Im August/ September 2017 ist unser zweiter Vorstand Dominik zum mittlerweile vierten Mal in Mwanza und hat hierfür seinen Blog vom Vorjahr wieder zum Leben erweckt, auf dem er regelmäßig berichten wird, was er vor Ort erlebt.

IMG_20160712_111249822Samstag. Wochenende. Und was macht man da so? Weggehen zum Beispiel. Durch einen glücklichen Zufall hatte ich am Vortag einen Kumpel von IMG-20160713-WA0006meinem letzten Aufenthalt her getroffen. Enok fährt Pikipiki und brachte mich an diesem Abend zu dem Haus der Freiwilligen der Sports Charity, mit denen es dann später in zwei Clubs in Mwanza City ging. Hatte ich bislang sehr positive Erinnerungen an das tansanische Nachtleben, konnte sich dies dieses Mal nur begrenzt bestätigen. Sicher, die Musik war gut, aber es gab eine Sache, die mich ganz erheblich störte: Prostituierte. Wir waren eine Gruppe von 13 Jungs, und somit rasch als leichte Beute ausgemacht. Bislang war ich stets mit Mädels in den Clubs gewesen, sodass mir nie aufgefallen war, wie viele der Frauen dort wegen des Geldes sind. Nun ist es so, dass ich mit meiner privaten Situation mehr als zufrieden bin und mich nicht zu diesen Damen hingezogen fühlte, was man umgekehrt leider nicht behaupten konnte. So entschied ich mich irgendwann in der Nacht, den Heimweg anzutreten und Enok holte mich ab, was mir eine tolle Motorradfahrt durch die Nacht bescherte.

Nachdem ich den Sonntag notgedrungen ein wenig ruhiger angehen ließ und wir am Abend gemeinsam das EM-Finale anschauten, wartete am Montag wieder die Arbeit. Nach einem Skype am Morgen mit den anderen Mitgliedern des Kernteams unseres Vereins, ging es runter zu den Kindern, wo ich beim Unterricht zusah. Anschließend ging ich gemeinsam mit Annika zur benachbarten Organisation „Uzima Center“, die sich vorwiegend um HIV-positive Menschen kümmert. Nachdem ich eine Mitarbeiterin in Deutschland kennengelernt hatte, wollte ich mir die Organisation genauer anschauen und mit der Verantwortlichen zusammen überlegen, ob sich nicht Möglichkeiten der Zusammenarbeit bieten. Auch wenn wir beide sehr daran interessiert sind, müssen wir noch weiter in uns gehen, wie wir dies angehen könnten. Jedenfalls aber bot sie an, dass unsere infizierten Kinder sich bei Uzima registrieren könnten und somit kostenloses Essen sowie Fahrtkosten zum Krankenhaus bekommen könnten. Auf dieses Angebot wollen wir unbedingt zurückgreifen. Insgesamt hinterließ der Besuch einen sehr positiven Eindruck und ich werde mir weiter den Kopf zerbrechen, wie eine Zusammenarbeit (insbesondere durch einen Freiwilligenaustausch) aussehen könnte.

Am Nachmittag erlebten wir einen der seltenen Stromausfälle, ich glaube während meines jetztigen Besuches überhaupt erst der zweite. Wenn ich an meine letzten Aufenthalte in Tansania denke, wo dies mehrmals wöchentlich geschah, hat sich in dieser Hinsicht einiges getan. Wie es im Tansania von heute so ist, wird jeder Fortschritt im Land auf den neuen Präsidenten Magufuli zurückgeführt, der nicht umsonst den Spitznamen „tingatinga“ (Bulldozer) trägt, da er vehement seine Pläne durchsetzt. Dabei erfreut er sich großer Popularität und es ist tatsächlich so, dass sich in Tansania vieles zum Besseren gewandelt hat, seit er an der Macht ist. Kritisch sollte man allerdings betrachten, dass er dabei zuweilen demokratische Strukturen übergeht. Ohne die damit verbundenen Gefahren negieren zu wollen, kann man ihm zugute halten, dass diese allerdings durch und durch von Korruption durchzogen sind und somit einen schnellen Fortschritt ausbremsen würden. Ein sehr aufschlussreicher Artikel zu Magufuli fand sich im April in der Süddeutschen Zeitung.

