegen des Opferfestes war dieser Tag ein Feiertag, sodass ich ein wirklich langes Wochenende hatte, an dem ich viel Zeit bei Fone verbringen konnte. Das war aber auch dringend nötig! Von dem Zusammenleben verschiedener Religionen in Tansania könnten wir uns eine gesunde Scheibe abschneiden, nicht nur weil es für viele Feiertage sorgt. Gut 60 Prozent der tansanischen Bevölkerung sind Christen, etwa 35 Prozent Muslime. Der Rest gehört Stammesreligionen oder anderen Religionen an. Einen einheimischen Atheisten habe ich hier bislang noch nicht getroffen. Ich habe nie erlebt, dass dies zu Spannungen geführt hat. Im Blog von meinem letzten Jahr hatte ich erzählt, wie ich ein wunderschönes Abendessen bei einer muslimischen Familie gemeinsam mit Christen und Zeugen Jehovas verbracht habe (http://www.fonelisco-verein.de/blog/2016/07/14/von-nutten-moslems-und-einer-behindertenwerkstatt/). Auch in unserem Waisenhaus gibt es Christen und Moslems. Morgens singt der Muezzin, tagsüber hört man Kirchenglocken oder sieht Menschen vor der Kirche tanzen und der Muezzin hält seine weiteren Gesänge ab. Betritt ein gläubiger Moslem den Raum, begrüßt er die Anwesenden mit „Salam aleikum“ und alle, einschließlich der Christen, antworten „Wa Aleikum Salam“. Diese blinde Angst, die in Deutschland teilweise gegen den Islam als solchen geschürt wird, in meinen Augen wird sie durch Tansania widerlegt.

Die Rolle, die hier Religion einnimmt, ist wirklich faszinierend. Ich werde oft gefragt, welcher Religion ich angehöre. Die Reaktion, wenn ich offenbare, dass ich nicht glaube, schwankt zwischen Verwirrung und absolutem Unverständnis. Auf dem Hinflug wurde ich von meinem tansanischen Nebensitzer gefragt, warum ich dann überhaupt in einem Flugzeug sitzen könnte, wenn Gott mich auf der Reise nicht beschützen würde. Ich versuche, das Thema meist schnell zu beenden, weil ich keine religiösen Gefühle verletzen möchte und nicht den Anspruch habe, jemanden von seinem Glauben abzubringen (was ich niemals schaffen geschweige denn wollen würde!). Meistens beruhigen sich die Gemüter, wenn ich erkläre, dass ich durchaus an die Kraft glaube, die Religion bei Menschen bewirken kann. Denn diese Kraft ist allgegenwärtig und sie stützt Tansania wie viele andere Länder der Erde in großem Maße.

Von eimerweise Wasser, Taschendieben und einem nächtlichen Krankenhausbesuch

Es war auf jeden Fall gut, dass der Freitag frei war, denn einen Feiertag hatte ich nötig. Wir waren spät ins Bett gekommen und so verbrachte ich einen lazy day. Irgendwann raffte ich mich dann doch mal auf und ging zu Fone, wo ich Fußball spielte und Silke damit beglückte, mir einige Eimer Wasser überschütten zu dürfen. Resultat davon war allerdings eine Erkältung, weil ich – dumm wie ich bin – mich nicht schnell genug umzog.

Am Samstag gingen wir in die Stadt, weil ich mir Schuhe kaufen musste, nachdem man meinen das Fußballspielen doch mehr und mehr ansehen konnte. Als wir später die Hauptstraße entlanggingen, hörte ich hinter mir Sibylle laut „Hey“ schreien. Ich drehte mich um und konnte nur noch einen oder zwei Typen weglaufen sehen. Sie hatten ihr das Handy geklaut. Mit der Hilfe eines Augenzeugen versuchten wir, den Männern zu verfolgen. Aber diese hatten sich auf dem Markt sofort in Lauft aufgelöst. Der Mann brachte uns zur Polizei, wo wir eine Anzeige aufgaben, die Erfolgschancen sind aber wohl mehr als gering. Für mich ist es das erste Mal, das ich mitbekommen habe, wie jemandem etwas geklaut wird. Man hört zwar immer viele Geschichten, aber die meisten davon sind übertrieben. Im Alltag bin ich zwar ein wenig vorsichtiger, aber in Paris oder Barcelona habe ich mehr Angst, bestohlen zu werden. Zur Entschädigung gab es immerhin ein leckeres Essen im Copenhagen Burger House, für mich eine waschechte und köstliche Pizza.