IMG-20160714-WA0003Die Tansanier reden gerne über ihren Präsidenten. Es war also nicht überraschend, dass auch an diesem Abend das Gespräch auf Magufuli kam. Annika und ich waren der Einladung einer Tante von Obadia gefolgt, der die Behindertenwerkstätte Tunaweza gründete und während des Aufenthaltes der Delegation bei uns zuhause gewohnt hatte. Nach leckerem Tilapia mit Reis und Gemüse diskutierten wir über Stunden abwechselnd auf Englisch oder Swahili über Gott und die Welt, was ruhig wörtlich zu verstehen ist. Nachdem ich in meinem letzten Blogbeitrag schon ein wenig Gedanken über das Zusammenleben von Moslems und Christen in Tansania entwickelt hatte, unterstrich dieser Abend meinen positiven Eindruck. In diesem Raum fanden sich tiefgläubige Christen, ein Zeuge Jehowas, mit meiner Wenigkeit jemand, der wohl noch zu bekehren sein muss (Versuche gab es genug!), und Moslems, deren IMG_20160713_160210549ausgesprochene Gastfreundschaft wir genießen durften. Alle um uns herum einte seit vielen Jahren eine lange Freundschaft oder familiäre Bindung und es entwickelte sich ein ausgesprochen spannendes Gespräch. Politik, Hitler, Kolonialismus, Unterschiede zwischen Deutschland und Tansania, den Islam, der IS (wobei es weh tut, diese beiden Dinge in einem Satz zu schreiben) und eben Religion waren nur einige Themen. Ich denke immer noch gerne über diesen Abend nach und als wir uns verabschiedeten, wurde mir bescheinigt, ein „Mzungu mit spannden Stories“ zu sein, was wohl unter anderem daran lag, dass ich die Begeisterung für Hitler eines der Anwesenden nicht ganz zu teilen schien. Nachdem Obadias Auto schlapp machte, fiel die Wahl mal wieder auf ein Pikipiki und als wir auf Ilemela zurasten, lag einer der schönsten Abende meines diesmaligen Aufenthaltes hinter uns.

 
 

IMG_20160712_111101245Der Dienstagvormittag gehörte ganz Fonelisco, wo ich mich als Aushilfslehrer versuchen musste, nachdem Edward seine Familie besuchte. Das versetzte mich wieder zurück in die Zeiten, als ich hier als Volontär tätig war. Am Nachmittag fuhren wir zu Tunaweza, wo ich mich mal wieder mit Mitbringseln ausstattete. Ich liebe diese Behindertenwerkstätte einfach. Nicht nur, dass sie tolle Produkte zu geringem Preis anbieten, all diese Sachen sind von Menschen mit Behinderung gefertigt, die von dem Umsatz direkt profitieren. Besonders aber freut mich die Herzlichkeit, mit der man dort empfangen wird. Insbesondere Stefano, einer der leitenden Angestellten, ist eine faszinierende Persönlichkeit. Mit einem vollem Rucksack und dem Gefühl, eine gute Sache unterstützt zu haben, fuhren wir wieder nach Ilemela, wo es im Waisenhaus am Abend zum mehrstündigen Fußballspiel kam, nach dessen Ende ich erst einmal Wunden versorgen musste und auch selbst über einen leicht geprellten Fuß zu klagen hatte. Den Abend beschloss ich mit einem Skype-Meeting gemeinsam mit Joseph und den anderen Mitgliedern des Kernteams, in dem wir besprachen, wie ein für das Wochenende angesetztes Gespräch mit allen internationalen Unterstützern aussehen könnte, in dem wir den Grundstein für eine bessere Zusammenarbeit legen wollen.

IMG_20160713_113904603Am gestrigen Mittwoch folgte Teil Zwei unseres AIDS-Tests. Dieses Mal kamen die Mitarbeiter von Shaloom zu uns ins Waisenhaus, wo im Laufe des Tages alle Kinder getestet wurden und sich nur ein volljähriges Kind und ein Staffmitglied gegen den Test entschieden. Die wunderbare Nachricht: An diesem Tag gab es kein einziges positives Ergebnis! Somit wurde durch den Test insgesamt nur ein einziges Kind als infiziert festgestellt. Daneben haben wir noch ein Mädchen, von der wir bereits bei ihrer Ankunft wussten, dass sie HIV positiv ist. Für das zweite Kind werden wir heute oder morgen mit der Behandlung starten, zusätzlich werden die beiden bei Uzima registriert. Noch während der Test im vollen Gange war, wurde ein von einem spanischen Besucher mitgebrachtes Volleyballnetz aufgebaut und mehrere Stunden lang bespielt. Es hatte etwas, mal nicht nur Fußball zu spielen und mit den Kids eine andere Sportart auszuprobieren.IMG_20160713_221406813

Der Abend war ein wunderbarer Abschluss dieses ereignisreichen Tages. Gemeinsam mit Joseph fuhr ich in ein Restaurant, wo wir einen großen Teil der Mitglieder der Delegation in Würzburg trafen und einen wunderbaren Abend mit hochprozentigem, aber ausgesprochen guten Wein und leckerem Essen genossen. Daneben war auch noch Steven, der bei dem Essen bei Obadias Tante dabei war, sowie Stefano von Tunaweza mit in der Bar.

Die Zeit hier vergeht wirklich schnell, nur noch wenige Tage und ich steige wieder in den Flieger in Richtung Deutschland. Ich freue mich auf die Tage, die jetzt noch anstehen und hoffe, dass ich die Zeit finde, noch einmal darüber zu berichten.

Bis dahin: Ahsante sana kwa kusoma blogi hii. Ninatumaini kwamba iliwafurahisha. Karibu Tanzania!

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Von links nach rechts: Jacob, Msafiri, Steven, Anunsiata, Edwin Joseph, Stefano, Ich, Obadia

   IMG_20160707_125112921_HDR   „Allahu Akbar“. Weil’s so schön ist gleich nochmal. Und nochmal. Und nochmal. Alles wunderbar melodisch vorgetragen. Ich wälze mich verzweifelt im Bett herum, es bringt nichts. Ungelogen über Stunden hinweg pries der Muezzin ein Loblied auf seinen Gott. Dazu hatte er auch allen Grund, denn am letzten Mittwoch war Eid al-Fitr, das Zuckerfest. In Tansania ist dies gesetzlicher Feiertag. Ein muslimischer Feiertag, genauso wie es auch christliche Feiertage gibt. Tansania ist ein Vorbild für das Zusammenleben verschiedener Ethnien und Religionen. Übrigens, auch in diesem Land hier wohnen 250.000 Flüchtlinge im Westen des Landes. Nur ist das in Tansania kein großes Thema, es wird nicht groß diskutiert. Aber bei der florierender Wirtschaft, abnehmender, zunehmend alternder Bevölkerung, geringer Arbeitslosigkeit und einer stabilen staatlichen Absicherung können die sich das ja auch leisten. Oder bringe ich da gerade etwas durcheinander….?

In ganz Mwanza war eine große Party. Jedes Hotel, jede Bar und jedes Restaurant spielte lautstark Musik. Ärgerlich war für uns allerdings, dass auch das Shaloom Care House geschlossen hatte und wir so unseren HIV-Test verschieben musste. Stattdessen hatten wir einen entspannten Tag, den wir mit dem Halbfinale Portugal-Wales ausklingen ließen.