Vollgefressen wieder in Ilemela stand eine weitere Runde Fußball mit den Kids an. Wir stellten uns schon auf einen entspannten Abend ein, als plötzlich Joseph Silke und mich bat, mit ihm ins Krankenhaus zu fahren, nachdem Natascha, Helens Tochter, krank war. Im Auto wirkte sie eher fasziniert als todkrank und besonders begeisterte sie die Brücke bei der Mall, die ganz im Stile ihrer chinesischen Grundsteinleger in bunten Farben leuchtete. Im Krankenhaus schlug sie sich tapfer und weinte nicht einmal beim Blutabnehmen. Während wir auf die Ergebnisse warteten, schauten wir bei arabischen Kommentar Fußball und verspeisten Lutscher, die ich uns geholt hatte. Letztlich kam die Diagnose von Malaria und Amöben, beides nichts Außergewöhnliches hier, sodass sie auch recht schnell wieder auf den Beinen war.

Spagat zwischen Tod und Leben

Pius bat mich, dieses Foto von ihm zu schießen

Am Sonntag ging ich gemeinsam mit dem Mitarbeiter Pius zum Grab seines Sohnes, der während meines ersten Aufenthaltes in Tansania gestorben war. Ich hatte dies selbst angeregt, weil mich die Tage um seinen Tod immer wieder sehr beschäftigen und ich oft an ihn zurückdenke. Deshalb tat es mir gut, an seinem Grab zu stehen.
Danach ging es aber sofort weiter mit dem Programm. Mit Denis fuhr ich zum großen Sabasaba-Markt, wo ich Früchte für die Kinder kaufen wollte. Mit sechs Wassermelonen und 4 geschnittenen Stangen Zuckerrohr auf dem Motorrad ging es zurück. Bevor wir die Sachen bei Fonelisco abluden, machten wir noch einen kurzen Abstecher bei Denis‘ Familie. Diese, insbesondere seine Kinder, freuten sich sichtlich über den Besuch des Mzungus und ich verabschiedete mich mit dem Versprechen, Denis‘ Tochter in meinem Koffer mit nach Deutschland zu nehmen.

Nach dem Mittagessen gingen wir zu Fone, wo wir vorhatten, mit den Kids eine Olympiade zu veranstalten mit verschiedenen Spielen. Wir hatten gerade die Teams gebildet, als unser Plan durchkreuzt wurde. Ein Daladala und zwei Autos fuhren vor und heraus stiegen Gäste, die einen Haufen Süßigkeiten, Getränke, Mehl, Seife und ähnliches dabei hatten. In langen Reden stellten sie sich als Mitarbeiter eines Fotostudios in Mwanza vor. Ich erlebe es selten, bei Tansaniern auf Begeisterung dafür zu stoßen, ein lokales Projekt wie Fonelisco zu unterstützen. Dabei betrifft es doch eigentlich gerade ihre eigene Community. Ich erkläre es mir immer so, dass die Reichen in Tansania, Tag für Tag konfrontiert mit der vielen Armut im Land, eine „Jetzt-erst-Recht“-Attitüde entwickeln und umso mehr ihr Glück genießen wollen. Das muss man nicht unbedingt gut finden, aber man kann es respektieren und sollte sich als Deutscher auch nicht gerade als der allgegenwärtige Samariter aufspielen. Trotzdem denke ich, dass es doch einige Leute gibt, die eigentlich hilfsbereit wären. Ein Beispiel hierfür war die Gruppe, die ihren Nachmittag bei uns verbrachte. Es gelang uns nicht, das Turnier wieder anständig auf die Beine zu stellen für den Tag und so verschoben wir es. Stattdessen gab es eine große Fußballpartie und andere Spiele. Die Kinder hatten auf jeden Fall ihre Freude an dem Tag! War mein Morgen also durchaus geprägt von Traurigkeit, so war der restliche Tag mit prallem Leben gefüllt. Erschöpft ging ich zuhause früh ins Bett und schlief langsam mit den sanften Stimmen Angela Merkels und Martin Schulz‘ im Ohr, die sich mehr schlecht als recht duellierten, ein.