Auch der 7.7 war Feiertag – der saba saba (saba ist Swahili und heißt sieben), der Tag der Arbeiter und der Gründungstag der TANU, die Partei des ersten Präsidenten Julius Kambarage Nyerere. Nach einem Vormittag bei den Kids, dem Klettern auf Bäumen zum Anbringen einer Schaukel und erneutem Besuch durch die Freiwilligen der SportIMG_20160707_170619434 Charity fuhren wir am Nachmittag gemeinsam mit Jacob Ruhonyora zum New Land. Jacob hatte ich in Würzburg kennengelernt, als er mit der Delegation dorthin gekommen war. In Tansania arbeitet er bei der Organisation TAREA, die versucht erneuerbare Energien in Tansania zu fördern. Ich habe die Hoffnung, dass er unsere Organisation in Zukunft ein wenig in dieser Richtung beraten und unter die Arme greifen kann. Somit wollte ich den Kontakt zu ihm vertiefen und ihm zeigen, was uns prinzipiell zur Verfügung steht. Insgesamt hat das Grundstück leider keinen guten Eindruck gemacht. Viel lag brach und es gibt so gut wie nichts, was uns Erträge bringen kann. Früher noch hatten wir hier zahlreiche Früchte, Reis, Mais und Gemüse angebaut. Dann bekamen wir ein Problem, was auf den ersten Blick lustig klingen mag, für uns aber leider sehr ernst ist: Nilpferde. Diese aßen und zertrampelten unsere Ernten, sodass nun seit einiger Zeit nichts mehr angebaut wird. Hoffnung macht der Plan holländischer Unterstützer, dort einen Zaun aufzubauen. Anschließend könnte das Land wieder genutzt werden. Mir ist wieder klar geworden, dass wir dieses Stück Land besser ausschöpfen müssten, insbesondere eben landwirtschaftlich. Ein kleiner Lichtblick ist das Kuhprojekt dort. Ein schwedischer Unterstützer hatte es finanziert, um selbst Profit zu erzielen. Der Plan ging allerdings nicht auf. Schön ist nun das Ergebnis, dass sämtliche Milch zu Fonelisco geht und die Kinder so regelmäßig ihren Lactosestand auf Vordermann bringen können. Daneben diskutierten wir sehr lange, wie und wo sich bald ein Hühnerprojekt realisieren ließe. Ein Bekannter wird uns zeitnah 200 Küken zukommen lassen, um uns bei dem Start des Projektes zu unterstützen. Vorher allerdings müssen wir noch einen Stall bauen, der gleichzeitig schlangensicher und kostengünstig sein muss. Es wird mich wohl in den nächsten Tagen noch öfter aufs New Land verschlagen, damit ich dieses Projekt vor meiner Abfahrt zumindest in den Grundzügen geplant habe. Gegen frühen Abend kraxelten Pius, Annika und ich noch über die Hügel und genossen den Ausblick auf den Lake Victoria. Wieder unten schätzten wir uns glücklich, trotz des hohen Grases und unser waghalsiger Aktion ohne unliebsame Begegnungen mit Schlangen geblieben zu sein. Am Abend in Mwanza schauten wir gemeinsam mit den Freiwilligen der Sport Charity das Halbfinale Deutschland-Frankreich. An dieser Stelle hülle ich mich in Schweigen.

Am Freitag konnten wir gemeinsam mit den Kindern dann tatsächlich zum Shaloom Care House für den HIV-Test. Wir mietetenIMG_20160707_180105346 einen Daladala, packten die älteren Kinder und einen Teil des Staffs in den Minibus und fuhren rüber. Doch recht typisch tansanisch waren die ersten 1,5h, in denen der Staff mit Mitarbeitern von Shaloom sehr viel diskutierte und überlegte, über was man denn noch so diskuterieren könne. Nun ja, vielleicht war auch nur für mich der hohe Informationsgehalt nicht greifbar. Jedenfalls ging schließlich der Staff fast geschlossen zum Testen und auch Annika und ich machten mit. Währenddessen wurden die Kinder informiert, die sich ebenso alle zu einem Test entschlossen. Es überraschte mich leider nicht, dass wir einen positiven Befund erhielten, der Rest der Kinder war negativ. Allerdings wurde ihnen das Ergebnis noch nicht gesagt, da wir Zeit gewinnen wollen, um dem betroffenen Kind auf schonende Art und Weise die schlechte Nachricht beizubringen, ihm aber gleichzeitig klarzumachen, dass wir weiter zu ihm stehen werden und er nun eine Behandlung bekommen kann. Gleichzeitig muss auch noch ein Labortest folgen, um sicherzugehen, dass das Testergebnis richtig war. Am nächsten Mittwoch kommen Mitarbeiter des Care Houses  zu uns in Waisenhaus, um die restlichen Kinder zu testen. Auch hier halte ich es für möglich, dass weitere positive Befunde folgen werden. Denn bei uns im Waisenhaus gibt es eine Vielzahl neuer Kinder, die noch nicht getestet wurden. Wissen ist Macht. Das gilt bei HIV mehr als bei allem anderen. Ich bin mir sicher, dass wir den Kindern gut helfen können. Ein positives Beispiel gab es schon, als vor einigen Monaten ein Mädchen zu uns kam, bei dem wir von Anfang an wussten, dass es positiv ist. Sie entwickelt sich aber prächtig bei uns und nach anfänglichen Schwierigkeiten gehen auch die anderen Kinder wirklich super mit ihr um – vorbildlich.

Als Belohnung für diesen Tag gab es am Abend einen Film. Teilt man den Kindern mit, dass nun ein „Movie“ geschaut wird, schnellt der Dezibelspiegel in besorgniserregende Höhen. Mit einem großen Geschrei finden sich alle Kinder innerhalb von wenigen Minuten im Klassenraum ein, verspeisen schmatzend die mitgebrachten Nüsse und schauen gebannt auf den kleinen Laptop. Ein schöner Abschluss des Tages!

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    IMG_20160705_183647822_HDRMit hartem Holpern setzte Flug FN 147  auf der kleinen Landebahn auf. Der Pilot hatte sich bei der Landung so verschätzt, dass er einige hundert Meter auf der Landebahn zurückfahren musste, um das Flugzeug in Parkposition bringen zu können. Ein Wendemanöver auf der Landebahn ist wohl nicht auf vielen Flughäfen möglich – wohl aber in Mwanza, Tansania. Zum dritten Mal nun hatte es mich vor einigen Tagen in die zweitgrößte Stadt Tansanias direkt am Victoriasee verschlagen. Nach einem achtmonatigen Freiwilligendienst 2012/2013 und einem sechswöchigen Besuch samt juristischem Praktikum beim City Council Mwanza werde ich dieses Mal leider nur drei Wochen bleiben können. Diese Zeit kann und möchte ich fast ausschließlich der Arbeit bei Fonelisco widmen.

So hart auch die Landung war, so herzlich war der Empfang. Zwei tansanische Freunde anderer NGOs erwarteten mich und Joseph und fuhren uns zum Freiwilligenhaus von Fonelisco in Ilemela, dem Vorort Mwanzas, in dem sich unser Waisenhaus befindet. Hier traf ich auf viele vertraute Gesichter und es gab ein großes Wiedersehen. Für Joseph war es nach fünf Wochen Deutschland eine Heimkehr und auch für mich fühlte es sich so an. Schließlich sollte mich die Zeit, die ich nach dem Abitur hier verbrachte, entscheidend prägen und mich nicht wieder los lassen.

Da wir erst am Abend gelandet waren und die Kinder schon schliefen, konnte ich erst am nächsten Tag die fünf Minuten zu Fuß ins Waisenhaus gehen. Schon auf dem Weg erklang das vertraute „Domi“ der Nachbarskinder und als wir uns dem Waisenheim näherten, stürmte eine Horde Kinder aus dem Eingang, um mich über den Haufen zu rennen zu können. Es sind solche Momente, die die Arbeit für den Verein wertvoll machen. Viele der Kinder kannte ich mittlerweile nicht mehr. Schließlich war es drei Jahre her gewesen, dass ich tagtäglich mit ihnen zu tun hatte. Bei meinem letzten Besuch hatte ich leider nicht so viel Zeit mit den Kindern verbringen können wie erhofft. Fonelisco ist eine Familie im Wandel, die niemals still steht. Erfreulich viele Kinder aus meiner ersten Zeit konnten in ihre Familien reintegriert werden, aber leider blieb auch für viele neue Kinder keine andere Zuflucht als das Waisenhaus übrig. Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell sich die Neuen einfügen, wie viel sie lachen und wie normal sie sich verhalten, trotz allem, was vorgefallen sein mag.