Im Anzug und Flip-Flops

Der Montag ist rasch erzählt: Es regnete. Ich war krank. Ich ging nicht zur Arbeit. Ich schlief.

Am Dienstag war ich zum Glück wieder deutlich fitter, sodass ich zur Arbeit fahren konnte. Am Morgen nahm sich Leonard wieder lange Zeit für eine Fallbesprechung mit uns und gab uns im Anschluss einen Rechercheauftrag. So verbrachte ich den Großteil des Tages mit fleißiger Arbeit. Wir hatten jedoch ein neues Mitglied in der Kanzlei, um das sich alle rührend kümmerten: Leonard hatte beim Joggen einen kleinen Welpen aufgegriffen, der leider sehr schwach wirkte. Trotz der Milch und der regelmäßigen Betreuung hat es der Kleine leider am Mittwochabend nicht geschafft.

Gegen Mittag gingen wir mit Bruno ins Gericht, um einige Akten abzuholen und einer quicklebendigen Katzenfamilie zuzuschauen, die es sich im Aktenregal des High Courts gemütlich gemacht hatte. Wir hatten interessante Gespräche und ich erzählte unter anderem von dem Freiburger Mordfall, der an diesem Tag am Landgericht eröffnet worden war. Zwischendurch setzten wir uns auf eine kleine Holzbank und tauschten unsere Anzugsschuhe gegen Flip-Flops, während erstere geputzt wurden. Auch beim anschließenden „Mittag“essen um halb vier folgten weitere interessante juristische Gespräche über die Unterschiede zwischen dem tansanischen und deutschen Rechtssystem. Ich schloss noch die Recherche ab und nahm ein Pikipiki heim. Zuhause konnte ich den Start eines neuen Projektes bewundern: Nicht nur hatte Pius in den letzten Tagen einen Hühnerstall und – gehege gebaut, auch die fünf Hühner waren angekommen. Am Volunteerhouse planen wir nun, eine Hühnerzucht auf traditionelle Art durchzuführen. Deren Marktpreis liegt deutlich höher als die der „Meat Chicken“ und auch die laufenden Kosten sind deutlich geringer, weil sie beim Essen nicht anspruchsvoll sind. Wir werden sehen, ob es klappt. Danach ging ich mit Silke zu Fone, wo ich mit Edina lange darüber redete, warum wir es nicht mögen, „Mzungu“ gerufen zu werden und dass nicht alle Weißen von Geld strotzen. Das Schöne an Fone ist, dass man Kinder jeden Alters hat. Entweder es geht darum beizubringen, wie man 5+0 rechnet, oder man kann eben solche Gespräche führen. Und dazwischen liegt auch noch eine Menge!

Ganz wie sie es wollen, Eure Durchlaucht!

Mein Büro

Am Mittwoch brachte mich wieder Denis zur Arbeit. Vollkommen ungeniert hatte ich Sakko und Krawatte im Büro gelassen, sodass ich nur im Hemd auf dem Pikipiki saß. Ich fühlte mich richtig schmutzig ? Am Morgen fuhren wir ins Gericht, wo wir lange warteten und zwischendurch sogar für eine Stunde ins Büro geschickt wurden. Die Akte war verlorengegangen. Der Klient war ein älterer Geschäftsmann, den man sofort ins Herz schloss und der hervorragendes Englisch sprach. Es war sehr interessant, den Fall, den ich schon gut aus den Akten kannte, mit seinen Worten geschildert zu hören. Anstelle von neun Uhr ging es um halb eins los, das Warten hatte sich wirklich gelohnt. Leonard selbst übernahm diesen Fall und ich konnte ihn in seinem Element erleben. Nicht nur weil ich den Fall schon gut aus den Akten kannte und eine Recherche hierzu betrieben hatte, konnte ich viel verstehen. Nein, Leonard sprach Englisch und die Verhandlung verlief über die gesamten zwei Stunden auf Englisch. Erst als am Ende der Anwalt der Gegenseite sich nur noch auf sehr dünnem Eis bewegte, wechselte dieser zeitweise ins Swahili. Gegen Ende meines Praktikums war das noch einmal eine richtig wertvolle Erfahrung, dass ich mitbekommen konnte, was genau gesagt wird. Besonders faszinierend fand ich, wie unterwürfig die Anwälte gegenüber dem Richter auftraten, den sie Höflichkeitsfloskeln überschütteten und mit „My Lord“ ansprachen.