IMG_20160703_150457128Es dauerte nicht lange und der von mir mitgebrachte Fußball war aufgepumpt und spielbereit. Wie in den guten alten Zeiten wurde auf dem Hof gekickt. Doch recht schnell musste ich die Partie unterbrechen, da wir unerwarteten Besuch eines Freundes von Joseph bekamen, der einen amerikanischen Professor für Social Work mitgebracht hatte. Mit diesem unterhielt ich mich lange und führte ihn durch das Haus. Auch für mich war das eine gute Gelegenheit, das Haus in seinem Zustand nach der Renovierung im Spätsommer letzten Jahres zu begutachten. Damals strichen wir unter anderem die Häuser neu und tauschten alle Betten durch stabile Metallbetten aus. Das Haus machte wirklich einen guten Eindruck und wirkte sehr sauber. Am Abend stand das nicht nur in Deutschland mit Spannung erwartete Spiel gegen Italien an und gemeinsam mit den Mitarbeitern gingen wir in eine nahegelege Bar, wo wir nervenzerreißende 120 Minuten plus Elfmeterschießen verlebten, gekrönt von einem tosenden Jubel an unserem Tisch, der mich für zwei Tage die Stimme kosten sollte.

IMG_20160703_155111029Auch am Sonntag blieb ich den Tag über in Ilemela. Am Vormittag hatte ich ein langes Gespräch mit unserem Mitarbeiter Paul. Er ist äußerst qualifiziert und hat mehrere Studien abgeschlossen. Leider aber können wir es uns nicht leisten, ihn dauerhaft zu beschäftigen. Das kleine Gehalt, was wir ihm nur anbieten können, genügt ihm nicht um seine Familie zu versorgen. Es ist wirklich schade, dass wir jemanden, der seit vielen Jahren mit Fonelisco verbunden ist, nicht halten können, obwohl er in vielerlei Hinsicht einen großen Gewinn für die Organisation darstellen würde. Am Nachmittag gingen wir mit einigen Koffern schwerbepackt ins Waisenhaus, um dort in Deutschland gesammelte Kleider, Taschen, Schuhe und Schulsachen auszugeben. An dieser Stelle möchte ich allen danken, die dafür gesorgt haben, dass gut 50kg an Materialien bei den Kindern ankommen konnten. Es war mal wieder verblüffend, mit welcher Ruhe und Gelassenheit die Ausgabe ablief. Die Mitarbeiterin Hellen rief dem Alter und Geschlecht nach die Kinder in Gruppen auf und verteilte die vorsortierte Kleidung. Kein Murren war zu hören, während die Kinder geduldig darauf warteten, selbst an der Reihe zu sein. Jedes Kind bekam mehrere neue Kleidungsstücke. Man kann sich sicher sein, dass sie diese Kleider untereinander tauschen, je nachdem wem was gefällt eben. Zwischendurch musste ich mir gemeinsam mit der derzeitigen Freiwilligen Annika die Frage stellen, wie eine ähnliche Ausgabe von Kleidungsstücken wohl bei uns unseren im Vergleich doch verwöhnten Kindern in Deutschland ausgesehen hätte…

Am Montag begann wieder der Alltag im Waisenhaus. Am Morgen unterrichtete Annika gemeinsam mit dem Mitarbeiter Edward die Vorschule und ich setzte mich als stiller Beobachter hintenrein. In den drei Wochen hier werde ich mich nur beschränkt in die Lehrtätigkeit einmischen, da ich keine langfristige Struktur etablieren könnte und zudem den Eindruck habe, dass der Unterricht wirklich hervorragend läuft. Später übernahm unsere Lehrerin Yvonne einige ältere Kinder für den Englischunterricht. Ich hingegen ging mit dem Mitarbeiter Charles ein wenig durch Ilemela, um einen ersten Eindruck des Lebens dort wieder zu gewinnen. Am Nachmittag ging es dann gemeinsam mit Joseph das erste Mal wieder nach Mwanza rein in die Stadt. So wie sich Joseph in Deutschland über die fehlende Menschen auf den Straßen wunderte, so sehr freute ich mich über das bunte Treiben auf dem Weg in die Stadt und in dieser selbst. Diese Lebendigkeit Tansanias ist eine der Dinge, die mir in Deutschland immer am meisten fehlt.