Zwischen Reflektion und Progression

Die Rock City Mall

Nach der Arbeit traf ich mich mit Joseph und Michael in einer Bar. Michael ist ein Ghanaer, der derzeit in Mwanza arbeitet und auf der Suche nach einer Gelegenheit war, seine Freizeit sinnvoll einzusetzen. Er ist Business Consultant und möchte nun kostenlos NGOs helfen, ihre Strategien zu verbessern. Das Gespräch war unglaublich gut und inspirierend und somit für sich schon ein Erfolg. Ich bin aber sehr optimistisch, dass Michael uns tatsächlich helfen wird. Das wäre für uns gleichbedeutend mit einem Jackpot, denn er könnte uns hinsichtlich Networking und dem richtigen Zugang auf Companies in Tansania enorm weiterhelfen. Joseph musste dann weg, aber ich ging noch mit ihm essen und wir unterhielten uns endlich über die richtig wichtigen Dinge: Fußball & Frauen.

Tradition trifft auf Moderne: Kamele bei der Rock City Mall

Auf dem Heimweg erwischte mich ein kurzer Starkregen, sodass ich mit meinem weißen Hemd bei jedem Wet-Shirt-Contest abgeräumt hätte. Ohne Pause ging es nahtlos weiter mit den interessanten Gesprächen. Für den Abend war ein Skype-Gespräch mit Veronika geplant, die in mittlerweile zweiter Generation als Change-Beraterin versucht, unser deutsches Team zu beraten und uns weiterzuhelfen. Ihr ging es darum, uns kennenzulernen, unsere Vorstellungen und Aufgabengebiete zu erfragen und einen Eindruck von unserer Arbeit zu bekommen. Ich sehe diese Gespräche zugleich als riesige Möglichkeit der Reflektion und bin auch voller Hoffnung bezüglich unserer Zusammenarbeit mit ihr. Unser Gespräch driftete teilweise sogar ins Philosophische ab, als wir uns fragten, ob nicht in jedem noch so reinen Altruisten immer noch ein wenig der Egoist steckt. Aber die Erörterung dieser Frage erspare ich euch an dieser Stelle.

Frauen kosten Geld!

Eunice nutzt meine Torwarthandschuhe. Sie passen!

Am heutigen Donnerstag stand ein ganz normaler Bürotag an. Nachdem wir aus dem Gericht kamen, zettelte ich eine Diskussion über den Bride Price an. Joseph möchte gerne heiraten, uns ist aber noch ein Rätsel, wie wir den Bride Price für seine Angebetete Helen aufbringen sollen, der bei 2.000€ und somit in weiter Ferne liegt. Auch die Kanzleiangestellten und die beiden Klientinnen, die mit uns frühstückten, waren angesichts dieses hohen Preises doch überrascht. Für mich ist das Konzept, seine Ehefrau „freizukaufen“ ohnehin vollkommen absurd. Aber so ist die Kultur hier eben (noch). Die Versuche, mir zu erklären, nach welchen Kriterien sich ein solcher Brautpreis bemisst, waren auch nur von mäßigem Erfolg.

So, nun habe ich es tatsächlich geschafft und bin wieder auf dem aktuellen Stand. Schneller als gedacht und so wird das Resümee meiner Zeit in Mwanza noch ein wenig auf sich warten lassen! Bis zum nächsten Beitrag!