Der gestrige Dienstag war ein sehr geschäftiger Tag. Nach dem Frühstück ging es wieder zum Unterricht in das Waisenhaus, allerdings musste ich einige Telefonate führen, um anstehende Termine zu klären. Vor allen Dingen telefonierte ich mit dem Shaloom Care House. Dieses Projekt hatte ich während des Besuches einiger NGO-Vertreter in Würzburg anlässlich des fünfzigjährigen Bestehens der Städtepartnerschaft kennengelernt und der Leiter Msafiri Wana hatte sich bereit erklärt, in Fonelisco einen kostenlosen HIV-Test aller Kinder durchzuführen. Am Vormittag kam noch eine Gruppe Freiwilliger der befreundeten Sports Charity Mwanza bei uns vorbei, was unweigerlich zu einer weiteren Runde Fußball führen musste. Als Torwart der Mädchenmannschaft konnte ich einen Sieg nach dem anderen einfahren, was viele der Jungs doch herrlich aufzuregen schien. Am Nachmittag gingen Annika und ich gemeinsam in die Stadt und ich führte sie dort ein wenig herum. Auf dem Weg dorthin warfen wir einen Blick in die Ende letzten Jahres gigantische Rock City Mall, ein monströses vierstöckiges Gebäude. Innen fand sich ein Supermarkt, wie ich ihn bislang in Tansania noch nicht gesehen habe und der alles anzubieten schien, was das Herz begehrte. Wir verließen die Mall mit sehr gemischten Gefühlen. Das gute an ihr ist, dass sie eine Vielzahl an Arbeitsplätzen schaffen wird. Aber sie verkörpert in keiner Weise mehr das Mwanza, was ich so liebe, das typisch afrikanisch belassene Mwanza eben. Eine Stadt, in der man eben nicht alles kriegen kann, die aber so viel mehr zu bieten hat, wenn man von Laden zu Laden streift. Die Preise in der Mall werden wohl nur für die allerwenigsten erschwinglich sein, was die Frage aufwirft, für wen dieses gigantische Bauprojekt denn überhaupt umgesetzt wurde. Mehr als sieben Monate nach Eröffnung stehen dreiviertel der Geschäfte aufgrund der hohen Mieten leer, abgesehen vom Supermarkt im Untergeschoss ist das Gebäude fast menschenleer. Im obersten Geschoss wird man bestimmt von zwei Sicherheitskräften wieder nach unten geschickt, da dort noch nichts eröffnet ist.

IMG_20160705_161612331In der Stadt stürzten wir uns in das Mwanza, was ich viel mehr schätze: Wir schlängelten uns durch die engen Gassen der viele Märkte, auf denen selbst am frühen Abend noch ein solch geschäftiges Treiben war, dass man kaum voran kam. Hier wenigstens hatte sich nichts verändert. Händler schrien durcheinander, priesen lebende und weniger lebende Tiere an, versuchten Rasierer, Klamotten, Früchte oder sonst allerlei unter die Menschen zu bringen. Alles war herrlich chaotisch und einfach wunderbar. Auf Märkten schieße ich allerdings grundsätzlich fast nie Fotos, weil es die Händler nicht gerne sehen und ich die Kultur des Landes respektieren möchte. Auch generell mache ich bislang nicht viele Bilder, da ich die drei Wochen hier nicht nur durch die Linse erleben möchte, sondern lieber mehr Erinnerungen in meinem Kopf speichern möchte, auch wenn dieser Blog natürlich darunter zu leiden haben wird. Aber ein paar Bilder werden doch zusammenkommen, damit sich hier nicht nur Text findet.

Um uns den kilometerlangen Stau aus der Stadt raus zu sparen, schwangen Annika und ich uns auf zwei Pikipikis, die Motorradtaxis hier. Hier ging es natürlich erst einmal um das obligatorische Feilschen um den Preis. Nach einigem Hin und Her ging es dann los und ich unterhielt mich die ganze Fahrt über mit meinem Fahrer über alles mögliche. Es war wirklich praktisch, dass ich die Delegation in Würzburg betreut habe, denn dadurch konnte ich mein Swahili auffrischen. Dieses ist zwar lange nicht mehr so gut, wie es einmal war, aber doch so, dass ich mich problemlos verständigen kann. In Ilemela angekommen gingen wir am Abend noch einmal gemeinsam mit Joseph und Mitarbeitern ins Waisenhaus. Dort riefen wir die älteren Kinder zusammen, um sie auf den bevorstehenden HIV-Test vorzubereiten. Auf wirklich bewundernswerte Art und Weise versuchten die Mitarbeiter den Kindern die Angst zu nehmen, sollte das Ergebnis positiv sein. Auch von den Kindern kamen einige Nachfragen und so war es eine wirklich gute und konstruktive Sitzung. An sich sollte der Test am heutigen Mittwoch stattfinden. Allerdings ereilte uns am frühen Morgen die spontane Absage des Shaloom Care House, da es wegen dem Ende des Ramadan und des damit in Tansania verbundenen Feiertags geschlossen haben würde. Nun werden wir am Freitag einen nächsten Versuch starten. Dieser Test ist mir wirklich sehr wichtig. Es ist unerlässlich zu wissen, welche unserer Kinder HIV+ sind. Mittlerweile ist das alles andere als ein Todesurteil, man kann ein vollkommen normales Leben führen und selbst eine Familie gründen. Aber das ist nur möglich, wenn man sich behandeln lässt. Ohne einen Test allerdings bekommt man eine solche Behandlung nicht und hat insbesondere keinen Zugang zu den in Tansania kostenfrei zugänglichen Medikamenten. Auch für Fonelisco ist es wichtig zu wissen, wer betroffen ist, um so Maßnahmen treffen zu können, um einer Ansteckung vorzubeugen.

Was also erhoffe ich mir von diesen drei Wochen?

In Deutschland investiere ich viel Zeit in die Arbeit für den Verein. Dabei ist es nicht immer leicht, das im Auge zu behalten, wofür man sich eigentlich einsetzt: Jedes einzelne Kind von Fonelisco. Je länger man nicht mehr hier war, desto mehr gewinnt man an Distanz. Somit verliert man aber auch die Triebfeder für die Arbeit. Das möchte ich um jeden Preis vermeiden. Umso wichtiger ist es also, von Zeit zu Zeit direkt vor Ort zu sein und Zeit mit den Kindern verbringen, bei denen die Früchte der Arbeit tatsächlich ankommen. Während meines letzten Besuches hatte ich hierfür wie erwähnt zu wenig Zeit gefunden, das möchte ich dieses Mal nachholen. Natürlich werde ich nie wieder der unbekümmerte Volontär von 2012 sein. Ich betrachte alles nun aus der Perspektive eines Mitarbeiters dieser Organisation. So ist es auch wichtig, Probleme direkt vor Ort zu erkennen. Über alles den Überblick zu bewahren ist schon hier schwer, fast unmöglich ist es aus Deutschland heraus, wenn man nicht regelmäßig seine Eindrücke auffrischen kann. Ich will auf keinen Fall, dass ich hier eines Tages ankomme und mir ist alles fremd. Es fängt schon damit an, dass es viele neue Kinder gibt, aber auch so ändern sich die Dinge. Zusätzlich habe ich einige Projekte ins Auge gefasst, bei deren Umsetzung ich Joseph gerne unterstützen möchte. Dabei geht es um den bereits erwähnten HIV-Test, aber auch um Perspektiven auf dem New Land (ein von Fonelisco vor längerem gekauftes Grunstück am Victoriasee) und Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit einem Bekannten von der Organisation TAREA, die sich für den Einsatz erneuerbarer Energien in Tansania einsetzt. Das klingt nun alles sehr geschäftig. Aber diese Zeit hier soll auch eine Zeit zum Genießen sein. Ich arbeite für diesen Verein aus Überzeugung und weil es mir Spaß macht. Diesen Spaß möchte ich hier spüren. Es bereitet mir große Freude, Zeit mit den Kids zu verbringen. Außerdem fehlt mir Tansania in Deutschland immer sehr. Diese einmalige Gastfreundschaft, wie ich sie noch nirgends erfahren durfte, die Lebensfreude trotz schwieriger Bedingungen, die Gelassenheit und Ruhe, gleichzeitig aber auch diese energiegeladene Lebendigkeit dieses Landes sind ansteckend. Davon möchte ich so viel es geht aufsaugen, dass es bis zu meiner nächsten Reise nach Tansania ausreicht!IMG_20160703_150619188